Artikel aus 6–2026

Stadt als Steinbruch

Brüsseler Kaserne wird Universitäts-Hub von EVR Architecten, BC architects & studies und Callebaut Architecten

Kaye Geipel, Stijn Bollaert (Bilder)

Das gemischt genutzte Areal Usquare ist ein von der EU gefördertes Pilotprojekt aus dem re-use-erprobten Belgien. Es zeigt, wie man Wiederverwendung im grösseren Massstab umsetzen kann. Teile der historischen Backsteingebäude dienen als Bauteillager vor Ort.

Die Finanzlage der Stadtregion Brüssel erlaubt keine kostspieligen neuen Doppelstrukturen. Deshalb haben die beiden freien Universitäten der Stadt für ein grosses Erweiterungsprojekt kooperiert – sie waren im Zuge der Studentenrevolte 1968 unter teils dramatischen Umständen in eine französischsprachige (ULB) und eine flämische Einheit (VUB) zerfallen. Ein «University Hub» mit internationaler Ausrichtung, grob vergleichbar mit der Cité internationale universitaire von Paris. Zusammen mit einer Betreibergesellschaft schrieben ULB und VUB 2018 einen Call for Project für den Umbau von sieben Bestandsgebäuden eines freigewordenen Kasernengeländes aus: Usquare.

Das Programm umfasste einen Empfangsbereich, ein Besucherzentrum für nachhaltige Entwicklung, ein Institute for Advanced Studies, Seminarräume sowie Wohnungen für Forschende. Weitere Umbauten der insgesamt 22 Kasernengebäude mit neuen Sozial-, Familien- und Studierendenwohnungen werden zurzeit privat entwickelt. Entscheidend für die grosszügige Förderung von Usquare durch den European Regional Development Fund waren das radikale Kreislaufkonzept und der Beispielcharakter für weitere Bauvorhaben: so viel wie möglich wiederverwenden, sowohl, was Materialien, als auch, was Gebäudestrukturen betrifft.

Erbaut worden war die einstige Gendarmerieschule 1908 mit teils neo-renaissanceartigen Fassaden unter König Leopold II. Seit 2015 ist das vier Hektar grosse Gelände im Stadtteil Ixelles in fussläufiger Nähe zum Campus von ULB und VUB frei. Die Altbauten stehen eng an eng, eine hohe Umfassungsmauer aus Ziegel machte sie zu einer hermetischen Insel.

Der zweiphasige Wettbewerb auf Bewerbung formulierte vier Ziele: die Öffnung des Areals zur Stadt, die Transformation der Kasernen in einen internationalen Campus, ein umfassendes Kreislaufkonzept mit Wiederverwendung der beim Umbau anfallenden Materialien sowie die denkmalgerechte Sanierung. 

Kooperation als Methode

Viele Wettbewerbsteams haben angesichts des komplexen Programms versucht, unterschiedliche Fähigkeiten zu bündeln. Beim Gewinnerteam ist die Verteilung klar: EVR Architecten aus Gent sind Pioniere für energieeffizientes passives Bauen, BC Architects aus Brüssel stehen für Low-Tech- und Re-use-Praktiken und Callebaut Architecten, ebenfalls Gent, für denkmalgerechte Sanierung. Dieser erste Sanierungsabschnitt an der Ecke Boulevard Général Jacques und Kroonlaan umfasste sieben historische Gebäude. Er wurde nach relativ kurzer Bauzeit von zweieinhalb Jahren im Februar 2024 eingeweiht. Eines der Gebäude hat man, der Durchlässigkeit des Quartiers wegen, abgerissen und zugleich als Materiallager genutzt. 

Kommt man von der schräg gegenüber liegenden Bahnstation Etterbeek, überzeugt die stadträumliche Geste: Der neue Campus wurde nicht, wie es die Ausschreibung ursprünglich vorsah, zur Breitseite des Boulevards hin geöffnet, sondern über die räumliche Diagonale zum Bahnhof hin. Eine breite Treppe führt an dieser Stelle in den tiefer liegenden Hof.

