Artikel aus 9–2025

Zwischen Kulisse und respektvoller Transformation

Zwei Stadtumbauprojekte in Mexiko-Stadt von Productora

Laure Nashed, Onnis Luque, Camila Cossio (Bilder)

Gemeinsam mit dem Entwickler Reurbano versucht sich das Architekturbüro Productora in sozial und architektonisch verantwortungsvollen Transformationen von historischem Bestand. Zu Besuch in einer zum Kreativhub transformierten Textilfabrik und einem umgebauten und aufgestockten historischen Wohnhaus.

In den trendigen Wohnquartieren von Mexiko-Stadt begegnet dem architektonisch geschulten Auge ein befremdliches Phänomen: Wie Bühnenbilder stehen zwei- bis dreigeschossige neukoloniale Fassaden vor generischen Neubauten. Sie teilen mit ihnen weder Massstab noch Architektursprache. Der Ursprung dieser architektonischen Zwangsehen liegt in der Landknappheit und dem Renditedruck in der 22-Millionen-Metropole. Obwohl viele dieser historischen Bauten aus dem frühen 20. Jahrhundert unter Denkmalschutz stehen, umgehen Eigentümerschaften durch eigennützige Veränderungen die kostspieligen und zeitintensiven Genehmigungsverfahren. Zunehmend werden vernachlässigte historische Häuser auch von Immobilieninvestoren entdeckt. Unscharfe behördliche Sanierungsvorgaben fordern situationsabhängig lediglich den Erhalt der Fassade – teilweise ergänzt um die Tragstruktur. Trotz regulatorischer Hürden setzen Entwicklerinnen und Entwickler auf die Kombination aus profitablen Neubauten und inszenierter kultureller Identität – ein Erfolgsmodell, das bei einer gutsituierten Kundschaft ankommt.

Sportliche Bewohnerschaft im aufgestockten Bauerbe

Als Gegenentwurf dazu vermeidet der Entwickler Rodrigo Rivero-Borrell die übliche Investorenlogik und versteht seine Firma Reurbano als Unternehmen für Stadtentwicklung. Projekte werden nur umgesetzt, wenn sie nachhaltig positive Auswirkungen auf ihr städtisches Umfeld haben. Geeignet für diese Strategie erscheinen Rivero-Borrell Quartiere, die mit dem Fahrrad erschlossen sind. Das sind ambitionierte Ansprüche in der autozentrischen Metropole, mit denen sich Reurbano aber einen soliden Ruf für verantwortungsvolle Sanierungen historischer Gebäude erarbeitet hat.

Dieser brachte dem Unternehmen eine Anfrage des Architekturbüros Productora ein: Für eine Nach- verdichtung mit günstigen Wohnungen und gemeinschaftlichem Anspruch suchte man einen verantwortungsvollen Entwicklungspartner. Die Finanzierung für das Projekt auf einem Grundstück in Tacubaya, einem im Vergleich noch unterbewerteten Quartier westlich des gentrifizierten Stadtzentrums, hatte es bereits gesichert. Das 2006 von vier Freunden aus Mexiko, Argentinien und Belgien gegründete Büro Productora ist heute international bekannt. Seine Entwürfe folgen oft klaren Geometrien, kommen in frischen Farben und schlichten Materialien daher und reichen von Kulturzentren über Parks bis hin zu Luxushotels.

Auf dem besagten Grundstück an der Adresse Manuel Dublán 46 stand bereits ein für diese Gegend typisches zweistöckiges Patio-Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Fassade und Tragstruktur wurden saniert und verstärkt, um vier weitere Etagen einer L-förmige Aufstockung zu ermöglichen. Der Charme des Altbaus entfaltet sich noch heute. Fällt das Eingangstor ins Schloss, empfängt einen die einladende Atmosphäre des Innenhofs. Der hochgewachsene Feigenbaum, üppige tropische Pflanzen, terrakottafarbene Beläge und das leuchtende Blau an Stützen und Friesen setzen einen überraschenden Kontrast zur trockenen Umgebung und zum Lärm der nahen Stadtautobahn. 

