Artikel aus 7/8–2026

Bundesbern

Demokratie in Gehdistanz

Claude Longchamp

Demokratische Räume sind keine Kulissen aus Stein, Beton und Glas. Es sind Orte, an denen Macht erlebbar wird, Teilhabe erprobt wird und Konflikte ausgetragen werden. In ihnen spiegelt sich die politische Kultur des Landes.

Gemäss dem französischen Soziologen Henri Lefebvre organisieren sich Gemeinschaften in politischen Räumen, um Herrschaft zu repräsentieren, Konflikte auszutragen und neue Mitglieder einzuführen. Das gilt für formelle Institutionen ebenso wie für informelle Foren. Denn Lefebvre versteht geschlossenen oder offenen Raum als gesellschaftliches Produkt aus Praktiken, Vorstellungen und gelebten Erfahrungen. Er ist nie neutral, immer Ergebnis von Aushandlungen und Schauplatz neuer Kämpfe.

Die Bundesstadt

In der Bundesstadt Bern verdichten sich die drei politischen Ebenen Bund, Kanton und Stadt auf engstem Raum. Die historische Altstadt entstand bis zum 18. Jahrhundert und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Münster, Zytglogge und die Strassenzüge mit den Lauben machen sie unverwechselbar. Mit der Gründung des Bundesstaats entstand der dreiteilige Bundeshauskomplex aus Bundeshaus West, Bundeshaus Ost und Parlamentsgebäude. Hier liegen Regierung, Parlament und Verwaltung räumlich eng beisammen und bilden ein eigenes Regierungsviertel. Dessen Sandstein bildet eine prächtige Kulisse für die umliegenden Freiräume und steht für institutionelle Kontinuität und Stabilität. Mit der Gesellschaft aus Bürgerinnen und Bürgern entstanden schrittweise Öffentlichkeit und Beteiligung, welche die historischen Orte des Stadtadels als neue Arenen der demokratischen Teilhabe nutzen.

Aus der Vielzahl politischer Räume greife ich drei heraus, die zum bernischen Markenzeichen gehören: das Bundesratszimmer, den Bundesplatz mit Bundesterrasse und das Zentrum für Kulturproduktion PROGR.

Bundesratszimmer

Mittwochmorgen im Bundeshaus West: Hinter schweren Türen treffen sich seit 1857 die sieben Bundesräte zur wöchentlichen Sitzung. Der Bundeshauskomplex verkörpert die institutionelle Macht im Bundesbern. Alles hier steht unter Denkmalschutz. Nur der Bundesrat nicht. Die Autorität der Gründerzeit ist dem kommunikativen Durcheinander der Gegenwart gewichen. Um Gegensätze zu moderieren, finden die Versammlungen im engen Raum in hergebrachter Form statt. Sie kennen eine feste Sitzungsordnung und feine Hierarchien, angefangen beim jeweiligen Bundespräsidenten oder bei der -präsidentin mit der Bundeskanzlei bis hin zu den amtsjüngsten Mitgliedern. Meist werden die Entscheidungen der Landesregierung in gesitteter Ordnung gefällt.

Der abgeschlossene Raum steht für Diskretion. Doch die Nähe der Verhältnisse im Regierungsviertel sorgt dafür, dass neben der amtlichen Regierungskommunikation ein dichtes Netz aus Politik, Verwaltung und Journalismus existiert, das gelegentlich mehr weiss und verbreitet, als die grosse Öffentlichkeit erfahren soll.

Bundesplatz und Bundesterrasse

Nur wenige Schritte vom Bundesratszimmer entfernt liegt der Bundesplatz als öffentlicher Raum vor dem Parlamentsgebäude. Gesäumt wird er von Bundeshaus, Nationalbank, der ehemaligen Kantonalbank und Restaurants – eine steinerne Front der politischen und finanziellen Macht. Unter der Woche ist der Platz Markt-, Begegnungs- und Transitraum; an Abenden verwandelt ihn beispielsweise das Licht- und Tonspektakel «Rendez-vous Bundesplatz» in eine temporäre Bühne, auf der das Bundeshaus zur Projektion politischer und kultureller Narrative wird.