Linker Hand erreicht man den umgebauten historischen Gebäudeflügel. Über eine vorgestellte Glasfassade der jetzt aufgestockten historischen Garagen gelangt man in den öffentlichen Bereich mit zweigeschossigem Atrium, Ausstellungsflächen, einer Mensa und Räumen für studentische Initiativen. Seminargebäude und Unterkünfte für ausländische Forschende finden sich im angrenzenden Hauptgebäude. Dahinter folgt ein weiterer stark umgebauter Trakt mit Lernräumen. Die zuvor getrennten Bauten sind dank Wanddurchbrüchen nun der Länge nach miteinander verknüpft.

Material als Akteur

Usquare ist in mehrfacher Hinsicht ein Pilotprojekt. Über die wissenchaftspolitische Kooperation hinaus mischt es Universitäts- mit Quartiersfunktionen: In der ehemaligen Reithalle wird es in einem zweiten Bauabschnitt einen Markt mit nachhaltigen Produkten und begleitender Ausstellung geben.

Vor allem aber ist Usquare heute der wichtigste Prototyp für die Umsetzung lokaler Materialkreisläufe. Kristiaan Borret, der ehemalige Bouwmeester, hat das Projekt von Anfang an konzeptuell begleitet und die aufwendigen Vorarbeiten und Testverfahren unterstützt. Borret spricht einprägsam von der Idee, die Stadt als Steinbruch zu begreifen.1 Wie lassen sich nicht mehr genutzte Gebäude in der Umbauphase auch in ihren obsoleten Bestandteilen – von den Wänden bis zur Sanitäreinrichtung – weiterverwerten? Voraussetzung für das Hand-in-Hand-Gehen von Alt und Neu ist handwerkliches Know-how, das es auch im re-use-erprobten Belgien bislang nur in Ansätzen gibt, zumindest bei grösseren öffentlichen Bauvorhaben. 

Das Architekturteam benennt drei R-Strategien: Re-use bezeichnet die Wiederverwendung in ursprünglicher Form – Ziegel, Naturstein, Waschbecken, Radiatoren, Glasscheiben, Feuerleitern, Parkettböden und Kopfsteinpflaster. Dort, wo diese Materialien aus dem Umbau nicht in ausreichender Menge zur Verfügung standen, wurden sie über spezialisierte Firmen wie Rotor DC oder Franck beschafft. So reichten etwa die cremefarbenen Bodenfliesen im Treppenhaus nicht aus. Ersatz wurde aus einem der sanierten Brüsseler Bahnhöfe gewonnen.

Repurpose – also das Umfunktionieren – sah etwa den Einsatz alter Doppelverglasungen der Fassaden in eigens entworfenen modularen Holztrennwänden vor. Die dritte Strategie, Recycle, geht davon aus, dass bestimmte Materialien schwer oder gar nicht als ganze Elemente wiederzuverwenden sind: Rund 1000 Quadratmeter Fussboden bestehen in Usquare aus gemahlenen Zement- und Ziegelresten.

Nicht immer waren diese Strategien erfolgreich. Selbst einfache Ideen liessen sich nicht wie geplant umsetzen. So wurde die anvisierte Wiederverwendungsquote von 60 Prozent bei den alten Ziegeln deutlich verfehlt: Nur etwa 30 Prozent konnten tatsächlich in den Umbau integriert werden. Der übrige Bedarf musste kostspielig zugekauft werden. 

Auf der Nutzungsebene hat das Architekturteam den Erhalt existierender Raumkonfigurationen wo immer möglich favorisiert. Zudem liessen sie die Einbauten, zum Beispiel die Trennwände aus Holz, reversibel ausführen. Wie ein Manifest sichtbar wird dieses Entwurfskonzept in der neuen Empfangs- und Ausstellungshalle, in der die Holzskelettstützen der neuen Dachkonstruktion mit den stehengebliebenen Fassadenpfeilern der einstigen Garage lediglich kraftschlüssig verbunden sind und nicht auf dem Boden stehen.  

In einer Studie für die TU Delft haben die Architekten Zahlen zusammengetragen, die den Erfolg der Re-use-Strategien belegen: 75 Prozent der bestehenden Baustruktur konnten erhalten werden, 220 Tonnen Baumaterial wurden wiederverwendet, rund 156 kg CO₂-Äquivalent pro Quadratmeter eingespart.2 Diese Zahlen sind für sich genommen noch wenig aussagekräftig, da Vergleichswerte fehlen, markieren aber einen wichtigen Referenzrahmen für künftige Projekte. Zum Pioniercharakter gehört auch, dass viel zusätzliche Zeit für die «zirkuläre Arbeit» aufgewendet werden musste – insgesamt 11 856 Stunden. Dies war nur möglich, weil die Teams während des Bauprozesses Workshops mit Studierenden organisiert und selbst Hand angelegt haben.

