Artikel aus 9–2026

Ufer für alle

Stadtentwicklung entlang der Wasserkante in Lugano

Felix Wettstein

See und Fluss bestimmen Luganos Identität – und beide entdeckt die Stadt neu. Der Ceresio soll zugänglicher werden, der Cassarate wandelt sich von der Peripherie zur zentralen Stadtachse.

Zwischen den südlichen Ausläufern der Alpen und der Poebene entfaltet sich die Landschaft der voralpinen Seen. Der ruhende Horizont des Wassers tritt in spannungsreichen Dialog mit den steilen Hängen und vermittelt den Übergang zur Weite des Südens.

Eingebettet in diese Landschaft liegt Lugano mit ihrem reichen Wassersystem. Dieses umfasst neben dem Luganersee (Ceresio) auch das Einzugsgebiet des Flusses Cassarate, dessen Zuflüsse sowie zahlreiche weitere Gewässer. Das Zusammenspiel von See, Flüssen, Bächen und Feuchtgebieten prägt die Landschaft und bildet eine wichtige Grundlage für Biodiversität, ökologische Vernetzung und Klimaresilienz.

Anders als Zürich, Genf oder Luzern liegt Lugano nicht an einem austretenden Fluss, sondern nahe einer Flussmündung. Historisch war diese Lage mit erheblichen Risiken verbunden, insbesondere durch Überschwemmungen und die Ablagerung von Geschiebe. Die Siedlungsentwicklung musste diesen Gefahren Rechnung tragen. Dass der Fluss Cassarate kaum bekannt ist, hängt mit seiner historisch peripheren Lage zusammen. Die Altstadt entstand in respektvoller Distanz zur Flussmündung, und der Cassarate bildete lange Zeit die natürliche Grenze der Stadt. Entlang seines Ufers siedelte man Einrichtungen an, die man nicht im unmittelbaren Zentrum haben wollte: den Schlachthof, den Friedhof, das Stadion Cornaredo und die Messehallen des Campo Marzio. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich dieses Verhältnis grundlegend gewandelt: Der Cassarate entwickelt sich von einer Randzone zu einer zentralen Achse des urbanen Lebens. Doch dazu später mehr.

Vom Fischerdorf zur «Stadt des Südens»

Der landschaftliche Bezug der Stadt zu ihrem See ist spektakulär und prägt bis heute das kollektive Imaginarium der Luganesi. Eingebettet zwischen den Bergen Brè und San Salvatore erstreckt sich die Bucht des Ceresio von Luganos südwestlicher Nachbargemeinde Paradiso bis nach Gandria im Osten. Diese markante territoriale Konstellation wird immer wieder mit der Rio de Janeiros verglichen.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war Lugano ein Fischerdorf, das von Süden her nur auf dem Wasserweg erreichbar war. Das Wasser war vor allem Verkehrsweg, Wirtschaftsraum und Lebensgrundlage. Erst mit dem Bau der Gotthardbahn und des Damms von Melide entstand eine durchgehende Nord-Süd-Verbindung auf dem Landweg. Mit der Belle Époque begann sich die Stadt ihrem See zuzuwenden. Promenade, Hotels und Bäder machten das Seeufer zum Zentrum von Erholung und Tourismus. Villen, Parks und exotische Gärten prägten das Bild Luganos als grüne «Stadt des Südens». Heute sind viele dieser historischen Anlagen verschwunden, und der Verlust an Bausubstanz beeinträchtigt die Identität und Kontinuität der Uferlandschaft.

Auf der gegenüberliegenden Seeseite eröffnet sich eine nahezu gegensätzliche Welt. Während das städtische Ufer von Promenaden, Parks und Villen geprägt ist, erhebt sich dort eine grüne, weitgehend unberührte Landschaft. Die bewaldeten, nach Norden ausgerichteten Hänge bilden eine natürliche Kulisse für die Cantine1 von Caprino und Gandria. Das Gegenüber von urbaner Seefront und naturnahem Ufer verleiht dem Ceresio einen aussergewöhnlichen landschaftlichen Reiz. Hinzu kommen die stark verzweigte, fjord-artige Form des Sees sowie der komplexe Grenzverlauf zwischen der Schweiz und Italien. Zusammen schaffen sie eine territoriale Konstellation, die in ihrer Vielfalt und räumlichen Dichte einzigartig ist.

