Artikel aus 7/8–2026

Die stille Ordnung

Genossenschaftlich Wohnen im Holliger

Paula Sansano, Beat Schweizer, Daisuke Hirabayashi (Bilder)

Während die Häuser im Holliger bereits bezogen sind, wirkt der gemeinsame Freiraum in der Mitte unfertig. Das ist bewusst gewählt und zeugt von den Werten des genossenschaftlichen Areals: Mitbestimmung, Aushandlung und Gestaltungsspielraum für die Zukunft.

Autobahnviadukt und Bahngleise zerschneiden das Quartier Holliger, westlich des Stadtkerns, in einzelne, voneinander isolierte Areale, die bis heute teils schlecht erreichbar sind. Früher fuhr vom Hauptbahnhof ein langsamer, rumpelnder Bus in Richtung Bümpliz. Kurz vor dem Weyermannshaus-Viadukt hielt er in Holligen. Von dort ging es zu Fuss ins Arbeiterquartier Ausserholligen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert – Vorbote einer fruchtbaren Verflechtung von Wohnen und Industrie. Es war ursprünglich für kinderreiche Arbeiterfamilien gedacht, mit grossen Gärten zur Selbstversorgung. Die städtischen Wohnungen waren schon damals sehr beliebt, denn Bern kannte zu dieser Zeit kaum gemeinnützigen Wohnungsbau. Im nahen Gewerbegebiet lagen bezahlbare Ateliers zwischen Gleisanlagen, Kehrichtverbrennung und Kaffeerösterei. Seit der Eröffnung der Tramlinie «Tram Bern West» im Jahr 2010 hat sich in Holligen einiges getan. So wurde 2022 die Buslinie 12 verlängert, um die Wohnquartiere direkt mit dem Hauptbahnhof, der Altstadt und dem Zentrum Paul Klee zu verbinden. Zehn Jahre davor musste dafür allerdings die Kehrichtverbrennungsanlage stillgelegt werden. Noch im selben Jahr kaufte die Stadt Bern das Areal dem Unternehmen Energie Wasser Bern ab. In diese Zeit fällt auch die Umsetzung der Wohninitiative der Stadt Bern. Diese verpflichtet Bauträger, bei neuen oder umgezonten Bauprojekten mindestens ein Drittel für preisgünstigen, gemeinnützigen Wohnraum vorzusehen. Nach dem Kauf übertrug die Stadt Bern das Land 2016 im Baurecht an sechs Genossenschaften. Diese übertrafen das gesetzliche Drittel bei weitem und sorgten gemeinsam dafür, dass das gesamte Bauland für gemeinnützigen Wohnungsbau genutzt werden konnte.

Die Mitte aushandeln

Den städtebaulichen Wettbewerb hatten BHSF Architekten gemeinsam mit Christian Salewski im Jahr 2012 gewonnen. Ihr Entwurf greift die grossmassstäblichen Strukturen des ehemaligen Industriegebiets auf und verbindet das Areal und die Bauten mit den umliegenden Quartieren, Freizeitflächen und Gleisen. Die Staffelung der sechs Baukörper sowie der Niveauunterschied zwischen östlicher und westlicher Zeile tragen dazu bei, dass der eher schmale Innenhof ausgewogen und anregend wirkt. Klötzli Friedli Landschaftsarchitekten haben ihn naturnah umgesetzt. Der mit Sitz- und Spielmöglichkeiten ausgestattete Holligerhof lädt heute Bewohnende und Besuchende dazu ein, ihn zu erkunden. Sichtachsen und Querungen machen ihn durchlässig. Die Bäume sind noch klein, aber ihre hellen Blätter spiegeln sich bereits in den Wasserflächen; eine Clematis hat die Brüstung der Treppe bereits überwachsen. Ein kleines Rinnsal, ein Abzweiger des Berner Stadtbachs, schlängelt sich entlang des Wegs. Gartenbänke, Bistrotische, grosse Holzliegen und ein paar Steinbrocken stehen lässig herum. Die Übergänge sind sanft und fast unsichtbar. Noch wirkt der Hof teils unfertig, was ihn umso verheissungsvoller macht. Das ist bewusst so gewählt: Die Bewohnenden sollen Zeit haben, ihre Bedürfnisse gemeinsam aushandeln, und sich den Ort zu eigen machen. Im Budget sind dafür sogar Rückstellungen getätigt worden. Ein Grund, dass der Holligerhof zu einem verbindenden Ort der Siedlung werden konnte, ist ein beispielhaftes Bündnis: Die sechs Bauträger schlossen sich zur Infrastrukturgenossenschaft Holliger (ISGH) zusammen und machten der Stadt das vorausschauende Angebot, die gesamte Koordination der Infrastruktur, des Betriebs und der Umgebungsgestaltung selbst zu übernehmen. Der zweite Grund ist der Siedlungsverein Holliger. Auf dessen Webseite steht als Ziel, «das Zusammenleben in der Siedlung zu fördern, den Aussenraum mitzugestalten sowie die Nutzung und Gestaltung der Gemeinschafträume zu definieren und zu verwalten.» Er wird mit einem Sockelbeitrag der ISGH unterstützt.