Entwerfen im Bestand der Dinge

Usquare präsentiert vor allem im Inneren eine souverän improvisierte Ästhetik, die die belgischen Erfahrungen mit Re-use-Konzepten auf den Punkt bringt. Die Architekturschaffenden setzten dabei auf einen Umgang mit Fragmenten, der eine neue Definition des Begriffs Bricolage voraussetzt – einen, der mit seiner postmodernen Verwendung kaum noch Ähnlichkeiten hat. In der Architectural Review wurde dem Projekt angesichts seiner internationalen Bedeutung eine fehlende «semiotische oder kulturelle Vielfalt» attestiert.3 Die Kritik zielte auf die mangelnde Auffälligkeit der Umbauten; auch die durchgehend braun-ocker-grau-dunkelrote, also erdige Farbigkeit hat wohl überrascht. Diese Kritik übersieht, dass der architektonische Entwurf bei Usquare Teil einer beispielhaften Suchbewegung belgischer Büros geworden ist. Nicht mehr «Wir entwerfen und bestellen Material», sondern «Wir finden Material und entwerfen damit», lautet die Devise. Dem additiven Entwurfskonzept bei Usquare gelingt es, die Zeitschichten sichtbar zu machen. An manchen Stellen ergeben sich Situationen wie auf Bildern von Magritte, so etwa bei einem Balkon in der Eingangshalle, der durch keine Tür mehr erreichbar ist.

Die architektonische Haltung, die den Prozess über die fertige Form stellt, überzeugt auch deshalb, weil sie dem gesellschaftlichen Experiment des Zusammenwachsens zweier Universitäten, die vor fünfzig Jahren schmerzhaft getrennt wurden, einen eigenen Ausdruck gibt. Gleichzeitig bleiben dieser Bauweise Widersprüche eingeschrieben, die ihrer prozesshaften Ausführung vom Fundstück zur Form geschuldet sind: wenn etwa mit grossem handwerklichem Aufwand Akustikwände mit Hanfkalk verputzt werden, während die Flure zu den Büros sehr ärmlich wirken und die wiederverwendeten Keramiken in den Sanitäranlagen einen gewissen Muff nicht verleugnen. 

Vor allem das grosse Atrium zeigt den Anspruch der Architekturschaffenden, balancierend zwischen denkmalgerechter Sanierung und einem anderen Verständnis von Neu, das die Bausubstanz als Rohstoffquelle und Materiallager zum vordringlichen Thema macht. Die Voraussetzung für diesen ebenso didaktischen wie theatralischen Raum: den Anspruch aufzugeben, jedem Bauteil dasselbe Mass an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Bricolage hat 2026 ihre eigenen neuen Gesetze. 

Das auf Usquare erworbene Know-how wird inzwischen weitergegeben: Im Sommer steht es unter anderem beim UIA-Kongress in Barcelona zur Debatte, wo BC architects & studies einen Pavillon zum aktuellen Stand urbaner und architektonischer Recyclingverfahren gestalten. 

Kaye Geipel (1956) ist Architekturkritiker wie Kurator, wohnt in Berlin und Brüssel. Er war ab 1995 Redaktor der Bauwelt, ab 2011 dessen stellvertretender Chefredaktor und ist heute Mitherausgeber der Bauwelt Fundamente.

1 Vgl. Jan Denoo, Hedwig van der Linden (Hg.) Soft Power – 10 Years of Bouwmeester in Brussels, Köln 2025, S. 94 – 103.
2 Studie der TU Delft vgl. https://filelist.tudelft.nl/BK/Onderzoek/Onderzoeksthemas/Circular_Built_Environment/Circular_Impuls_Initiative/Circular_Design_Atlas/Atlas_USquare-Brussels.pdf (abgerufen am 13.4.2026)
3 Christophe Van Gerrewey, «Brick by bricolage», in: Architectural Review 1518/2025, S. 70 – 80.

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