Der Aufgang liegt offen im Hof und ist als Promenade inszeniert. Eine Betontreppe führt ins erste Obergeschoss. Dort geht es hinein in den Altbau und über eine bestehende Treppe mit neuem, blauem Metallgeländer ein Geschoss höher. Ab hier, der Dachhöhe des Bestands, führt eine sichtbar in den Hof abgehängte, blau gestrichene Stahltreppe zum zweiten und dritten Obergeschoss. Es ist das architektonische Glanzstück der Anlage. Mit leichter Rutschgefahr bei Regen gelangen die Bewohnenden des 3. Obergeschosses und der Maisonettewohnungen darüber in ihr Zuhause.

Alle Wohnungen – ob in Bestand oder Aufstockung – orientieren sich zur Baumkrone im Patio. Die Laubengänge sind mit Pflanztrögen bestückt und dienen als Nachbarschaftstreffpunkt. Im Innern zeigen alle 17 Wohnungen dieselbe Materialisierung – sichtbare Betondecken, weisse Wände und wohnlich-warme Terrakotta-Böden. Im Bestand bleiben die Wände jedoch ohne Anstrich – eine Geste des Respekts an die historischen Ziegelwände. Während Bestand und Aufstockung im Hof eine gelungene Verbindung eingehen, zeigt sich an der Strasse ein anderes Bild: Productoras puristische Formensprache kontrastiert mit der klassischen Gliederung der Fassade aus weissem Putz und grauen Fenstereinfassungen aus Stein.

Die junge Bewohnerschaft zeigt sich zufrieden mit ihren Eigentumswohnungen, auch wenn sie sowohl auf einen Aufzug als auch einen Autoparkplatz verzichten muss. Der eingesparte Lift sollte der Wirtschaftlichkeit des Projekts zugutekommen. Unerwartete Verzögerungen bei den Baugenehmigungsverfahren führten jedoch dazu, dass die ursprünglich geplanten, erschwinglichen Wohnungspreise nicht gehalten werden konnten.

Behutsam angepasstes Industrieerbe

Fast zeitgleich mit dem Projekt «Manuel Dublán 46» initiierte Reurbano zusammen mit Productora das Projekt «Laguna». Aus einer rund hundertjährigen ehemaligen Textilfabrik soll ein gemeinschaftlicher Kreativhub entstehen. Das Quartier Doctores, das seinen Namen von den nach Ärzten benannten Strassen erhalten hat, war bisher von einer einkommensschwächeren Bevölkerung geprägt. Doch auch hier macht sich eine schleichende Gentrifizierung bemerkbar. Es herrscht noch immer eine raue Dynamik; zwischen Autohändlern und Werkstätten beleben Strassenverkäuferinnen, Obdachlose, aber auch Studierende und Berufstätige die Strassen.

Die neue Nutzung als Kreativhub sollte auf der industriellen Geschichte basieren und Kleingewerbe ins Stadtzentrum zurückbringen. Um Gentrifizierung zu vermeiden, wurde die Anlage als geschlossenes Ökosystem statt als öffentlich zugängliches Areal konzipiert. Von Anfang an war ein kontinuierlicher Transformationsprozess über mehr als zehn Jahre geplant – ein Projekt ohne fixes Ende. Der entscheidende Vorteil: Productora haben nicht nur die architektonische Leitung inne, sondern sind seit Projektbeginn auch Hauptmietende, wodurch ihre täglichen Beobachtungen in den Entwurf einfliessen.

