Jachen Schleich im Gespräch mit Jasmin Kunst und Roland Züger, Rafael Gamo, Sandra Pereznieto (Bilder)
Seine Neugierde hat zum ersten mehrgeschossigen Holzbau in Mexiko geführt. Mittlerweile leitet er Locus, sein eigenes Büro, das dem ökologischen Bauen verpflichtet ist. Gleichzeitig macht er mexikanische Architekturbüros mit dem Minergie-Label vertraut.
Ein Name fällt immer wieder, als wir uns in Mexiko-Stadt nach aufstrebenden Architekturschaffenden erkundigen: Jachen Schleich. Im Café gegenüber des Pionierbaus aus Holz erzählt er, welche Herausforderungen es beim Bauen in Mexiko zu meistern gilt.
wbw Wie kommt ein Engadiner nach Mexiko?
Jachen Schleich Während eines Auslandaufenthalts in Barcelona lernte ich einen mexikanischen Architekten und Bühnenbildner kennen. Der lud mich in sein Heimatland ein, um ein Bühnenbild zu entwerfen. Das war nach meinem ETH-Abschluss 2006. Kurz darauf habe ich dort meine heutige Frau kennengelernt und entschied, zu bleiben. Mein erstes Jobangebot erhielt ich von einem Büro um die Ecke: Zehn Stunden Arbeit für 10 000 Pesos (500 Franken) Lohn. So habe ich die erste besser bezahlte Stelle im Büro Dellekamp angetreten. Dort verbrachte ich insgesamt 13 Jahre, von 2013 bis 2020 als Partner. Wir haben neben einigen besonnenen auch spektakuläre Dinge realisiert, wie etwa dieses Bürohaus aus Holz, das 2017 eröffnete. Allerdings mit Einbussen im Prozess. Die mexikanische Architektur baut stark auf das Bild und Raumerlebnis, schöpft weniger aus der Funktions- und Konstruktionsweise.
wbw Was ist damit gemeint?
Schleich Der Prozess des Planens könnte viel reichhaltiger sein, wenn die Realisierenden stärker eingebunden wären. Die Abläufe des Bauens haben mich immer schon interessiert, viel mehr als die Architektur als Spektakel oder Objekt.
wbw Wie zeigt sich diese Haltung am Bürohaus aus Holz?
Schleich Neben dem denkmalgeschützten Altbau war das Grundstück einst als Parkplatz genutzt, mit einem schmalen Garten dazwischen. Anstelle der Autos konnten wir den Neubau errichten und wollten diesen räumlich mit dem Garten verschränken. Also haben wir das Volumen in die Luft gestemmt. Heute ist im Sockel ein Möbelladen eingezogen. Der Garten dient dem Haus als grünes Entrée. Es gibt keinen Zaun, was in Mexiko selten ist.
wbw Wie konnte diese Konzeptidee konstruktiv realisiert werden?
Schleich Unsere Konstruktion baut auf nur einer Stütze auf. Sie hat eine V-Form, steht etwas eingerückt und stemmt einen Fachwerkträger, der vom Betonkern über die Ecke bis zur Brandwand spannt. Auf dem Fachwerkträger türmen sich nun zwei Etagen, in denen die Holzbalkendecken über acht Meter Breite spannen. Statt Holz mehr Beton zu verwenden, wäre teurer gewesen und erschien klobig, Stahl zu industriell in der Anmutung. Vor zehn Jahren fing die Planung an. Allein auf die Bewilligung mussten wir drei Jahre warten. Hinzu kamen Baustopps und die Pandemie.
wbw Welche Erfahrung hast du beim Bauen mit Holz gemacht?
Schleich Ich stellte mir anfangs vor, dass das Gebäude vorfabriziert und vor Ort im Nu aufgebaut wird. Aber das gibt es hier in Mexiko nicht. Vieles lief anders als geplant. Schliesslich waren etwa Fensterbänke nötig, damit kein Wasser auf der Holzkonstruktion liegen bleibt. Heute würde ich die Tragstruktur nach innen legen und mehr auf dessen Effizienz achten.
wbw Wo liegen die Möglichkeiten für den Holzbau in Mexiko?
