Jasmin Kunst
Im dichten, von Selbstbau bestimmten Siedlungsteppich des Stadtteils Iztapalapa waren öffentliche Freiräume und Infrastrukturen lange Zeit ein rares Gut. Drei gebaute Projekte, die Park, Bildung, Sport und Wassermanagement kombinieren, zeigen: Architektur kann etwas bewirken.
«In Iztapalapa kriegen die Menschen schon einmal Vertigo, Höhenangst – aber in die horizontale Richtung», erzählt Cecilia Vargas. Sie ist Soziologin und führt eine Gruppe von Jugendlichen, Kindern mit ihren Eltern und uns – zwei Redaktionsmitglieder als einzige Besuchende aus dem Ausland – durch das 2024 eröffnete Museo Yancuic, was auf Nahuatl, der Sprache der Azteken, «neu» bedeutet. Das Museum bietet kostenfreie Führungen und Ausstellungen zur Naturwissenschaft, über die Ökosysteme und die Biodiversität von Mexiko an. Gleichzeitig fungiert es als Kultur- und Gemeinschaftszentrum für die Nachbarschaft. Wir befinden uns im Stadtteil Iztapalapa, südöstlich des Zentrums von Mexiko-Stadt. Häuser reihen sich hier dicht an dicht, den Horizont sieht man nur selten. Ebenso wenig finden sich die schattenspendenden Baumkronen, Hipstercafés, Art-déco-Fassaden oder die vielen Touristen, die einem in den angesagteren Quartieren im Stadtzentrum begegnen.
Stattdessen ergiesst sich hier ein Häusermeer aus ein- oder zweigeschossigen Bauten scheinbar endlos über die Hügel, bis sie schliesslich irgendwo im Dunst verschwinden. Einfach konstruierte Betonrahmen, gefüllt mit Ziegeln – roh belassen oder in leuchtendem Pink, Zitronengelb oder Limettengrün gestrichen –, fassen enge, staubige Strassen. Von diesem Häuserteppich kann einem schon einmal schwindelig werden, da hat Cecilia Vargas recht. Iztapalapa ist einer der am dichtesten besiedelten Stadtteile der mexikanischen Hauptstadt, zwei Millionen Menschen leben hier. Zudem gilt er als arm und unsicher. Ein Grossteil der Häuser wurde von seinen Bewohnern und Bewohnerinnen selbst errichtet, Infrastruktur für die Ver- und Entsorgung fehlten lange Zeit ganz, geschweige denn öffentliche Plätze oder Parks.
Doch seit dem historischen Regierungswechsel 2018, bei dem die linkspopulistische Partei Morena gewählt wurde, gibt es grossflächige Bemühungen, dies zu ändern (vgl. wbw 11–2021, S. 30 – 35). Die Regierung investiert in öffentliche Räume und damit in Sicherheit und Lebensqualität. Ein Meilenstein für Iztapalapa war die 2021 eröffnete Seilbahn, die das Quartier vom Verkehr entlastet und die Erschliessung der unwegsamen Hügel verbessert. Ein Nebeneffekt davon: Die Dächer der Häuser werden als Leinwände aktiviert. Figürliche Wandmalereien – sogenannte Murales – haben in Mexiko eine Tradition und dienen der Bildung. In Iztapalapa werden lokale Künstler und Künstlerinnen mit der Bemalung der Dachflächen betraut. Sie sollen die Häuser kulturell besetzen, über feministische Anliegen aufklären und damit für mehr Sicherheit sorgen. Für Cecilia Vargas hat die Seilbahn auch einen ganz praktischen Vorteil: Von ihrem Zuhause fährt sie damit drei Stationen zur Arbeit ins Museo Yancuic und spart viel Zeit.