Gleichzeitig ist der Bundesplatz umkämpfter politischer Raum. Kundgebungen sind bewilligungspflichtig, und während der Sessionen gilt ein Demonstrationsverbot, das immer wieder verhandelt und teilweise symbolisch durchbrochen wird. Gleichwohl hier versammelt, machten im Herbst 2025 etwa Pflegefachpersonen mit Transparenten und weissen Kitteln auf ihre Arbeitsbedingungen aufmerksam und verknüpften Forderungen aus dem Berufsalltag direkt mit den Entscheidungen im Bundeshaus.

Auf der Südseite des Bundeshauses öffnet sich von der Bundesterrasse der Blick auf Aare und Alpen. Sie fungiert als Promenade, auf der Touristinnen, Lobbyisten, Medienschaffende und Parlamentsmitglieder denselben öffentlichen Raum teilen. Hier zeigt sich, wie sich in Lefebvres Sinn gebaute Machtzentren und gelebte, alltägliche Praktiken zu einem politisierten Stadtraum verschränken.

Der PROGR

Nur ein paar Gehminuten weiter, nahe dem Waisenhausplatz, steht der PROGR, das Zentrum für Kulturproduktion. Im späten 19. Jahrhundert als Progymnasium errichtet, wurde der Komplex nach seiner Schliessung in den 2000er Jahren in einem kontroversen Prozess neu programmiert: In einer städtischen Volksabstimmung setzte sich das Konzept eines selbstverwalteten Kulturzentrums gegen eine kommerzielle Nutzung mit Gesundheitsdienstleistungen durch. Heute bietet der PROGR über 70 Ateliers und Arbeitsplätze für Kulturschaffende und ist demokratisch organisiert.

Aus der disziplinierenden Bildungsstätte ist ein von der Basis her angeeigneter Raum geworden, in dem sich Kunstschaffende, Initiativen und Öffentlichkeit begegnen. In den Gängen wechseln sich Ausstellungen, Konzerte und Talks zu Themen wie städtischer Wohnungsmarkt, Klimakrise oder Zuwanderung ab und bringen Kunst und Politik zusammen. So zeigte etwa die Vernissage «Kunst ist die Sprache der Revolution» des Living Museum Bern im Frühjahr 2026, wie kreative Räume zu künstlerischen Foren gesellschaftlicher Kritik werden. Der PROGR ist selbst Teil dieser Aushandlung, weil seine Existenz auf einem direktdemokratischen Entscheid beruht, der die Frage, wem der zentrale Stadtraum gehört, politisch beantwortet hat.

Die zahllosen Verdichtungen auf engem Raum machen Bern im Vergleich zu Metropolen von europäischer Bedeutung besonders: Vom streng institutionellen Bundesratszimmer über den umkämpften öffentlichen Raum von Bundesplatz und Bundesterrasse bis hin zum selbstverwalteten Kulturraum PROGR ist alles in fünf Gehminuten erreichbar.

Das ist schweizerische Eigenart: Politik wird bescheiden repräsentiert und bleibt dadurch erlebbar, wenn sie gemacht wird. Gemeinsam ist den Berner Räumen ihre Dynamik zwischen Macht, Aushandlung und Teilhabe. In Lefebvres Sinn zeigt Bern, wie sich in dicht überlagerten Räumen Vorstellungen, Nutzungen und Erfahrungen kreuzen und so eine spezifische politische Kultur hervorbringen. 

Claude Longchamp (1957) ist Historiker und Politikwissenschafter. Er gründete das Forschungsinstitut gfs.bern und verantwortet seit 1992 die Abstimmungshochrechnungen, die er bis 2017 regelmässig im Schweizer Fernsehen präsentiert hat. Longchamp leitet regelmässig historisch-politisch-kulturelle Stadtführungen durch Bern.

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