Schleich Mit Architekten, Ingenieurinnen und Industriellen haben wir eine Holzbaugruppe gegründet. Unter dem Namen «La Liga de la Madera» forschen wir: zum Status des Waldes, zur Menge an verfügbarem Holz, zur Wertschöpfungskette oder dazu, wie man den Holzbau politisch unterstützen könnte. Holzbau ist ja nur unter gewissen Umständen sinnvoll. Beim Bürohaus haben wir Eiche aus den USA verwendet, was wegen der Transportemissionen ökologisch eigentlich wenig Sinn macht.
wbw Wächst überhaupt Bauholz in Mexiko?
Schleich Im Norden des Landes gibt es grosse Wälder. Dort wachsen etwa Fichten und Eichen. Pro Jahr werden 45 Millionen Kubikmeter Holz geerntet, davon sind acht Millionen Industrieholz. Der Rest landet in Öfen zum Kochen, Wasser Wärmen oder Heizen in Wohnhäusern auf dem Land. Aus den acht Millionen entstehen drei Millionen Kubikmeter Kantholz: zum Bauen, für Betonschalungen oder Möbel. Weitere acht Millionen Kubikmeter Industrieholz werden zudem illegal geschlagen. Das ist billiger erhältlich als das zertifizierte. Auf der Käuferseite gibt es aber noch keine Sensibilität für die Unterschiede. Das Ziel muss sein, den Holzbau ökonomisch und ökologisch attraktiv für den gewöhnlichen Wohnungsbau zu machen.
wbw Wie bist du mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Architektur in Berührung gekommen?
Schleich Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA lancierte 2019 das Programm CEELA zur Förderung von nachhaltigem Bauen in Lateinamerika. Das Beratungsbüro EBP Schweiz mit Carbon Trust Mexico und Eficity aus Chile gewann die Ausschreibung. Zusammen mit weiteren mexikanischen Partnern habe ich EBP dabei unterstützt, ein Netzwerk aufzubauen, und dann Pilotprojekte in Mexiko koordiniert. Über meine Aktivität im CEELA-Programm und nach dem Ausstieg bei Dellekamp lernte ich Minergie kennen. So habe ich die Direktion des neugeschaffenen Labels Minergie Mexico übernommen. Ich bin überzeugt, dass eine Methodik, die von Architekturschaffenden kreativ und flexibel anwendbar ist, auch bei uns einen wertvollen Beitrag leisten kann. Dabei soll der Fokus auf bioklimatischen Entwurfsstrategien liegen und nur wenn nötig mit effizienter, gut dimensionierter Technologie ergänzt werden.
wbw Mexiko hat ganz andere Klimabedingungen als die Schweiz. Wie lässt sich ein Label übertragen?
Schleich Das Regelwerk wurde mit Experten aus der Schweiz und Mexiko von Grund auf entwickelt. Es bezieht sich auf hiesige bautechnische Möglichkeiten und Klimazonen. Diese umfassen subtropische bis tropische Gebiete, Wüsten und kühle Gebirgslagen. Im Klima von Mexiko-Stadt bräuchte man eigentlich keine Klimaanlage, wenn man gut entwirft. Man trifft aber überall auf schlecht orientierte Gebäude mit Glasfassaden, die eine brauchen. Sie ist auch Ausdruck des sozialen Aufstiegs.
wbw Neben deiner Beratungstätigkeit arbeitest du auch als selbstständiger Architekt?
Schleich Nach meiner Arbeit bei Dellekamp Schleich und vor meinem jetzigen Büro Locus war ich während eineinhalb Jahren zusammen mit einem mexikanischen Kollegen an Projekten für das staatliche Investitionsprogramm tätig. Es heisst PMU (Programa de Mejoramiento Urbano), Programm zur Verbesserung des urbanen Raums, und wurde von der SEDATU (Secretaría de Desarrollo Agrario, Territorial y Urbano) betreut, dem Ministerium für landwirtschaftliche, territoriale und urbane Entwicklung der vorherigen Regierung von Andrés Manuel López Obrador. Das Programm sah über 1000 öffentliche Projekte im ganzen Land vor. In eineinhalb Jahren konnten wir über zwanzig Projekte realisieren. Alles ist top-down organisiert und wird in Highspeed-Tempo umgesetzt.
wbw Was konntet ihr bauen?
Schleich Drei professionelle Baseballstadien, Plätze, Markthallen, Sportanlagen – alle liegen ausserhalb von Mexiko-Stadt. Im Norden Mexikos haben wir zudem zwei alte Stadien in eine Baseballakademie umgebaut. Präsident López Obrador war ein Baseballfanatiker.
wbw Viele Architekturschaffende sehen die öffentlichen Bauprogramme sehr kritisch. Wie siehst du das?