Die Zukunft des Seeufers

Heute nimmt der See eine Schlüsselrolle in der Stadtentwicklung ein. Der kommunale Richtplan2 und der Masterplan Seeufer und Stadtzentrum3 verfolgen das Ziel, die Beziehung zwischen Stadt und Wasser weiter zu stärken und eine bessere Zugänglichkeit zum Wasser zu gewährleisten. Während im frühen 20. Jahrhundert bedenkenlos gebadet wurde, führte die starke Urbanisierung und Industrialisierung in den 1960er und 1970er Jahren zu einem übermässigen Nährstoffeintrag in den See. Erst der massive Ausbau von Kläranlagen in den darauffolgenden Jahrzehnten stellte die gute Wasserqualität wieder her. Heute ist diese erneut gefährdet, da es auf Grund der heissen Sommer in den vergangenen Jahren insbesondere im südlichen Becken vermehrt zu lokalen Ansammlungen von Blaualgen gekommen war.

Vorgesehen ist auch eine durchgehende Seepromenade von Gandria bis Paradiso. Dabei sollen historische Parks, Gärten und öffentliche Räume aufgewertet und besser miteinander vernetzt werden. Ziel ist eine offene und zugängliche Uferlandschaft in der Natur, Erholung, Kultur und städtisches Leben zusammenfinden. Der See wird dabei als zentraler öffentlicher Raum verstanden. Die Umsetzung dieser Vision ist jedoch nicht konfliktfrei. Öffentliche Interessen stehen mitunter privaten Eigentumsansprüchen gegenüber. Prominentes Beispiel ist die Villa Favorita. Dort befand sich bis in die 1980er Jahre die berühmte Kunstsammlung Thyssen-Bornemisza, die Besucherinnen und Besucher aus aller Welt anzog. Heute ist das Anwesen mit seinen rund sechshundert Metern Seeufer leider der Öffentlichkeit entzogen.

Während die grossen Veränderungen – allen voran die Einführung der Begegnungszone4 an der Uferpromenade Lungolago – noch auf sich warten lassen, wurden bereits erste kleinere Eingriffe umgesetzt. So haben De Molfetta Strode den kleinen Parco Lanchetta mit mediterranem Flair neu gestaltet. Trockenvegetation, Sand und metallene Sonnenschirme verweisen augenzwinkernd auf die Riviera. Die von Jachen Könz und Studio Vulkan entworfene Umgestaltung der Seeuferpromenade in Paradiso verwandelt die ehemals privat geprägte Uferzone in einen öffentlich zugänglichen urbanen Raum. Mit einer zugleich feingliedrigen und grosszügigen Geste erhält der bislang fragmentierte und heterogene Uferraum eine kohärente Identität. Der Bezug zum Wasser wird dabei auf vielfältige Weise neu inszeniert: So sollen beispielsweise Passerellen über dem Wasser die Kontinuität des öffentlichen Raums gewährleisten.

Eine besondere Bedeutung kommt der Foce, der Mündung des Cassarate zu. Mit ihrer Renaturierung und der sorgfältigen landschaftsarchitektonischen Gestaltung durch die Officina del Paesaggio entstand bereits 2014 ein neuer öffentlicher Freiraum direkt am Wasser. Temporäre Bars, kulturelle Veranstaltungen und eine ungezwungene Aneignung durch die Bevölkerung machten Lugano Marittima rasch zu einem der beliebtesten Sommerorte der Stadt.

