Artikel aus 6–2026

Wohnen und Wiederverwenden

Re-use-Wohnhäuser von Loeliger Strub Architektur und Pascal Flammer Architekten

Jasmin Kunst, Federico Farinatti, Peter Tillessen (Bilder)

Auf dem Lysbüchel in Basel und dem Hobelwerk in Winterthur stehen Pionierprojekte des Bauens mit wiederverwendeten Teilen. Sie liefern wertvolle Erkenntnisse über Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Ökologie. Im Ausdruck überzeugen beide – obwohl ihre Entwurfsansätze nicht unterschiedlicher sein könnten.

«Ich fühle mich, als würde ich schon lange hier wohnen», sagt Herr Müller, einer von über 40 Bewohnenden des Wohnhauses LysP8, wenige Monate nach seinem Einzug. Ob das an der schnellen Bande der genossenschaftlichen Gemeinschaft liegt? Oder doch am Umstand, dass viele der verbauten Teile hier bereits ihr zweites Leben verbringen und das Haus von Anfang an viele Zeitlichkeiten in sich trägt? So oder so, die Bewohnenden scheinen sich in dem Eckhaus wohlzufühlen, das den Blockrand Lysbüchel Süd (wbw 9 – 2022, S. 22 – 31) auf angenehm eigenwillige Weise abschliesst.

Mehr ist mehr

In gewohnt farbenfroher Manier heben Loeliger Strub die Unterschiedlichkeit der Teile hervor, aus denen das Laubenganghaus zusammengesetzt ist. Die Obergeschosse sind in dunkelbraune, der Sockel ist in hellere Ziegel gekleidet. Das ist nur in zweiter Linie gestalterische Absicht: Für das ganze Haus reichten die Flachmuldenziegel der ersten urbanen Mine – eine Draisinen-Halle auf dem Lok-stadt-Areal in Winterthur – nicht aus. Auch bei den weissen Forster-Küchen, die aus der Siedlung Zwischenbächen in Zürich stammen, werden fehlende Teile kurzerhand zum Farbkonzept: Sie kontrastieren in Schwarz und Hellblau. Und ebenso bei den Fassadenplatten ist die Vielfarbigkeit vorgegeben: Der Restposten von Swisspearl gab nicht genug Faserzementplatten einer Farbe fürs ganze Haus her. Also sicherten sich Loeliger Strub im Vorfeld jene in Grau, Blau und Rot und fügten diese nach und nach in die Ansicht ein.

Zum Bauen mit Re-use-Bauteilen passt dieser maximalistische Ansatz gut. Überall findet das Auge Dinge, um sich festzuhalten; vermeintliche Unstimmigkeiten fügen sich in ein reiches Gesamtbild ein. Dennoch ist es keine Collage, nirgends kippt es ins Unkontrollierte. Aber auch viele weit weniger auffällige Teile sind wiederverwendet: von Sanitärelementen wie Waschbecken, WCs, Toilettenpapierhalter und Spiegeln über Veloständer bis hin zu der ersten Schicht Gipsfaserplatten der Wohnungswände.

Die verbauten Re-use-Bauteile stammen aus 22 Minen, obwohl Loeliger Strub das Auswahlverfahren 2020 mit der Idee gewonnen hatten, Teile aus einer eigenen Abbruchbaustelle in Luzern wiederverwenden. Das hat wegen zeitlicher Verzögerungen am Ende aber nicht geklappt.
Auch vor Ort in Basel gab es nichts mehr weiterzunutzen: Der Vorgängerbau, ein Coop-Verteilzentrum, war bereits abgebrochen und einige Teile waren bei der Aufstockung K118 in Winterthur verbaut worden. Die Betonelemente des benachbarten Lysbüchel-Parkhauses wurden zwar sorgfältig abgebaut, stehen jedoch für die zwei Wohnbauten am Walke- und Schliengerweg in Basel zur Verfügung. (Wie ökologisch sinnvoll es ist, ein Parkhaus zu zersägen und als Fassade wiederzuverwenden, statt es direkt umzunutzen, ist ein anderes Thema.)

