Artikel aus 7/8–2026

«Stadtplanung ist Verkehrsplanung und umgekehrt»

Tendenzen der Stadtentwicklung in Bern

Stadtplanerin Jeanette Beck im Gespräch mit Lucia Gratz und Roland Züger

Das Gaswerkareal, Holligen oder Wankdorf City haben in den letzten Jahren über Bern hinaus mit prägnanten Planungen für Schlagzeilen gesorgt. Doch auch andere Quartiere sind im Umbruch oder werden neu erstellt. Ein Grund, im Stadtplanungsamt nachzufragen, wohin sich die Bundesstadt entwickelt.

wbw Zuerst eine persönliche Frage: Gibt es so etwas wie Ihren Lieblingsort in Bern?

Jeanette Beck Für manche hört Bern am Hirschengraben schon auf. Die emotionale Grenze liegt oft eng um den UNESCO-Perimeter. Einer meiner Lieblingsplätze ist jedoch der Europaplatz. Er steht für ein anderes Bern, als geografische Mitte liegt er westlich der Altstadt in Ausserholligen. Als ich vor 15 Jahren bei der Stadtplanung in Bern anfing, war ich hier Quartierplanerin. Der Europaplatz ist rauer, härter, urbaner als das historische Zentrum. Geprägt von Infrastrukturen wirken die Räume dort grossmassstäblich. Das ganze Gebiet um den Europaplatz ist in Transformation.

wbw Wohnen Sie auch dort?

Beck Nein, ich wohne in der Altstadt. Auch die ist beeindruckend. Ich lerne viel von ihr. Ihre bauliche Dichte oder ihr Nutzungsmix sind vorbildhaft. Mit dem UNESCO-Managementplan hat Bern 2025 eine wichtige Grundlage für die Sicherung des Bestands geschaffen: eine Art Zähringer-Wikipedia, einen -immensen Schatz an Daten. Er gibt wichtige Hinweise, wie man dort mit künftigen Entwicklungen umgehen kann.

wbw Ausserhalb dieses Kerns sind im Stadtentwicklungskonzept Schwerpunkte verzeichnet. Als sogenannte Chantiers plant die Stadt, und in Form von Entwicklungsschwerpunkten plant der Kanton.

Beck Letztere waren ursprünglich in erster Linie Standorte der Wirtschaftsförderung. Oft sind es gut erschlossene Lagen, die sich für eine künftige Entwicklung qualifizieren. Ich sage immer: Stadtplanung ist Verkehrsplanung und umgekehrt. Letztlich muss die ganze Siedlungsentwicklung in enger Abstimmung mit einer ganzheitlichen Infrastrukturplanung erfolgen. Das ist wie ein Ehepaar. Manchmal braucht es aber eine Paartherapie. Als Chantiers definiert die Stadt Bern strategisch wichtige Gebiete der Innenentwicklung mit grossem Entwicklungs- und Transformationspotenzial hinsichtlich Bausubstanz, Nutzung oder aufgrund vorhandener Infrastrukturen. Sie zeigen aber auch, wo Bern bleibt, wie es ist. Beide zusammen sind Katalysatoren für die Siedlungsentwicklung nach innen. Mit dem Stadtentwicklungskonzept Bern (STEK 2016) haben wir einen Paradigmenwechsel hin zur Chantier-Planung angestrebt: Unser Ziel ist, gebietsübergreifender zu planen und nicht nur arealweise. So nutzt man Synergien, plant vernetzter, hat aber mit mehr Akteurinnen zu tun, was es komplexer macht, aber langfristig Mehrwerte bringt.

wbw Wächst die Stadt, wird es am Bahnhof enger. Aktuell werden dessen Kapazität ausgebaut. Es entstehen neue Verbindungen nach Bern. Welchen Einfluss hat dies auf den Stadtraum?

Beck Von allen grossen Städten hat Bern an meisten Arbeitsplätze, verglichen mit der Zahl der Bevölkerung: 147 000 Einwohnende und über 200 000 Arbeitsplätze. Viele pendeln jeden Tag in die Stadt, die zudem moderat wächst. Man muss also Kapazitäten ausbauen – nicht nur bei den SBB, auch bei den Regionalbahnen. Im Rahmen des Projekts Zukunft Bahnhof Bern (ZBB) baut der Regionalverkehr Bern – Solothurn (RBS) derzeit unter den Gleisen der SBB einen neuen Tiefbahnhof mit vier Gleisen. Die SBB erstellen eine zweite Personenunterführung mit zwei neuen Ausgängen bei der Länggasse und beim Bubenbergplatz. Die öffentliche Hand ist für die Schnittstellen am Ankunftsort verantwortlich – also für die Organisation des Verkehrs, der Personenströme und vor allem auch des öffentlichen Raumes.

wbw Welche konkreten Massnahmen sind geplant?