Visionäre Flusslandschaft

Die Flusslandschaft des Cassarate erstreckt sich von den nördlichen Tälern des Val Colla bis zu seiner Mündung in den Luganersee und verbindet die voralpinen Höhenlagen mit dem urbanen Zentrum. Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts prägten landwirtschaftliche Nutzflächen, Obstgärten und Roggien – italienisch für Bewässerungskanäle – für Mühlen und Gewerbebetriebe die Landschaft. Mit dem Wachstum Luganos wurden jedoch grosse Teile der Talebene überbaut. Gewerbe- und Siedlungsflächen verdrängten natürliche Uferzonen, Böden wurden versiegelt und ökologische Verbindungen unterbrochen. Dadurch gingen wertvolle Lebensräume verloren, während gleichzeitig die Anfälligkeit für Hochwasserereignisse zunahm.

Lange bildete der Cassarate die Grenze zwischen Lugano und den umliegenden Gemeinden. Erst die seit 2004 schrittweise realisierten Gemeindefusionen5 führten zu einem politischen und territorialen Umdenken. Aus der städtischen Peripherie wurde zunehmend ein Raum der Verbindung. Bedeutend ist dabei die Entwicklung des Hochschulstandorts mit dem Campus der USI (Università della Svizzera italiana) und der SUPSI (Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana). Sie bildet den Ausgangspunkt der Vision «Campus Cassarate», die den Fluss bis 2050 als blau-grüne Entwicklungsachse zwischen Berglandschaften und See etablieren will.

Kern des Projekts ist ein durchgehender Landschaftskorridor mit renaturierten Ufern, neuen Grünräumen sowie Fuss- und Velowegen. Auenflächen sollen wiederhergestellt werden und durchlässige Böden die Biodiversität fördern. Neben den bestehenden Bildungs- und Forschungsstandorten entlang des Cassarate und dem neuen, zu nahe am Fluss errichteten Stadion wartet insbesondere das Areal des Campo Marzio nach zahlreichen gescheiterten Wettbewerben noch immer auf eine langfristige Bestimmung. So wird der Cassarate künftig weit mehr sein als ein Fluss: Er wird zur landschaftlichen Lebensader einer klimaresilienten Stadtentwicklung.6

Wasser ist jedoch nicht nur eine Frage der Stadtentwicklung oder der Ökologie. Es ist für das Verständnis von Raum grundlegend. Der Dichte der Stadt steht die Weite der Wasserfläche gegenüber; beide bedingen einander. Als Ebene spiegelt das Wasser den Himmel und definiert den Horizont – eine Linie, die auch nach jedem Sturm zur Ruhe zurückkehrt. Auch Architektur steht stets in Beziehung zur Horizontalität. Vielleicht erklärt gerade dies die besondere Bedeutung des Wassers für Lugano: Es ist nicht nur Teil der Landschaft, sondern der räumliche Massstab, auf den sich die Stadt bezieht.

Ausgabe 9–2026 vorbestellen

Felix Wettstein (1962) ist Architekt und führt in Lugano das studio we architettura. Er unterrichtet an der HSLU und war bis 2025 in der Redaktionskommission von werk, bauen + wohnen.

1 Ursprünglich kühle Kellerräume zum Lagern von Käse und Wein; heute werden sie teilweise als Grotti – einfache Gaststätten – genutzt.
2 Den PDCom (Piano direttore comunale) «Lugano2050: una visione e una proposta di piano» erarbeitete ein interdisziplinäres Planungsteam unter der Federführung von Studio Paola Viganò.
3 Mit ihrem Projekt «Longlake» konnten Inches Geleta Architetti und Dematté Fontana Architekten den Studienauftrag 2019 für sich entscheiden.
4 Die Begegnungszone mit reduziertem Verkehr kann erst realisiert werden, wenn das neue Verkehrskonzept im Bahnhofsbereich umgesetzt ist.
5 Von 2004 bis 2013 durchlief Lugano drei Gemeindefusionen. Die Einwohnerzahl stieg von rund 29'000 auf nahezu 68'000 Personen, während sich das Stadtgebiet von 11,6 auf 75,8 Quadratkilometer vergrösserte. Heute reicht es vom Ufer des Luganersees auf 272 m ü. M. bis zum Gipfel des Gazzirola auf 2'115 m ü. M.
6 Siehe auch: «Spunti per il fututo del nostro territorio». I2a, Istituto internazionale d’architettura. 2024

Anzeige

Mehr Artikel