Artikel aus 7/8–2026

Bewegte Berner Topografie

Gaswerkareal und Brückenkopf in Transformation

Simon Gysel, Fabian Brügger (Bilder)

Eine städtebauliche Entwicklung erhitzt die Gemüter: Im Bereich der Monbijoubrücke soll ein neues Wohnquartier entstehen. Die geplanten Veränderungen sehen nicht alle als Gewinn.

Bevor die Aare ihre berühmte Schlaufe schützend um die Altstadt von Bern legt, fliesst sie im Marzili-Quartier als geradliniger Kanal am Gaswerkareal und dem Freibad vorbei, unter der Monbijoubrücke hindurch und direkt auf das Bundeshaus zu. Während der Fluss über Jahrtausende die Topografie aushob, die zur Ansiedlung der Zähringerstadt führte, veränderten bauliche Eingriffe in den 1960er Jahren das Quartier in der Schwemmebene auf einen Schlag. Der weitgehende Rückbau des Gaskraftwerks, der rücksichtslose Umbau der Badeanlage und der monumentale Neubau der Autobrücke prägen den Ort bis heute. Mit der geplanten Transformation des Gaswerkareals steht das Quartier erneut vor grundlegenden Veränderungen.

Auf den ersten Blick scheinen die zentrale Lage, der flache Grund und die Nähe zum Wasser ein Filetstück für die Stadtentwicklung nach innen zu bieten. Betrachtet man den Ort jedoch genauer, stellt sich aufgrund seiner wichtigen Bedeutung als Schwemmebene, Naherholungsgebiet und Kulturstätte die Frage, ob hier überhaupt gebaut werden soll. Wiederholen sich durch Kurzsichtigkeit in der Stadtplanung Fehler der Vergangenheit – mit dem Konsum der restlichen Freiflächen auf Stadtgebiet – oder leistet das Gaswerkareal einen Beitrag zur sozial verträglichen Verdichtung, der nur auf dieser Industriebrache geleistet werden kann? Zeit für einen Ortsbesuch.

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Zuerst erfolgt der Abstieg. Unzählige Treppen und gepflasterte Serpentinen, die historische Drahtseilbahn, ein profaner Aufzug oder eine nie enden wollende Parkhausrampe führen von der Stadt in die Schwemmebene des Marzili-Quartiers. Unten angekommen, verschwindet die Stadt hinter dem dicht begrünten Aarehang und man wähnt sich aufgrund der industriellen Sichtbacksteinbauten, des weitläufigen Grünraums und der informell genutzten Brachen in einer anderen Zeit. Willkommen in der Zentrumsperipherie, wo Wohnungsnot und Verdichtung scheinbar noch nicht angekommen sind. Es ist der wichtigste Naherholungsraum der Beamtenstadt mit dem Marzilibad als zentralem Ausgangspunkt fürs Aareschwimmen und Ankunftsort für das «Aarebööteln».

Während hier früher Holz für das Baugewerbe und die Gasproduktion aus dem Berner Oberland anlandeten, sind es heute Freizeitkapitäne mit ihren Schlauchbooten. Ursprünglich wurde im «Löifu» gebadet, dem alten Aarelauf, der das Marzilibad bis 1968 zur Insel machte. Sukzessive konnte die Stadt diese aufkaufen, um eine öffentliche Badeanstalt zu etablieren. Denn bis weit ins 19. Jahrhundert war öffentliches Baden weitgehend Männern und Knaben vorbehalten und zur Körperhygiene mischten sich Trinkgelage und Prostitution. Frauen und Mädchen mussten in kostenpflichtige Privatanlagen ausweichen. Beinahe zeitgleich mit dem öffentlichen Bad für alle wird um 1875 auch das Gaskraftwerk vom Hafen am Fuss des Bundeshauses flussaufwärts versetzt, laufend erweitert und ans Bahnnetz angeschlossen, das fortan die Aare als Transportweg ablöste. Um 1900 gesellten sich am Kopf der Marzili-Insel schrittweise die Dampfzentrale zur Stromerzeugung und die Ryff-Fabrik zur Strickwarenherstellung dazu. Am ehemaligen Standort zeugt noch heute ein oktogonaler Bau vom Gaskraftwerk, neben dem Wohnhäuser errichtet wurden. Die Nutzungsmischung aus Industrie, Freizeit und Wohnen sorgte für Reibungen, aus baulicher Sicht jedoch folgte ein ruhiges halbes Jahrhundert.

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Die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit sorgte im Marzili für einen massiven Wandel. Während für das ursprüngliche Bern eine Brücke über die Aare – als Einfallstor in die Stadt – Gefahr bedeutete, kehrte sich dies mit der Industrialisierung und dem autogerechten Städtebau um. Nachdem der Plan einer Südumfahrung, inklusive Tunnel unter dem Gurten, als zu aufwendig verworfen worden war, plante man bereits Anfang der 1940er Jahre, die Quartiere Kirchenfeld und Sulgenbach über die Aare-senke hinweg zu verbinden. 1962 eröffnete nach nur zweijähriger Bauzeit die Monbijoubrücke, eine Zwillingsbalkenbrücke aus trapezförmigen Hohlkastenprofilen, die in vorgespanntem Eisenbeton ausgeführt wurde – seinerzeit die längste fugenlose Brücke der Schweiz. Das monumentale Bauwerk zementierte wortwörtlich das städtebauliche und soziale Oben und Unten der Stadt. Während die Innenstadt seither von der südlichen Umfahrung entlastet wird, belastet die Brücke nun vor Ort: Unten wirft sie Schatten, oben tost der Verkehr. Durch den Naherholungsraum wurde eine Schneise gezogen, die unten zum Un- und oben zum Durchfahrtsort wurde. Dazu beigetragen haben gegen Ende der Sechzigerjahre zudem der Bau des vielgeschossigen westlichen Brückenkopfs und der weitgehende Rückbau der Gebäude auf dem Gaswerkareal. Ersterer ragt beidseits der Eigerstrasse wie ein Eisberg nur geringfügig über den Horizont der Brücke hinaus, verfügt jedoch unterhalb der Brücke über ein gewaltiges Volumen – inklusive Parkhaus –, das bis auf die Ebene der Aare reicht.