Beck Parallel zu den Arbeiten an ZBB hat die Stadt Bern den Richtplan Stadtraum Bahnhof erarbeitet. Dieser entwirft ein langfristiges Zukunftsbild des ganzen Bahnhofraums. Er soll ausgewählte stadträumliche Qualitäten langfristig sichern und vor allem neue schaffen. So ist etwa angedacht, dass der Bubenbergplatz ein angemessener Ankunftsort in der Bundeshauptstadt wird. Die Strassen sind heute oft vom Verkehr dominiert, mit wenig Bäumen und meist versiegelten Flächen – nicht angenehm für zu Fuss Gehende. Wir betrachten im Richtplan Stadtraum Bahnhof Bern den Strassenraum von Fassade zu Fassade und haben den Anspruch, diesen mehr zum Stadtraum zu machen. Das bedingt einen reduzierten Autoverkehr, Optimierung der Trassen von Bus und Tram, das Schaffen von Veloparkplätzen in Gebäuden statt im Freien. So erhalten wir Platz für Bäume und den Fuss- und Veloverkehr.

wbw Nördlich des Europaplatzes in Ausserholligen soll auf dem Areal Weyermannshaus West ein städtebauliches Vorzeigeprojekt entstehen. Das städtebauliche Konzept sieht einen Teilerhalt des gewerblichen Baubestands vor. Welche Prozesse sind für das Weiterbauen dort notwendig?

Beck Bisher ein reines Gewerbegebiet, soll es in Zukunft gemischt genutzt werden – mit bis zu 1000 neuen Wohnungen. Beim Studienauftrag mit vier Teams überzeugte der Vorschlag von Rolf Mühlethaler durch das Weiterbauen in hoher Dichte und Vielfalt. Auf dem Südteil des Areals gab es früher ein Logistikzentrum der Post. Der Nordteil gehört der Burgergemeinde, die ihr Land kleinteilig parzelliert und im Baurecht abgegeben hat. Bedingung war, diese Baurechte nicht vorzeitig aufzugeben, deshalb war eine Etappierung zentral.

wbw Was war der Initialmoment der Entwicklung?

Beck Schon das Stadtentwicklungskonzept 1995 strebte eine Transformation des Gebietes an, denn mit dem Bahnhof am Europaplatz und dem Autobahnanschluss liegt es hervorragend. Richtig Fahrt nahm die Planung erst etwa 2015 auf, als klar war, dass die Post ihr Logistikzentrum nicht mehr brauchte. Es sollte ein gemischt genutztes Quartier mit einem hohen Wohnanteil werden. Interessant ist, dass bereits 1993 eine Motion der SP-Stadträtin Elsie Meyer einen Wohnanteil von 50 Prozent auf dem Areal Weyermannshaus West forderte anstatt nur Büros.

wbw Wie sieht es mit den Freiräumen aus?

Beck Mühlethaler waren die multifunktionalen Gassenräume und kleinen Plätze wichtig. Aber es wird auch, wie vorgeschrieben, eine grosse Spielfläche geben. Auch die Aktivierung der Dachflächen ist zentral. Vorgesehen sind eine Reihe von Dachausbauten und Brücken von Haus zu Haus. Damit dieses Weiterbauen am Bestand nicht nur ein anregendes Bild aus dem Studienauftrag bleibt, haben wir diese Qualitäten mit Sonderbauvorschriften in einer Überbauungsordnung gesichert. Wichtig ist auch die Durchwegung von Ost nach West bis zum Weyerli, dem gemessen an der Wasserfläche grössten Freibad der Schweiz. Es stammt aus den 1950er Jahren und wurde 2022 saniert.

wbw Was sind die nächsten Schritte in Weyermannshaus West?

