Artikel aus 7/8–2025

Zukunft der mechanischen Nostalgie

Funicular da Graça in Lissabon von Atelier Bugio

André Tavares
, Alexander Bogorodskiy (Bilder)

Strassenbahnen und Aufzüge wurden im 19. Jahrhundert gebaut, um die steilen Lagen Lissabons einfacher zugänglich zu machen. Heute sind die historischen Bahnen wichtiger Teil der touristischen Infrastruktur. Gleich­zeitig dienen sie als Vorbild für Neu­interpretationen.

Die moderne Stadt sehnte sich nach Geschwindigkeit. Die mechanischen Aufzüge, die Ende des 19. Jahrhunderts in Lissabon gebaut wurden, veränderten die Stadterfahrung der Gesellschaft. Mit Hilfe von Standseilbahnen und Motoren wurde der rasche vertikale Aufstieg zum Markenzeichen der Metropole. Angenehme Vibrationen, die durch Metallkonstruktionen übertragen wurden, waren von einer neuartigen Wahrnehmung der alten Stadt begleitet. Das war vor langer Zeit – in einer Epoche, als Fussgänger und Fussgängerinnen noch mit Pferdekutschen um den Strassenraum konkurrierten. Die mechanische Infrastruktur blieb bis weit ins 20. Jahrhundert wichtig, auch als das Auto schon längst die Stadt erobert hatte.

Als die Bevölkerung wuchs, verlagerten sich Geschäfte und Wohnungen aus dem Stadtzentrum in besser erschlossene Gebiete, die oft durch Strassenbahnen angebunden waren. Wie viele europäische Städte erlebte auch Lissabon daraufhin einen Verfall seines Zentrums. Die Vernachlässigung erreichte 1988 ihren Höhepunkt, als Teile des zentral gelegenen historischen Quartiers Chiado bis auf die Grundmauern niederbrannten. Álvaro Siza wurde mit dem Wiederaufbau des verwüsteten Viertels beauftragt und er integrierte eine Metrostation als wichtigen Verkehrsknotenpunkt in die komplizierte Topografie. Die alten Aufzüge wurden mehr und mehr Teil einer Postkartenkulisse, in der man Fado sang, während die Stadt von ihren eigenen Bildern verschlungen wurde.

Bahnen als touristisches Kapital

Die neue Standseilbahn von Graça befindet sich auf dem östlichen Hügel der historischen Stadt, gegenüber den berühmten Aufzügen von Lissabon. Sie bietet den Fussgängerinnen und Fussgängern nun eine sanfte Möglichkeit, die quälend steilen Strassen zu erklimmen. Sie ist eines von fünf Projekten der Stadt Lissabon, den Hügelzug mit der Burg Castelo de São Jorge einfacher zugänglich zu machen. Atelier Bugio fügte neben der Standseilbahn auch den Aufzug vom Campo das Cebolas nach Sé in die bestehende Stadtstruktur ein und ergänzte die berühmten Treppen Escadinhas da Saúde von Mouraria zur Burg um mechanische Rolltreppen.

Wer sich in Lissabon auskennt, weiss, dass wir uns hier im Epizentrum des Tourismus befinden. Im Jahr 2024 verzeichnete das neue Kreuzfahrtterminal (wbw 4 – 2018, S. 70 – 75) durchschnittlich mehr als 2000 Besuchende pro Tag: ein Heer von Touristen, die die Hügel hinaufklettern, um die begehrtesten Attraktionen der Stadt zu erobern. Das Ergebnis ist ein Gebiet, das mit Tuk-Tuks, Taxis, Bussen, Minibussen mit Ausflüglern und Lonely-Planet-Reisenden jeden Alters und jeder Herkunft überfüllt ist: Babel. In Martim Moniz, wo man in die berühmte Strassenbahnlinie 28 einsteigen kann, gibt es lange Schlangen von Touristen. Sie warten darauf, die überlasteten Schienenfahrzeuge zu füllen. Die Strassenbahngesellschaft musste eine alternative Linie mit regulären Bussen – die für touristische Selfies unattraktiv waren – einrichten, um die wenigen hartnäckigen Einheimischen zu bedienen, die noch in der Gegend leben. Die drei genannten Personenbeförderungsanlagen sollen nun helfen, diese Massen zu bändigen, und eine Alternative bieten, um zu den wichtigsten Sehenswürdi­gkeiten zu gelangen. Mit ihrer Kapazität ersetzen sie nicht die Strassenbahnen, deren Daseinsberechtigung eher das Foto als die Fortbewegung ist. Aber sie tragen dazu bei, den Druck auf die verschiedenen Systeme zu verringern.