Schleich Die Baseballakademien funktionieren gut, darauf bin ich stolz. Aber grundsätzlich stimme ich zu. Man muss sich den Ablauf eines solchen Programms so vorstellen: Die Verwaltung macht vom Schreibtisch aus Analysen und präsentiert den Kommunen mögliche Interventionen. Diese wählen aus und die Vorprojekte werden daraufhin der Bevölkerung in öffentlichen Veranstaltungen vorgestellt. Wenn es dann Widerstand gibt, kann es sein, dass die 100 Millionen Pesos Investitionssumme in eine andere Kommune fliessen. Ein wirklicher Partizipationsprozess, bei dem die Bevölkerung miteinbezogen wird, findet nur selten statt. Wegen der extrem hohen Belastung – im Zwiespalt zwischen Qualität und Quantität – habe ich mit dieser Arbeit aufgehört.
wbw Mit was beschäftigst du dich aktuell?
Schleich Mit meiner Geschäftspartnerin Sana Frini, die aus Tunis stammt, habe ich 2022 das Architekturbüro Locus gegründet. Wir kannten uns schon aus dem Büro Dellekamp. Kürzlich haben wir an einem Holzbau im Ökopark in Texcoco im Osten von Mexiko-Stadt mitgewirkt.
wbw Wie ist das Holzbauprojekt dort konzipiert?
Schleich Ein Teil des Parks, konzipiert vom Planer Iñaki Echeverría, umfasst Sportanlagen, daneben gibt es das Besucherzentrum mit Büros, Restaurant, Mehrzweckraum, Museum, Laden und Veloverleih, an dem wir beteiligt waren. Der Boden, auf dem es steht, hat eine sehr geringe Tragfähigkeit, denn das Gebiet liegt am tiefsten Punkt des ehemaligen Sees im Bassin von Mexiko. Ohne natürlichen Abfluss hat sich hier eine 60 Meter dicke Salzschicht abgelagert. Stahl korrodiert sofort.
wbw Aber Holz funktioniert?
Schleich Genau. Wir haben uns für ein sehr hartes Holz entschieden, damit das Haus selbst ohne Unterhalt lange stehen bleibt: Chicozapote. Das Tropenholz wächst im Südosten Mexikos, ist sehr schwer und verträgt Salzwasser. Daher ist es oft bei Holzstegen oder Quais im Einsatz. Der Baum ist in vielerlei Hinsicht nutzbar und wichtig fürs Ökosystem. Chicle ist natürliches Latex, das aus der Schicht unter der Rinde gewonnen wird. Die Frucht wird als Obst im ganzen Land verkauft. Um das mühsam zu verarbeitende Hartholz zu sparen, ist am Bau nur die Tragstruktur aus Chicozapote. Die Sekundärstrukturen sind in Fichte aus dem Norden. Auch die hinterlüftete Fassade. Sie ist in der Yakisugi-Technik verkohlt, einer traditionellen japanischen Methode der Holzkonservierung. Obwohl wir aus den Fehlern beim Bürohaus gelernt haben und das Holz vor der Witterung schützen, gab es viele Herausforderungen. So war das Holz viel zu feucht, als es auf die Baustelle kam. Deshalb gibt es viele Schwindrisse.
wbw Welche Projekte aus Holz hast du noch gemacht?
Schleich Im Rahmen der Feiern zum 70-jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Mexiko und der Schweiz entwarf das Büro Dellekamp + Schleich 2016 die Casa de Suiza. Das modulare Holzbausystem konnte sich an verschiedene Orte und Programme anpassen. Zuerst stand es an der Avenida de la Reforma beim anthropologischen Museum. Im Alameda-Park neben dem Palacio de Bellas Artes wurde die Casa de Suiza danach für einen Vortrag von Peter Zumthor in anderer Form ein zweites Mal aufgebaut.
wbw Woher kommt die enorme Experimentierfreude in der mexikanischen Architektur?
