Aufmerksame Leserinnen und Leser mögen sich erinnern: Vor etwa einem Jahr haben wir in der Januarausgabe (wbw 1/2 – 2025, S. 50) einen Aufruf publiziert: Das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur gta der ETH Zürich hatte damals für eine geplante Ausstellung nach Katalogen zur Ausstellung «Tendenzen. Neuere Architektur aus dem Tessin» gesucht. Nun ist die Jubiläumsschau eröffnet, die jene legendäre Ausstellung vor 50 Jahren feiert. Diese wurde von Martin Steinmann kuratiert, von Thomas Boga gestaltet und fand im Herbst 1975 in den Räumen des Globusprovisoriums am Ufer der Limmat statt, mitten in der Stadt Zürich – wo sich damals Räume der Architekturabteilung der ETH Zürich befanden.
Für die Jubiläumsschau (eine Kooperation des gta Archivs mit gta Ausstellungen) finden nun Exemplare des damaligen Ausstellungskatalogs aus aller Welt und mit ihnen auch interessante Geschichten der Rezeption zusammen. Als Leiterin des gta Archivs stellt Irina Davidovici mit Frida Grahn als Co-Kuratorin im Ausstellungsraum am ETH-Campus Hönggerberg nicht nur diese zugesandten Trouvaillen aus, sondern auch weiteres Material rund um die damalige Schau. Im Architekturunterricht sind diesen Projekten der damals aufstrebenden Generation um Aurelio Galfetti, Luigi Snozzi, Livio Vacchini, Mario Botta, Bruno Reichlin, Fabio Reinhart oder Flora Ruchat (um nur einige zu nennen) noch heute entwerferische Fingerübungen gewidmet. Deshalb beschloss der Birkhäuser Verlag im Jahr 2010, den damaligen Ausstellungskatalog (nach drei Auflagen in den 1970er Jahren) als Faksimile nachzudrucken.
Auf den Buchseiten des originalen Katalogs waren die Ausstellungstafeln in verkleinerter Form versammelt. Ein Vorwort von Heinz Ronner, dem damaligen Leiter des gta und Initiator der Schau, sowie ein Einführungstext des damals 33-jährigen Martin Steinmann zum Realismus in der Architektur, der künftige Debatten schon vorwegnimmt, leiten die Publikation ein. Im Massstab 1:4 (das entspricht den Paneelen im Buch) ist nun die damalige Schau als Modell präsentiert. Konzept und Realisierung stammen vom Büro der Basler Architekten Christ & Gantenbein, die an der ETH Zürich unterrichten. An den Wänden sind 15 der 56 im gta Archiv noch erhaltenen Paneele zu sehen. Daneben hängende Originalzeichnungen aus Privatarchiven, dem gta oder dem Archivio del Moderno sowie der Fondazione Archivi Architetti Ticinesi eröffnen reizvolle Vergleiche.
Ein Highlight sind die Originalzeichnungen aus dem Archiv des 2013 verstorbenen Tessiner Architekten Giancarlo Durisch. Die 18 Zeichnungen seines eigenen Hauses, darunter die ikonischen, handgezeichneten Isometrien, wurden damals eigens für die Schau produziert. Sie ermöglichen eine Vertiefung in die vielfältigen Entwurfsaspekte und damit den räumlichen Reichtum dieses Kleinods in Riva San Vitale. Grafisch einprägsam spannen zwei Gebäudeflügel (Wohnhaus und Atelier) auf jeweils dreieckigem Grundriss einen Hof auf. Im Vergleich der Paneele mit den Originalen tritt die technische Herausforderung der Reproduktion der feinen Strichzeichnung vor Augen.
In Vitrinen sind Archivmaterialien zu sehen, die das organisatorische Unterfangen der damaligen Schau ins rechte Licht rücken: Einladungsbriefe an die Architekturschaffenden, Probelayouts von Paneelen und Katalog. Ebenso ist die Grundrissskizze der Ausstellung von Thomas Boga präsentiert wie auch das damalige Ausstellungsplakat. Selbst die Einladung zur damaligen Vernissage ist dabei, samt Angaben zum damals servierten Menü. Aufschlussreich zeigt ein Schwarz-Weiss-Film des Tessiner Fernsehens einen Rundgang durch die damalige Ausstellung.