Die Teile mussten also anderswo besorgt werden. Als Re-use-Fachplanerin war die Firma Zirkular mit von der Partie. «Die Bauteiljagd war ein Abenteuer», erzählt Marc Loeliger. Um nur ein Beispiel zu nennen: Gut erhaltenes Holz liesse sich in zahlreichen Dachstühlen finden. Warum also nicht zumindest Teile der Holzstruktur daraus erstellen? Loeliger zählt auf: Die Balken hätten zuerst mit einem Metalldetektor auf Nägel abgesucht werden müssen, um die Schleifmaschinen nicht zu gefährden: zu aufwendig und teuer. Die zweite Mine, Holzpodeste einer Tunnelbaustelle, klappte nicht wegen Pilzbefalls. Erst der dritte Anlauf funktionierte: Brettschichtholzelemente eines Formel-E-Zuschauerpavillons aus Zürich.

Ein zentrales Learning: So viel wie möglich über ein Bauteil herausfinden; von Detektivarbeit spricht Projektleiterin Tenzin Dawa Tsamdha bei Loeliger Strub. Zudem hatte das Planungsteam für jedes Re-use-Bauteil eine Alternative, falls es doch nicht verfügbar gewesen, kaputt oder verloren gegangen wäre.

«Re-use hat die grösste Chance, wenn Teile 1:1 so eingesetzt werden, wie sie sind – ohne Zurechtschneiden oder Oberflächenbehandlung,» resümiert Tsamdha. Einerseits wegen des finanziellen Aufwands, andererseits wegen der Grauenergie, die dadurch wiederum grösser wird.

Monochrom und kleinteilig

Weiss statt bunt zeigt sich das Haus D auf dem Hobelwerk-Areal in Winterthur (wbw 7/8 – 2022, S. 57 – 61). Es ist nicht auf den ersten Blick ablesbar, welche Teile hier überhaupt wiederverwendet worden sind. Der Anstrich beruhigt, vereinheitlicht, macht aber nicht gleich – im Gegenteil. Er lässt die Vielgestaltigkeit auf unaufgeregte Weise hochwertig und stimmig wirken. Drei Fassaden sind in einfache Holzlatten gekleidet. Die vierte Fassade zum Freiraum der Siedlung ist gleichzeitig die öffentlichste. Hier dominieren Re-use-Aluminiumblech, der elegante Schwung der offenen Wendeltreppe und der Balkon.

«Re-use tut dem Ausdruck sehr gut», findet Pascal Flammer, «dass nicht alles perfekt zueinanderpasst, macht das Haus spannender, durchlässiger und entspricht der heterogenen Bewohnerschaft viel mehr.» Er gewann den Wettbewerb, den die Genossenschaft mehr als wohnen 2017 ausschrieb. Diese ist bekannt für innovative Wohnformen und wollte auch in Oberwinterthur ein Pionierprojekt realisieren. Möglichst viel Re-use war das erklärte Ziel, der Weg dorthin aber offen. Es durfte aber nicht mehr kosten, länger dauern oder eine schlechtere Qualität als ein Neubau aufweisen. Für den Re-use war ebenfalls das Baubüro in situ (das Spin-off Zirkular wurde erst danach gegründet) beteiligt.

Einen Bauteilkatalog, wie heute üblich, gab es vor fast zehn Jahren beim Wettbewerb noch nicht. Also definierten Flammer und in situ zunächst gut 50 potenziell wiederverwendete Bauteile. Dann diskutierten sie mit dem Baumanagement, was finanziell umsetzbar war. Eine Erkenntnis dabei: einfache, wenig verarbeitete Teile wiederzuverwenden ist nicht rentabel – daran scheiterte etwa die Idee, Schalungstafeln als Fassade zu verwenden. Es lohnen sich vor allem hochwertige, verarbeitete Teile: Fenster, Innentüren, Waschbecken oder Toiletten. Was sich ebenfalls gut eignet sind Restposten, etwa Plättli für die Bäder oder Fenster aus Fassadenmockups. «Das führt dazu, dass entgegen der ersten Intuition gerade die Re-use-Bauteile eine grosse Wertigkeit haben», so Flammer.

Auch in Winterthur war Flexibilität gefragt. «Man plant quasi doppelt.» Flammer und sein Team entwickelten Leitdetails mit Spielraum; bei den Fensteröffnungen etwa mit bis zu 30 Zentimetern. Wenn ein Re-use-Bauteil nicht aufzutreiben war, griff man auf Alternativen zurück. Schliesslich konnten 21 Re-use-Teile in mehrfacher Stückzahl verbaut werden; darunter Fenster, Innentüren oder Gitterroste als Geländer.