Beck Das Volk hat letztes Jahr die Überbauungsordnung an der Urne angenommen. Die Entwicklung erfolgt nun in Etappen bis etwa 2040. Die Baurechtsnehmenden auf dem Burgergrund bleiben maximal bis zum Ende ihres Baurechtsvertrags. Gleichzeitig bereiten die Grundeigentümerschaften in Zusammenarbeit mit uns die Wettbewerbe für die ersten Entwicklungsetappen vor.

wbw Wird sich auch die weitere Umgebung verändern?

Beck In Weyermannshaus Ost entsteht künftig der neue Campus der Berner Fachhochschule. Zudem eröffnete jüngst eine Beachvolleyball-Anlage als Neubau in Holz. Zur Querung des Gleisfelds für den Langsamverkehr ist die Passerelle Steigerhubel im Bau. So werden auch die Schulen im südlich angrenzenden Quartier gut erreichbar. Der Viaduktraum unter der Autobahn soll zu einer zentralen Verbindungsachse für den Fuss- und Veloverkehr werden, die von der Murtenstrasse bis zum Europaplatz reicht. Als durchlässige Promenade sollen dort vielfältige Aktivitäten stattfinden können.

wbw Im Gegensatz zu Ausserholligen plant man auf dem Viererfeld im Berner Norden auf der grünen Wiese. Die Prozesse wurden in Architekturkreisen kritisch diskutiert. Seit dem Wettbewerb ist einiges passiert. Was hat man daraus gelernt?
Beck ein grösstes Learning ist: Bauen auf der grünen Wiese ist nicht einfacher als Weiterbauen im Bestand.

wbw Warum?

Beck Planung bleibt hochkomplex, weil man so viel klären muss. Stadt und Kanton tauschen zum Beispiel Grundstücke, damit ein Park entstehen kann. Hinzu kommt die Planung der ganzen Erschliessung – im Untergrund und mit neuen Strassen. Zudem baut die Stadt nicht selbst, sondern gibt die Parzellen im Baurecht ab. Dafür müssen wir die zahlreichen Akteure koordinieren. Und für die architektonische Umsetzung braucht es qualifizierte Verfahren. 2015 hat das Zürcher Büro von Han van de Wetering mit 4D Landschaftsarchitekten städtebauliche Leitlinien definiert, wie sich Volumen und Nutzungen verteilen könnten, damit man das Projekt über eine Zonenplanänderung nach der Grundordnung realisieren könnte. 2018 erfolgte der Planungswettbewerb für den Masterplan, den Ammann Albers StadtWerke mit Raderschallpartner und Huggenbergerfries gewannen. Die weiteren Abstimmungen mündeten in einem Koordinationsplan, der privatrechtlich gesichert ist. Integral im Projektwettbewerb hat man 6 Teams evaluiert, die erste Architekturbausteine realisieren sollen.

wbw Muss die Realisierung auch aus Prestigegründen so zügig erfolgen?

Beck Tatsächlich ging man die erste Etappe sehr proaktiv an. Erste Vereinbarungen mit Baurechtsnehmenden wurden bereits 2019 und 2020 abgeschlossen. Damals war der Städtebau noch nicht abschliessend definiert. Bei einer grundeigentümerverbindlichen Planung, wie etwa im Berner Westen, bestand die enge Zusammenarbeit mit den Entwicklerschaften von Anfang an. Im Viererfeld hat die Zusammenarbeit erst zu einer späteren Planungsphase gestartet. Und ich glaube, es hat mit unterschiedlichen Erwartungen zu tun: Was heisst schnell vorwärts zu kommen und unter welchen Voraussetzungen?

wbw Auch das Projekt Wankdorf City 3 hat von sich reden gemacht (wbw 10 – 2025, S. 33, wbw 6 – 2022, S. 42 – 43). Das Gebiet mit rund 500 Wohnungen und 3000 Arbeitsplätzen ist bereits im Bau. Was waren die Erfolgsfaktoren?