Weiteres Material stammt aus dem Nachlass von Martin Steinmann, der nun am gta archiviert ist, etwa die zahlreichen Diabilder (z.B. Casa Tonini von Reichlin & Reinhart im Bau). Eine Auswahl seiner Briefe zeigt das rasant gestiegene Interesse an der Tessiner Architektur als Folge der Schau – beispielsweise der rege Briefwechsel mit renommierten Institutionen im europäischen Ausland. An über 12 Stationen war die Schau über rund 10 Jahre hinweg zu Gast. Bis nach Japan reichte die Tessin-Begeisterung, wie eine Ausgabe der Zeitschrift A+U von 1976 über Einfamilienhäuser beweist, die in einer Vitrine neben dem Briefwechsel mit der Redaktion liegt.
Die Bekanntheit der Tessiner Architektur, insbesondere der Bauten von Mario Botta, ist auch in den 1990er Jahren nicht abgebrochen – im Gegenteil. Sogar die Tessiner Tourismusagentur hat den Ruhm genutzt und eigens populäre Architekturführer zu den Bauten der Tendenza-Generation veröffentlicht. Dank ihnen hat auch der hier Schreibende zahlreiche Bauten im Südkanton in Augenschein genommen.
Doch in welchem Zustand sind die Gebäude heute? Das zeigt eine Bildserie des Fotografen Stefano Graziani. Er hat etwa die Casa Tonini in Torricella von Bruno Reichlin und Fabio Reinhart (zu den vielfältigen Entwurfsbezügen darin vgl. wbw 6 – 2015, S. 42–47) porträtiert. Auch die Casa Bianchi von Mario Botta ist weiterhin nur über den schmalen Steg hoch über Riva San Vitale erreichbar und ist im kantonalen Inventar. Das Haus Durisch steht ebenso wie die Casa Bianchi und die Casa Tonini unter Denkmalschutz.
Die aktuellen Fotos zeigen: Nicht allen Bauten steht die mittlerweile angesetzte Patina gut zu Gesicht. So stellt sich die Frage nach dem Umgang mit diesen jungen Denkmälern (von denen längst nicht alle geschützt sind). Wie können ihre materiellen Qualitäten erhalten bleiben? Darüber hinaus eröffnet sich mit dem anstehenden Generationenwechsel und dem Verkauf auch die Frage der Zukunft. Um diese Herausforderungen zu meistern, ist allen Häusern eine feinfühlige Behandlung zu wünschen.
Zumindest auf der Ebene der Theorie sind dafür heute gute Grundlagen vorhanden, damit nicht allein die Bauten, sondern auch die Kontexte von einst nicht vergessen werden. Die Kuratorin der Jubiläumsschau und seit 2022 Leiterin des gta Instituts hat jüngst selbst in einer Publikation den theoretischen Rahmen der Tessiner Architektur der 1960er und 1970er Jahre abgesteckt. Ihr Buch The Autonomy of Theory. Ticino Architecture and its Critical Reception ist 2024 im gta Verlag erschienen. Darin lässt sich eintauchen und mehr über die Hintergründe der Ausstellung (etwa das Seilziehen um den Titel) oder die Rezeptionsgeschichte (in der Schweiz und im Ausland) erfahren. Ansonsten ist der Katalog von einst ja nach wie vor erhältlich.
Tendenzen at 50: Portrait of an Exhibition
Vernissage 3. März 2026
Ausstellung 4.3. – 8.5.2026
ETH Zürich
gta Ausstellungen, HIL D 57.1
Stefano-Franscini-Platz 5
8093 Zürich
www.ausstellungen.gta.arch.ethz.ch
Mo–Fr 10 – 18 Uhr