Schleich Hier lernt man zu improvisieren. So bleibt man beweglich im Kopf. Und man kann hier mit zum Teil sehr guten Handwerkern Prototypen entwickeln. Arbeitskraft ist nicht so teuer wie in der Schweiz. Zudem herrscht im bevölkerungsreichsten Teil Mexikos ein mildes Klima. Die Häuser benötigen keine Wärmedämmung, was das Bauen einfacher macht. In der Schweiz läuft vieles nach bestimmten Schemen, alles ist stark reguliert. In Mexiko musste ich dafür vom Schweizer Fetisch der Präzision Abstand nehmen: Ich habe gelernt, mehr Toleranzen beim Bauen vorzusehen. Nichts ist bündig entworfen, was das Bauen schneller und billiger macht. Auch das hat mit Nachhaltigkeit zu tun.
wbw Kommen wir von den Arbeits- zu den Lebensbedingungen: Wie zeigt sich der Wassermangel der Stadt im Alltag?
Schleich Ein Teil des Trinkwassers fliesst 200 Kilometer über Aquädukte in die Stadt. Ein Teil ist Grundwasser, das aus dem Boden gepumpt und gechlort wird. So sinkt die Stadt kontinuierlich ab, der zentrale Platz in Mexiko, der Zócalo, ist in 100 Jahren sieben Meter abgesunken. Wasser aus den Quellen, die noch funktionieren, gelangt meist in die reichen Quartiere. Die Kanalisation ist in der Regenzeit oft überlastet, weshalb sich Schmutz- und Quellwasser vermischen.
wbw Gibt es keine übergeordnete Planung der grossen Infrastrukturvorhaben in Mexiko-Stadt?
Schleich Gerade versucht die Regierung, die Wasserversorgung zu reformieren. Abwasser soll lokal gereinigt und wieder nutzbar werden oder ins Grundwasser zurückfinden. Leider fehlen auch Speicher für das reichliche Regenwasser im Sommer und Anlagen für dessen Aufbereitung zu Trinkwasser.
wbw Macht ihr Wasser zum Thema eurer Entwürfe bei Locus?
Schleich Gerade zeigen wir im interdisziplinären Kollektiv die Arbeit Chinampa Veneta im mexikanischen Pavillon an der Biennale Venedig. Dort vergleichen wir das Ökosystem der Lagune von Venedig mit dem Kanalsystem von Xochimilco, einem Feuchtgebiet im Südosten der Stadt. In diesem UNESCO-gelisteten Gebiet ist heute noch nachvollziehbar, wie vor dem Einfluss der Spanier Mexiko auf einer Insel gegründet wurde und die Parzellen dem Wasser abgerungen wurden. Heute nutzt die Landwirtschaft rund ein Fünftel der äusserst fruchtbaren Inseln zwischen den Wasserkanälen, den sogenannten Chinampas. Aber die Kanäle sind auch ein Hort der Biodiversität und Wasserreservoir. Heute sind dort bunte Touristenboote unterwegs. Wir müssen dem System Sorge tragen.
wbw Wird es in der Amtszeit der Präsidentin Claudia Sheinbaum auch wieder ein Programm geben wie die SEDATU unter ihrem Vorgänger?
Schleich Als Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt hatte Sheinbaum das Pilares-Programm aufgebaut. Als Präsidentin hat sie nun den sozialen Wohnungsbau im Auge. Das Programm ist über die Bausparkasse Infonavit organisiert. Eine Million Wohnungen sollen realisiert werden. Aber alles folgt der politischen Agenda, braucht schnelle Resultate. Das sichert der Partei Morena von Sheinbaum die Macht. Mir scheint das System nicht transparent, aber niemand kritisiert offen die Auftragsvergaben. Klar ist: Wenn man bauen will, braucht man Beziehungen.
wbw Wie lange hat man dann Zeit für den Entwurf und die Ausführungsplanung eines solchen Wohnungsbauprojekts?
Schleich Ich schätze, etwa drei Monate Planungszeit, dann wird es gebaut. Bei unserem Baseballstadion hatten wir ein halbes Jahr Zeit. Wohnungsbau ist einfacher, repetitiver. Der Aussenraum muss aber gut werden. Das ist der kritische Punkt.
Jachen Schleich (1980) schloss sein Architekturstudium 2006 an der ETH Zürich ab. Heute leitet er Minergie Mexiko und als Gründungspartner auch das Architekturbüro Locus in Mexiko-Stadt. Er war zudem Mitbegründer des Forschungsteams «La Liga de la Madera» zur Förderung des Holzbaus im Land. Er ist Teil eines Kollektivs, das derzeit den Mexikanischen Pavillon an der 19. Architekturbiennale in Venedig bespielt.
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