Beck Als letzte von drei Etappen der Wankdorf City waren alle baurechtlichen Grundlagen bereits festgezurrt. Diesen Rahmen haben wir zu einer Nutzungsmischung in hoher Dichte mit einer Ausnützungsziffer von 3.0 weiterentwickelt. Zudem hatte die Investorenschaft in der Planungsphase von sich aus wichtige Themen aufgenommen, etwa Massnahmen zur Klimaanpassung, Ansprüche an architektonische und freiraumplanerische Qualität. Deren Offenheit und Bereitschaft, darin langfristig Mehrwerte zu sehen, ist selten – aber Grundlage für eine erfolgreiche Entwicklung.

wbw Das Siedlungsgebiet geht jenseits der Stadtgrenze Berns fliessend in die Nachbargemeinden über: Köniz, Wabern, Muri, Ostermundigen, Ittigen, Bremgarten, Kehrsatz und Zollikofen entwickeln sich rege. In Ostermundigen etwa steht seit 2022 der 100 Meter hohe Bäretower. Welche planerischen Abstimmungen mit den umliegenden Gemeinden gibt es?

Beck Wankdorf etwa entwickeln wir unter dem Lead des Kantons mit einem interkommunalen Richtplan mit Ostermundigen und Ittigen. Wichtig für die regionale Planung ist zudem die Regionalkonferenz Bern-Mittelland, in deren Gremien wir uns regelmässig austauschen und uns auch mit dem Agglo-Programm des Bundes abstimmen.

wbw Tatsächlich sind ja die politischen Bestrebungen zur Fusion mit den Umlandgemeinden 2021 gescheitert. Auch wurde das Tram Region Bern (Tramlinie Köniz-Bern-Ostermundigen) 2014 von den beiden Vorortsgemeinden Köniz und Ostermundigen abgelehnt. Erst 2016 stimmten Ostermundigen, im Jahr drauf die Stadt Bern einem redimensionierten Projekt zu. Was hat man gelernt und wie kann die Planung trotzdem vorankommen?

Beck Man muss unabhängig von Fusionsgedanken die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden kultivieren, gerade bei der Infrastrukturplanung. Beispielsweise hat die Regionalkonferenz eine regionale Planung der Sportstätten angestossen, was wir sehr begrüssen. Mit dem Bevölkerungswachstum und der Siedlungsentwicklung nach innen haben die Gemeinden in der Kernagglomeration jede für sich gar nicht ausreichend Flächen für die notwendigen Infrastrukturen. Man ist aufeinander angewiesen, vernetzter zu planen und Angebote zu schaffen. Auch etwa für eine Deponieplanung muss man über die Grenzen hinweg denken.

wbw Ein Beispiel für eine solche Planung ist der Autobahn-Bypass Bern Ost. Dort soll die Autobahn in einen Tunnel verlegt werden, mehrere zerschnittene Quartiere sollen wieder zueinanderfinden. Welche Chancen bietet das?

Beck ETH-Professor Ulrich Weidmann hat dazu für den Bundesrat ein Gutachten erstellt. Leider hat er das Projekt nicht zur Priorisierung empfohlen. 2027 wird im Nationalrat diskutiert, wie der Bericht einzustufen ist. Der Bypass bleibt aus meiner Sicht ein vielversprechendes Stadtreparaturprojekt. Unsere Untersuchungen im Rahmen der Planung Chantiers Bern-Ost zeigen, wie die dortigen Quartiere miteinander vernetzt und der heutige Autobahnraum flächeneffizient für anderes genutzt werden könnte, also Wohnungen, Gewerbe, öffentliche Infrastrukturen. Und wie aus der Schneise etwas Positives erwachsen könnte. Unsere Analyse zeigt aber auch, dass sich im Berner Osten ganz viel Potenzial befindet, selbst wenn die Nationalstrasse so bleiben würde.

wbw Was lernt Bern von anderen Städten wie Basel oder Zürich?

Beck Vergleiche sind wenig hilfreich, denn die Städte haben unterschiedliche DNA. Bern hat zwar weniger Wirtschaftskapazitäten als Basel oder Zürich, beheimatet dafür die Bundesverwaltung und staatsnahe Betriebe und stemmt einiges an Zentrumslasten. Die Stadt Bern profitiert, dass sie manchmal nicht so schnell ist und dadurch von den anderen lernen kann. Und wir leiden nicht so stark an Wachstumsschmerzen wie etwa Zürich. Trotzdem müssen wir agieren, damit die Lebensqualität hoch bleibt. Es wird die Kunst sein, diese zu halten.

Jeanette Beck (1977) ist diplomierte Architektin der ETH Zürich. Seit 2011 ist sie in verschiedenen Funktionen bei der Stadt Bern tätig, seit 2023 leitet sie das Stadtplanungsamt.

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