Luca Romano (1993) und Lisa Tiedje (1982) gründeten das Studio Romano Tiedje. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur, Kunstproduktion, Lehre und baukultureller Vermittlung. Für ihr Erstlingswerk verlegten sie ihren Arbeitsort von Berlin in die Schweiz. Ihre Leidenschaft für die Verarbeitung und Fügung von Materialien verfolgen sie über intensive Modellstudien sowie durch zahlreiche Entscheidungen direkt auf der Baustelle – immer mit dem Ziel kostengünstig zu bauen.
Seit 2020 ist unsere gemeinsame Praxis durch die individuellen Werdegänge geprägt. Luca Romano stammt aus der Schweiz. Nach einer Hochbauzeichnerlehre studierte er Architektur an der ZHAW in Winterthur sowie an der Universität der Künste Berlin. Lisa Tiedje studierte ebenfalls in Berlin. Sie verbindet ihre architektonische Ausbildung mit Erfahrungen in der Kunstproduktion – unter anderem im Umfeld von Olafur Eliasson – sowie mit ihrer Tätigkeit in der Lehre. Diese unterschiedlichen Hintergründe – Schweizer Baukultur und eine internationale, künstlerische Perspektive – prägen die Arbeitsweise und Haltung unseres Studios.
Wir verbinden Architektur, Kunstproduktion und experimentelles Entwerfen zu einer eigenständigen, materialbezogenen Praxis. Unser Denken ist konzeptuell klar und räumlich erzählerisch. Jedes Projekt bekommt eine eigenständige Betrachtungsweise, Reduktion und Klarheit im Entwurf ist uns wichtig. Wir entwerfen aus der Primärstruktur heraus. Grundrisse sind einfach und präzise organisiert, Konstruktionen bleiben sichtbar und nachvollziehbar. Material wird nicht verkleidet, sondern in seiner Eigenlogik ernst genommen. Zudem bestimmt jeden Entwurf ein spezifisches Farbkonzept. Bestehende Strukturen werden nicht überformt, sondern sorgfältig analysiert, ergänzt oder transformiert. Ein weiterer zentraler Aspekt unserer Arbeit ist die Auseinandersetzung mit dem Ort. Historische, soziale und bauliche Gegebenheiten werden untersucht, interpretiert und weiterentwickelt.
Das viergeschossige Mehrfamilienhaus an der Sittertalstrasse in St. Gallen reagiert sensibel auf seinen landschaftlich und historisch geprägten Kontext. Der Ersatzneubau nimmt Bezug auf das frühere Arbeiterhaus der ehemaligen Färberei, versucht jedoch zu einem eigenständigen Neubau zu werden. Die gleichmässig gegliederte Waschputzfassade mit grünem Andeer-Zuschlag, das gelbe Unterdach, grüne Metallläden und glasierte Klinker zitieren den Vorgängerbau und verankern das Haus im Ortsbild.
Im Inneren bestimmt konstruktive Einfachheit und Reduktion. Wir verzichten bewusst auf Stürzte, die Fenster schlagen an den Decken innenbündig an. Das Mauerwerk bleibt unverputzt, drei Sichtbetonwände übernehmen Aussteifung und Installationen. Entscheidungen wie raumhohe Türen oder ein Küchenwagen aus rohem Edelstahl, als Ergänzung einer knappen Schreinerküche, hinterfragen den heutigen Standard im Wohnungsbau und zeigen, wo unserer Meinung nach Einsparungspotenziale ohne Qualitätsverluste liegen.
Studio Romano Tiedje
www.romanotiedje.ch
Standort: Sittertalstrasse 18, 9014 St. Gallen
Bauherrschaft: Stiftung hausen+wohnen, St. Gallen
Architektur: Studio Romano Tiedje, St. Gallen; Luca Romano, Lisa Tiedje, Mario Wurm, Sophia Branz, Tabea Eisenring, Lara Biesser
Chronologie: 2019 Direktauftrag Studie, 2022 Baubewilligung, 2023 – 2024 Bauarbeiten, 2024 Bezug
Bilder: Jeremiah Schwery
Portrait: Rosa Merk