Flexible Familienkonstellationen

Fünf von sechs Gebäuden sind unterdessen fertig und bezogen. Der Turm auf dem noch freien Baufeld O1 von Jaeger Koechlin Architekten und der Eisenbahner-Genossenschaft wird für 2028 erwartet.  BHSF Architekten haben die ehemalige Schokoladenfabrik Tobler umgebaut und aufgestockt (wbw 9 – 2022, S. 6 – 14). Bauherrin ist die Wohnbaugenossenschaft Warmbächli, die zuvor die Zwischennutzung des Gebäudes organisiert hatte. Obwohl sie die jüngste der Bauträgerinnen ist, gilt sie als die treibende Kraft auf dem Areal.

Gegenüber befindet sich das Wohnhaus Holliger U1 von Fritschi Beis Architektur und der Baugenossenschaft Aare. Im Sinne Italo Calvinos, für den nicht die Häuser allein zählen, sondern die Beziehungen zwischen Menschen und Dingen, steht dieses Haus für eine Architektur als soziale Infrastruktur für gemeinschaftliches Familienwohnen. Die überbreiten Laubengänge dienen hier nicht nur der Erschliessung, sondern auch als Aufenthalts- und Begegnungszone. Eine gemeinschaftlich betriebene Laubenküche belebt diesen Ort zusätzlich.

Betritt man den ersten Stock vom riesigen gläsernen Familienlift, wird man von unzähligen Veloanhängern und Kinderwagen in allen Grössen empfangen. Offensichtlich liegt der Fokus auf bezahlbaren Wohnformen für diverse und wechselnde Familienkonstellationen. Dies wird durch acht Jokerstudios, mehrere zuschaltbare Zimmer sowie vielfältige Splitlevel- und Townhouse-Typologien ermöglicht. Insgesamt entstehen 40 Familienwohnungen. Nach aussen wirkt das Gebäude mit der gewellten Lochblechfassade robust und industriell und nimmt Bezug auf die Geschichte des ehemaligen Industrieareals. Auf der Dachterrasse geht gefühlt die Sonne und rund 150 Bewohnenden das Herz auf. Dort wächst ein Wald mit Blick auf die Alpen. Das Dach über der Outdoorküche und der Feuerstelle hätte die erlaubte Mindesthöhe nicht eingehalten, deshalb wurde eine grosse Öffnung zum Himmel freigelassen. Auf dem türkisblauen Granulatboden steht ein riesiges Trampolin und spätestens beim Anblick der Aussendusche wähnt man sich in Marseille.

Gemeinschaftliche Lauben

Auch das Genossenschaftshaus Stromboli von Studio Dia Architekten für die npg AG für nachhaltiges Bauen stellt das gemeinschaftliche Zusammenleben ins Zentrum. Die filigrane «Terrasse commune» aus zitronengelbem Stahl dient zugleich als öffentlicher Erschliessungsweg und erweitert den privaten Wohnraum. Das fördert spontane Begegnungen im Alltag. Ergänzt wird dieses räumliche Konzept durch eine konsequent partizipative Wohnform: Die Bewohnerschaft von rund 130 Menschen organisiert sich im Hausverein selbst und gestaltet das Zusammenleben. «Ich habe mehrmals davon geträumt, in einem riesigen Haus zu wohnen», erzählt eine Bewohnerin, die zuvor 30 Jahre in einem Reihenhaus im Seeland gelebt hat. Heute geniesst sie den Balkon ihrer Zweizimmerwohnung und den Blick auf den hauseigenen Garten auf der Südwestseite des Hauses. Dort arbeitet sie als Mitglied des Gartenkreises aktiv an dessen Gestaltung und Pflege mit.

Gleichzeitig reagiert das Gebäude auf sich wandelnde Lebensformen: Es gibt interne Verbindungstüren, mit denen sich Wohnungen zusammenschalten lassen. Der breite Mix mit rund 43 Wohnungen – von kleinen 2-Zimmer-Wohnungen bis zu grossen 13,5-Zimmer-WGs – dient der Vielfalt. Mit seinen vielen Metalltreppen und der leichten Stahlstruktur erscheint dieses Haus architektonisch offen, transparent und beinahe wie ein leichtes Gerüst für das Leben. Und so wünscht man sich für den Holliger, dass er in Leichtigkeit weiterwächst.

Paula Sansano (1972) ist Architektin und Kuratorin. Sie führt seit 2013 das Architekturbüro Studio Sansano in Bern. Zudem leitet sie seit 2016 den Affspace – Offspace für Architektur, einen Projekt- und Ausstellungsraum für Kunst und Architektur in der Berner Altstadt.

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