Sanft eingefädelte Linie

Der Entwurf von Atelier Bugio für das neue Funicular da Graça zeigt die aufmerksame Beobachtung der Geschichte Lissabons durch den Architekten João Favila. Durch die Lektüre alter Pläne und die Beobachtung der Steine, die die Spuren der Stadtentwicklung tragen, hat Favila den morphologischen Verlauf der alten, heute kaum noch sichtbaren Stadtmauer freigelegt; noch deutlicher wird dies bei den Mouraria-Rolltreppen. Durch chirurgisch genaue Eingriffe in die Altstadt unterstreichen alle drei Projekte von Atelier Bugio ihre narrative Kraft. Für die Standseilbahn wurden ungenutzte Grundstücke und verlassene städtische Gebäude angeeignet, das Innere bestehender Gebäude übernommen, Tunnel unter Strassen gegraben und elegante neue Volumen im öffentlichen Raum geschaffen. Diese komplexen Strategien ermöglichen es dem Architekten, Konflikte zu vermeiden, wenn von der Mechanik diktierte schnurgerade Linien in den Stadtkörper eingefügt werden. Im Gegensatz zu den gewaltsamen Gesten der Aufzüge aus dem 19. Jahrhundert, die die Macht und Geschwindigkeit der Maschine inmitten der Gebäude einer vergangenen Epoche repräsentieren, fügt sich Favilas Bahn sanft in das historische Viertel ein und betont den Wert der alten Gebäude.

Die gute Gestaltung zeichnet sich durch eine besondere Liebe zum Detail und zum Handwerk aus, die für Projekte dieser Art ungewöhnlich ist. Mit eleganten Handläufen, raffiniert verlegten Fliesen im Dialog mit lokalem Naturstein, hölzernen Fensterrahmen und einer einzigartigen, in der Schweiz hergestellten Kabine trägt das Bauwerk die Handschrift architektonischer Handwerkskunst. Dadurch unterscheidet sich der neuartige Zugang zum Castelo-­Hügel wesentlich von der Erfahrung, in Lissabons Aufzügen des 19. Jahrhunderts hinaufzufahren.

In den Fussverkehr investieren

Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftsmotor der jüngsten Wiedergeburt Lissabons und hat einen erheblichen Einfluss auf das Nettoeinkommen der Stadt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Stadtverwaltung in das Wohlergehen ihrer Besucherschaft investiert. Noch bemerkenswerter ist die grosszügige Investition in die Mobilität des Fussverkehrs im Gegensatz zur Priorität, die normalerweise der motorisierten Fortbewegung eingeräumt wird. Trotz gelegentlicher Erweiterungen der U-Bahn-Linien, der politischen Auseinandersetzungen über die Effizienz von Fahrradwegen und alternativen Mobilitätsformen, die immer beliebter werden, begünstigen die grossen kommunalen Investitionen weiterhin die Autoinfrastruktur. Staus sind in Lissabon nach wie vor Kennzeichen sozialer Ungleichheit, die sich mit der Wohnungskrise noch verschärft haben. Parallel dazu hat der Tourismus die Finanzialisierung des Wohnraums in Lissabon ausgelöst, die dieser Tendenz in anderen europäischen Hauptstädten folgt. Sie führt zur Vertreibung der Bewohnerschaft aus ihren eigenen Städten. Und während der Castelo-Hügel nun von buntgekleideten Touristenscharen bevölkert wird, die die neue Standseilbahn nutzen, um schnell durch ihren Urlaub zu kommen, gibt es Stadtteile, in denen die Luftverschmutzung aufgrund des dichten Autoverkehrs die europäischen Grenzwerte übersteigt. Die endlosen Flächen, die der Individualverkehr benötigt, bleiben für die nächsten Jahrzehnte bestehen. So wird Asphalt weiterhin den Boden versiegeln, in den man Bäume pflanzen könnte, und weiterhin zu hohen Temperaturen in der Stadt beitragen. Die sorgfältig entworfene, ja luxuriöse Standseilbahn, die João Favila von Atelier Bugio für den Castelo-Hügel entworfen hat, erinnert daran, dass nicht alles verloren ist. Architekten und Architektinnen besitzen jenseits der Nostalgie immer noch das Wissen und die Fähigkeit, sich alternative Zukünfte vorzustellen. Mögen die ganze Stadt und die Benachteiligten von einer öffentlichen Politik für den Fussverkehr profitieren.

André Tavares (1976) ist Architekt, Gründungsdirektor von Dafne Editora und Forscher an der Fakultät für Architektur der Universität Porto. Zuletzt publizierte er die Bücher The Anatomy of the Architectural Book (Lars Müller/ CCA , 2016) und Vitruvius Without Text (gta Verlag, 2022).

Aus dem Englischen von Lucia Gratz. Originaltext

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