Das Museum ist das Ergebnis einer der seltenen grossen, internationalen und offenen Architekturwettbewerbe, die Mexiko-Stadt ausgeschrieben hat. «Eine Wettbewerbskultur im europäischen Sinn gibt es in Mexiko nicht», erzählt Carlos Bernal, Partner im Architekturbüro SPRB aus Guadalajara, das zusammen mit Mendoza Partida und BAX Studio aus Barcelona den Wettbewerb gewonnen hat. Nach dem Sieg 2015 folgte ein beschwerlicher Weg. Eine Geschichte, die uns auf der Recherchereise immer wieder so oder ähnlich erzählt wird: Öffentliche Projekte werden initiiert, bei personellen Änderungen oder Parteiwechseln wird das Programm geändert, das Budget gekürzt oder das Vorhaben ganz aufgegeben. Eigentumsverhältnisse ändern sich oder das Architekturbüro wird nach der Entwurfsphase entlassen und ein günstigeres Bauunternehmen mit der Ausführungsplanung betraut. «Die Regierung nutzt Gebäude für politische Propaganda und vergisst sie dann wieder», sagt Bernal. Der Erfolg von Projekten liegt somit oft ausserhalb der Hände von Architekturschaffenden. Trotz allem setzen diese komplizierten Bedingungen eine unerwartete Kreativität frei.
Denn Antworten auf die Frage, wie sich in dieser Unsicherheit planen und entwerfen lässt, finden sich viele. Schaut man auf das Museum, könnte eine darin liegen, Architektur zu gestalten, die viel eher einer losen Hülle als einem Haus gleicht. Eine robuste Struktur erlaubt, ihre Bedeutung zu ändern. und ist «nicht auf Gadgets angewiesen», wie es Bernal ausdrückt. Sie erfordert ein bewusstes Nachdenken über die Zeitlichkeit von Architektur. Welche Elemente des Entwurfs müssen Bestand haben? Welche sind «nice to have», aber entbehrlich?
Die Stützen des Museumsentwurfs – im wahrsten Sinne des Wortes – haben die lange Planungszeit überdauert: ein durchlässiger Wald aus Betonscheiben, die bis zu 36 Meter in den Himmel ragen. Davor breitet sich ein Platz aus, eine wohltuende Freifläche im dichten Getümmel, über den die Besucherinnen und Besucher das Museum betreten. Die starke vertikale Figur ist schon von weitem sichtbar, dank der bewegten Dachlandschaft fügt sie sich in die kleinteilige Umgebung ein.
Andere Ideen haben es nicht in die Ausführung geschafft. Zum Beispiel wurden statt der bereits produzierten Holzlamellen letztlich Glaselemente als Füllung in die Betonwände beim Eingang eingebaut. Ein Jahr nach der Eröffnung blickt Carlos Bernal dennoch zufrieden auf das Gebäude. Sein ehrgeiziges Ziel, ein Museum als offene Struktur mit vielen Zugängen zu realisieren, ist gelungen. Zumindest bis zum Zaun, der die Parzelle umgibt. Wie bei praktisch allen Anlagen in Mexiko-Stadt, ob privat oder öffentlich, erfolgt der eigentliche Zugang über ein einziges, bewachtes Tor. Innerhalb des Komplexes kann man sich aber frei und sicher bewegen – ein Luxus hier in Iztapalapa. Der Übergang zwischen aussen und innen ist fliessend. Es macht die Freiheit spürbar, wenn nicht ständig über den Dämmperimeter nachgedacht werden muss.
Im Zentrum des Museums lichten sich die Betonscheiben zu einer zentralen Halle. Von dort führen zwischen die Scheiben gespannte Metalltreppen zu den Ausstellungsräumen, der Bibliothek, dem Kino und einem Indoor-Spielplatz. Cecilia Vargas führt unsere Gruppe durch die aufwändige, interaktive Lernlandschaft. Die Stimmung ist ausgelassen, die Kinder hören gebannt den Erzählungen der Museumsführerinnen und -führer zu. Sie klettern auf hölzerne Eisberge, bestaunen einen nachgebauten Dschungel mit dazugehöriger Flora und Fauna; Erwachsene erkunden auf raumhohen Touchscreens den Weltraum oder informieren sich auf Infotafeln zu Klimazonen. Einige Räume und auch die üppig bepflanzten Terrassen sind geschlossen, die Finanzierung dafür fehlt. Das sieht Bernal nicht als Scheitern, sondern als Chance. Iztapalapa ist ein Quartier mit seinen eigenen Regeln. Dazu gehört auch das Misstrauen in Regierungsprojekte. Damit solche institutionellen Räume akzeptiert werden, braucht es Zeit und die Offenheit, dass Bewohnende die Bespielung der Räume mitgestalten können. Ebenso brauche es Zeit, erzählt Cecilia Vargas, den Menschen von Iztapalapa zu vermitteln, dass dieses Museum für sie gebaut wurde und allen offensteht. «Besuchende erleiden teils einen Kulturschock. Viele von ihnen besuchen das erste Mal in ihrem Leben ein Museum.»