Lohnt sich das?

Lohnt sich der finanzielle und planerische Aufwand? «Aus ökologischer Sicht ganz klar», sagt die Nachhaltigkeitsfachfrau Katrin Pfäffli. Sie hat für das Wohnhaus in Basel eine umfassende Bilanz erstellt und kann den ökologischen Wert von Re-use genau beziffern. Angenommen, das Haus stünde 60 Jahre, liegt die Grauenergie für die Erstellung bei 6,9 Kilogramm CO₂ pro Quadratmeter. Wären nur neue Bauteile verwendet worden, läge der Wert bei 7,7. «Selbst das wäre noch ein hervorragender Wert», so Pfäffli. Das Hobelwerk schneidet ähnlich ab, hier liegt der Wert bei 8,1 kg CO₂ equ pro m² und Jahr1.

Was sagen uns diese Zahlen? Einerseits stimmen sie optimistisch, weil sie zeigen, dass der Weg zum Nettonullziel machbar ist.2 Andererseits legen sie einen kritischen Massstab vor. «Die Grenz- und Zielwerte von Minergie 2026 oder MuKEn 2025 (Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich) liegen mit 10 und 12 deutlich über dem, was in der Praxis bereits machbar ist», erklärt Pfäffli.

Um diese ambitionierten Grauenergiewerte zu erreichen, reicht es natürlich nicht aus, 20 bis 30 Elemente wiederzuverwenden. Nachhaltigkeit muss umfassend gedacht werden. Die Wohnhäuser in Winterthur und Basel tun das: Beide greifen auf ein einfaches Holztragwerk zurück, das flexibel auch mit anderen Wohntypen gefüllt werden könnte und so verspricht, langlebig zu sein. Das Hobelwerk verzichtet zudem auf ein Untergeschoss, was Beton spart.

Und zuletzt haben auch die Wohnformen einen grossen Einfluss: Jeder nicht gebaute Quadratmeter spart CO₂. Also ist der Flächenverbrauch pro Person minimiert, in Winterthur auf 30, in Basel auf 33 Quadratmeter (Hauptnutzfläche geteilt durch Personenzahl). Die Kunst ist dabei: Reduktion soll sich nicht nach Verzicht anfühlen.

Dass Loeliger Strub den virtuosen Umgang mit knappem Raum beherrschen, beweisen sie mit einer Badezimmer-Klapplösung à la Lux Guyer. Das Badezimmer, das mittig in den durchgesteckten Wohnungen liegt, lässt sich zum Einbaumöbel verschliessen oder als Raumtrenner öffnen. In Winterthur wohnt man gemeinschaftlich in grossen Cluster-WGs, wobei sich die Zimmer unterschiedlich zusammenschliessen lassen.

Bei beiden Häusern erweitert eine Laube den Wohnraum nach draussen und bietet Raum für einen nachbarschaftlichen Schwatz. Nebeneffekt: Die beheizte Fläche lässt sich minimieren.

Re-use ist ein Aspekt von vielen, aber eben einer, der das Aussehen von Häusern massgeblich beeinflusst. Das Repertoire an guten Beispielen ist um zwei Wohnhäuser reicher geworden. 

1 Inklusive einem Anteil PV und Tiefgarage. Ohne diesen Anteil läge der Wert bei 6,4 kg CO₂/m²*a. Die ökologische Nachhaltigkeit des Wohnhauses wird im Forschungsprojekt «Projekt Hobelwerk – Skalierbare Lösungen für den Weg zu Netto Null» gerade umfassend ausgewertet.
2 Der Grenzwert des «Klimapfads» SIA 390/1 sieht zwei Richtwerte vor. Der ambitioniertere Wert A liegt bei 6 kg CO₂/m²*a für die Erstellung und zielt auf Netto-Null bis 2040 ab. Die Basisvariante B liegt bei 9 kg CO₂/m²*a. Dieser orientiert sich an Klimaschutzstrategie des Bundes, die Erderwärmung auf +2 °C zu beschränken.

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