Das fussballfeldgrosse Fabrikgelände erstreckt sich über die Hälfte eines Häuserblocks. Das neu gestaltete Innenleben bleibt von aussen verborgen, auch der Eingang ist kaum zu finden. Nach dem Entrée mit Sicherheitspersonal erstreckt sich über zwei Stockwerke ein dichtes Gebilde aus grosszügigen, teils offenen Flächen und verwinkelten kleineren Räumen. Productora legten zwei einst zugebaute Innenhöfe frei, ohne die Spuren des Abbruchs zu verdecken. Trotzdem ist nicht einfach zu erkennen, welche Elemente dem Altbau hinzugefügt wurden. Unverkennbar neu steht hingegen der Treppenturm im Innenhof – ein Betonskelett, mit grünem Metallgitter ausgefacht und von einem Schmetterlingsdach bekrönt. Mit seiner präzisen Geometrie und dank seiner Lage am Innenhof bildet er den visuellen Anker der Anlage. Das kräftige Grün ist inspiriert von historischen Webmaschinen und findet sich an Sockeln, Fensterbeschlägen und Geländern. Es verbindet die neuen Elemente im Komplex und wirkt neben dem dominierenden Grau des Bestands frisch und lebendig. Das Zusammenspiel zwischen Rauheit und Verspieltheit schafft eine unverwechselbare Identität, die dem Charakter des Quartiers entspricht.

Wie in «Manuel Dublán 46» laden auch hier Treppen und offene Laubengänge dazu ein, das Areal spazierend zu entdecken. Zugleich bieten die Erschliessungsflächen wunderbare Beobachtungsposten für das lebendige Geschehen im Hof. Dank des milden Klimas ist die kleine Bar im Freien ein beliebter Treffpunkt – auch für Besucher von ausserhalb, die an ihren Laptops arbeiten und den hochpreisigen, hier produzierten Kaffee trinken.

Der Entwickler Rivero-Borrell distanziert sich mittlerweile vom Projekt «Laguna». Nicht nur, weil der Grundstückseigentümer aus Reurbano ausgestiegen ist, sondern auch, weil das Konzept des geschlossenen Ökosystems seiner Ansicht nach eine neue Form der Gentrifizierung schafft: Statt die Nachbarschaft einzubeziehen, entstehe hinter kontrollierten Zugängen ein exklusiver Raum für handverlesene Kreative und eine kaufkräftige Kundschaft.

Für eben diese gehobene Kreativszene wartet «Laguna» jedoch mit architektonischer Vielfalt und buntem Programm auf: Ausstellungsflächen reihen sich neben einen Möbelladen; Keramik- und Textilwerkstätten neben Café, Rösterei sowie Grafik- und Architekturbüros. Rund 25 sorgfältig ausgewählte Akteure beleben den Komplex. Die offenen Fassaden im Innenhof gewähren grosszügige Einblicke in die einzelnen Betriebe.

Das richtige Gleichgewicht finden

Eine qualitätvolle und umsichtige Revitalisierung historischer Substanz und kommerzielle Attraktivität müssen sich nicht ausschliessen – entscheidend ist ein angemessenes Gleichgewicht. Wie schwierig dieses zu finden ist, zeigen die beiden Beispiele. Das robuste Industrieerbe von Laguna harmoniert mühelos mit den reduzierten, aber verspielten Interventionen von Productora. Anders die historische Fassade von Manuel Dublán 46: Hier hätte das feingliedrige historische Gefüge eine Spur mehr Annäherung verdient, um eine harmonische Symbiose von Alt und Neu zu erreichen.

Die architektonischen Herausforderungen werden von sozialen Fragen überlagert, die in Mexiko-Stadt besonders dringlich sind. Auch hier gilt: Ein Gleichgewicht zwischen gut gemeintem Fortschritt und ungewollten Gentrifizierungseffekten zu finden, erweist sich als eine der komplexesten Aufgaben zeitgenössischer Revitalisierungen.

Laure Nashed (1089) studierte Architektur an der Accademia di Architettura Mendrisio (AAM) und der ETH Zürich. Seit 2019 arbeitet sie als Architektin und freie Autorin in Mexiko-Stadt und der Schweiz. Sie leitet das Journalismusprojekt «Learning from Mexico».

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