Wasser ist in Mexiko-Stadt Fluch und Segen zugleich, so auch in Iztapalapa. Die Naturgewalt ist hier besonders spürbar: Vielerorts ist die Wasserversorgung unzureichend, und während der Regenzeit wird der Stadtteil häufig von Überschwemmungen heimgesucht. Die Architektin Loreta Castro hat in unterschiedlichen Kollaborationen zwei Projekte realisiert, die Wassermanagement und Umweltbildung mit einem öffentlichen Park kombinieren. Beide gehören mittlerweile zu den Utopías, einer Reihe von Quartierzentren, in denen die Bewohnenden kostenfrei Sportangebote, Musikunterricht, Schwimmbäder oder ganz einfach Computer mit Internetanschluss nutzen können.
Die Utopía Hídrica Atzintli zeigt sich als Park, dessen zentraler Bestandteil zwei Bassins sind, die als riesige Schwämme wirken. Die Architektur darüber hinaus ist verblüffend einfach, aber effektvoll: Wie bereits bei den Azteken operiert der Entwurf mit terrassierten Ebenen sowie Wänden aus Lavastein, die das Wasser während der Regenzeit in Bahnen lenkt. Eine Promenade schlängelt sich über die Ebenen hinweg, vorbei an Sportfeldern und dem Schwimmbad, und weitet sich immer wieder zu baumbestandenen Plätzen mit Bänken oder Aussenbühne.
Die Nachbarschaft war von Anfang an in das Projekt eingebunden. In Arbeitsgruppen, begleitet von Expertinnen und Experten aus Architektur und Planung, suchte sie nach geeigneten Standorten für öffentliche Räume und bestimmte das künftige Programm mit. Dieser aufwändige Prozess scheint sich gelohnt zu haben: Auf den Sportplätzen wird munter gekickt, jede Bank ist besetzt. Auch dieser Planungsprozess war begleitet von Unterbrüchen, Programmänderungen und Einsparungen, erzählt Castro. Aber die Grundidee hat Bestand: ein öffentlich wirksamer Überschwemmungsschutz. Die Wasserbassins erfordern einiges an Unterhalt, sie müssen regelmässig vom Müll gereinigt werden, den die Wassermassen hinabspülen. Trotzdem ist Castro zuversichtlich, dass die offenen Becken entscheidend sind, um die Sensibilität der Menschen für ihre Umwelt zu erhöhen – den Grund und Boden, auf dem sie leben.
Auch die Utopía Tecoloxtitlan macht ihren Untergrund zum Thema. Iztapalapa liegt genau am Ufer des einstigen Texcoco-Sees. Der feuchte Boden trocknete mit der Zeit aus, heute ächzt er unter dem Gewicht der Stadt und wird brüchig. Am Standort einer Schule, die in den 1980er einem Erdrutsch zum Opfer gefallen war, entstand in Zusammenarbeit mit der Architektin Gabriela Carrillo ein «Bodenobservatorium». Besuchende können hier durch die Bodenschichten spazieren. Darüber falten sich expressive, leichte Dächer, eingebettet in einen waldigen, ja kontemplativen Park. Unter den Segeln finden sowohl Räume für Sport und Freizeit als auch ein kleines Museum Platz. Kostenlose Führungen klären über die Geologie Iztapalapas auf.
Im dichten, vibrierenden Wimmelbild von Iztapalapa sind die begrünten Freiflächen eine willkommene Abwechslung. Und sie zeigen: Architektur kann etwas bewirken. Die belebte Stimmung vor Ort stimmt vage optimistisch, dass sich die Aufwertungsstrategie von Iztapalapa auch auf andere Stadtteile übertragen lässt. Die Politikerin Carla Brugada zumindest hat den Massstabssprung dank ihren Vorzeigeprojekten bereits geschafft. 2024 verliess sie ihren Posten als Bürgermeisterin von Iztapalapa, um das Amt als Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt anzutreten – und vielleicht noch die eine oder andere Utopie auf festen Boden zu stellen.