Bald schon standen Flächen leer, sowohl im Brückenkopf als auch auf dem Gaswerkareal. Was aus bürgerlicher Sicht ein Schandfleck war, bot gesellschaftlichen Randgruppen eine Möglichkeit, sich Raum zu verschaffen. So entstand 1971 mit einer Besetzung der «Gaskessel» als eines der ersten Jugend- und Kulturzentren Europas. Auf den «Chessu» folgten in den Achtzigerjahren die Besetzung der Dampfzentrale, ein Bordell und diverse Nachtclubs. Mit dem «Freien Land Zaffaraya» und seit 2018 dem Wagendorf «Anstadt» blühte im Schatten der Brücke alternatives Leben auf. Die zeitgleiche Entwicklung im sonnigen Marzilibad bildet einen starken Kontrast dazu. Ab 1968 wurde der leicht kurvige, naturnahe alte Aarelauf gekappt und bis auf das Bueberseeli wohl mit dem Aushub der vier neuen, inmitten der Insel ausbetonierten Becken zugeschüttet. Das Schwimmen verlagerte sich auf schnurgerade Längen und die kanalisierte Aare. Auf die bewegte Zeit der Jugendunruhen und die tiefgreifende Umgestaltung folgte wiederum ein baulich ruhiges halbes Jahrhundert.

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In den letzten Jahren stieg der Entwicklungsdruck kontinuierlich. Das Marzili-Quartier wandelte sich erneut, diesmal jedoch nicht autogerecht, sondern im gemächlichen Berner Schritttempo. Ob Sanierung und Erweiterung der Jugendherberge, Sanierung des Bueberbades, Erweiterung der Schule Marzili, Sanierung und Umbau der Dampfzentrale, der Ryff-Fabrik oder des Brückenkopfs: Sämtliche Projekte suchen den Dialog mit dem Bestand und schreiben so den Ort weiter.

Der Umbau des Brückenkopfs West erfolgte 2021 durch Bauart. Er thematisiert das dem Gebäude seit der Erstellung in den 1960er Jahre inhärente soziale Gefälle zwischen Unten und Oben explizit. Der Ausbaustandard der Wohnungen des umgenutzten Bürohauses nimmt mit zunehmender Höhe etagenweise zu. Dies wird durch schmaler werdende Brüstungsbänder – die kontinuierlich mehr Fläche für die Bandfenster freigeben – auch von aussen ablesbar gemacht. Die Architekturschaffenden trieben dieses Konzept nicht auf die Spitze, denn zuoberst findet sich statt einer Attikawohnung eine gemeinschaftlich genutzte Dachterrasse.

Besonders augenfällig wird die Suche nach historischen Anknüpfungspunkten auch bei den beiden grossen, 2021 durchgeführten Wettbewerben zur Erneuerung des Marzilibads und zur Entwicklung des Gaswerkareals. Ersterer verhandelte die Frage, inwiefern der alte «Löifu» wieder sicht- und erlebbar gemacht werden sollte. Der Jury standen diverse Vorschläge zur Wahl: von einem renaturierten Seitenarm über die Anordnung der Schwimmbecken im Bereich des alten Flussverlaufs bis hin zu einer sanften Umgestaltung, die das ehemalige Gewässer mit einem Schlauchboothafen und einem Fusspfad markiert. Die pragmatische, etwas mutlose Variante obsiegte und wird nun etappenweise in den Wintermonaten umgesetzt.

Eine umfassende und teure Altlastensanierung stand 2011 am Beginn des neuesten Entwicklungsschritts im Gaswerkareal. Die Energie Wasser Bern (EWB) als damalige Eigentümerin ersann dafür eine Überbauung zur Querfinanzierung; neun Jahre später kaufte die Stadt das Areal und übernahm auch die Idee einer Bebauung mit zur Hälfte gemeinnützigem Wohnungsbau. Kurz darauf folgte der Ideenwettbewerb. Mehrere Teilnehmende sprachen sich dabei für den Erhalt der Freifläche aus und erarbeiteten eine Charta mit Argumenten für den Erhalt («Bauen oder Freihalten?», wbw.ch, 16.4.2022). Die Jury und später die Stimmbevölkerung entschieden sich dagegen.

Das siegreiche Projekt von Holzhausen Zweifel und Camponovo Baumgartner beruft sich auf die ehemaligen Industriebauten, übernimmt deren orthogonale Struktur, Körnung und Vielfalt. Zurzeit läuft der Wettbewerb des ersten Baufeldes rund um die Ryff-Fabrik und man darf auf die künftige Entwicklung gespannt sein. Wird es im Marzili weiterhin Platz haben für Lautes, Ausuferndes und Überbordendes oder verstummt einer der letzten Freiräume von Bern durch Lärmverordnungen? Trocknen die Schattengewächse durch Hochwasserschutz aus und gebieten Hausregeln dem unkontrollierten Freiraum Einhalt? Es stehen sowohl sozial als auch baulich bewegte Jahrzehnte bevor. 

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Simon Gysel (1987) arbeitet seit dem Architekturstudium als selbstständiger Architekt, Illustrator und Autor in Zürich und Bern als Mitglied der Werkgruppe agw. Der vorliegende Text entstand aus dem vertieften Gespräch mit Dieter Schnell.

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