Suleman Anaya, Onnis Luque (Bilder)
Die Architektur von Mexiko-Stadt erzählt von indigenem Erbe, Eroberung, Expansion und Erneuerung. Ein fotografischer Spaziergang durch die Metropole mit neun Stationen.
Wenig blieb übrig von La Gran Tenochtitlan mit ihren Tempeln, Kanälen und Märkten. So sehr die spanischen Konquistadoren von der glänzenden Hauptstadt der Azteken beeindruckt waren, hat es sie doch nicht daran gehindert, die 1325 gegründete Stadt bald nach ihrer Ankunft 1519 zu zerstören. Auf ihren Trümmern bauten sie ihre eigene Metropole, ebenfalls prachtvoll, mit Klöstern und Adelsresidenzen, erst im nüchternen, dann zunehmend üppigen Barock. Als Alexander von Humboldt die Hauptstadt Neuspaniens 1803 besuchte, war er von deren Architektur und Urbanität fasziniert. Der deutsche Humanist und Forschungsreisende konnte nicht erahnen, wie sehr und wie konstant die Stadt sich im folgenden Jahrhundert verändern würde, während sich ihre Bevölkerung vervielfachte.
Angetrieben durch das «mexikanische Wunder» (eine Phase des stetigen Wirtschaftswachstums von den 1940er bis in die 1970er Jahre) sowie neue Bautechniken und ästhetische Vorlieben aus dem Ausland, veränderte eine modernistische Explosion das Erscheinungsbild von Mexiko-Stadt erneut. Leider füllte der Fortschritt die Stadt auch mit Schnellstrassen, wie sie sonst in US-amerikanischen Städten üblich sind. Es folgten schwierige Jahrzehnte, in denen Luftverschmutzung, Kriminalität und die Launen eines korrupten Einparteiensystems die künstlerischen Angebote und die reiche Geschichte der Stadt überschatteten.
Und doch hat sich die mexikanische Hauptstadt im 21. Jahrhundert zurückgemeldet und ihren rechtmässigen Status als eine der faszinierendsten Metropolen der Welt beansprucht – ein vielschichtiges Mekka für Design, Gastronomie, Nachtleben und unzählige Formen der Kultur. Beeindruckende Architektur gibt es hier im Überfluss, von den Überresten der zerstörten Tempel über die von Humboldt bewunderten Paläste bis hin zu einer der schönsten Sammlungen von Art-déco-Gebäuden in Amerika. In den letzten Jahren befasst sich zunehmend eine neue Generation von Architekturschaffenden mit ihrer Stadt und hinterlässt Spuren in den calles (Strassen) und Colonias (Quartieren) von CDMX – kurz für Ciudad de México. Sie setzt auf lokale Materialien und sucht nach Möglichkeiten, die Umweltprobleme der Stadt zu lindern. Noch immer ist Wasser in Mexiko knapp, eine ironische Situation für einen Ort, der auf einem See gegründet wurde und monatelang starken Niederschlägen ausgesetzt ist.
Gleichzeitig investierte die Stadt in ihren öffentlichen Raum und ihre Infrastruktur, von Fahrradwegen über Parks bis hin zu Gemeindezentren, und behält dabei ihre Besonderheit als quasi sichere Oase in einem von Drogenkriminalität geplagten Land bei. Aber es ist nicht alles rosig – die Pandemie und ein durch soziale Medien ausgelöstes Interesse an Mexiko-Stadt haben dazu geführt, dass es zu einem vielleicht übermässig trendigen Reiseziel geworden ist. Die schönsten Viertel sind voller Expats, die den gleichzeitig chaotischen und gemächlichen Rhythmus der Stadt (zusammen mit dem schwachen Peso) geniessen. Für Gourmands ist Mexiko-Stadt, mit einer riesigen Auswahl an Taco-Ständen bis hin zu Michelin-Sterne-Restaurants, ein Paradies. Die kreative Szene boomt, insbesondere im Februar, wenn die Kunstwelt jeweils zu den florierenden Kunstmessen in die Stadt strömt. Aber es gibt noch ein anderes Mexiko-Stadt, das genauso real ist, wenn nicht sogar noch realer: das der ruhigen Arbeiter- und Mittelschichtquartiere, die kein Tourist und keine Touristin jemals besuchen wird. Das Mexiko-Stadt des teilweise elektrifizierten öffentlichen Nahverkehrssystems, das Millionen von Menschen zu ihren Arbeitsplätzen und wieder nach Hause bringt. Und das Mexiko-Stadt der anonymen, manchmal informellen Architektur, die – in ihrer kreativen Genialität – ebenso beeindruckt wie grosse Kirchen, Pyramiden und Türme. Dies sind nur einige der unzähligen Facetten dieser pulsierenden, sieben Jahrhunderte alten Metropole.
Suleman Anaya (1977) ist in Mexiko-Stadt geboren und in Deutschland aufgewachsen. Er hat in Kalifornien und London Architekturtheorie- und -geschichte studiert und lebt in Brooklyn und Coyoacán als Fachjournalist.
Onnis Luque (1976) ist bildender Künstler mit Hintergrund in Architektur und autodidaktischer Architekturfotograf. Derzeit lebt und arbeitet er auf der Yucatán-Halbinsel.
Aus dem Englischen von Jasmin Kunst
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