Gailhoustet-Bau in Paris in Gefahr

Protestbrief für eine umsichtige Instandsetzung des Ilot 8 in Saint-Denis

Mit Verwunderung und Ablehnung nehmen wir in der Schweiz zur Kenntnis, dass mit der Renovation des Ilot 8 in Saint-Denis dieses bedeutende Werk der Architektin Renée Gailhoustet in seiner Kernidentität verändert werden soll. Das ist schwerwiegend, denn die Siedlungen von Renée Gailhoustet und Jean Renaudie sind in ihrer Art einmalig in Frankreich – und in der Welt. Neben der Individualität der Wohnungstypen und der Vielfalt privater Gärten und Terrassen zeichnet sich das Ensemble durch sein vielgestaltiges inneres Wegenetz aus, das die Bewohner miteinander in Kontakt bringt. Nun sollen, um ungebetene Besucher fernzuhalten, die Zugangstreppen zum Wohnbereich und die Passerellen zu den Nachbarhäusern abgebrochen und bisher gemeinschaftliche Plätze privatisiert werden. Dies widerspricht jedoch der Grundidee dieser Architektur.

Selbstverständlich hat das Ilot 8 eine umfassende Renovation verdient. Dabei muss jedoch nach einer massgeschneiderten Lösung gesucht werden, die die innere Struktur dieser Überbauung respektiert. Seine Erneuerung hat umsichtig und nach einem angemessenen Plan zu erfolgen. Nicht umsonst wehren sich die betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner selbst gegen die Banalisierung ihres Lebensraums.

Renée Gailhoustet ist heute als eine herausragende Architektin weltweit anerkannt, ihr Schaffen ist mit zahlreichen Preisen, Publikationen und Ausstellungen gewürdigt worden. Von Januar bis März 2026 ist es in der renommierten Architectural Association AA in London ausgestellt. Die Schweizer Architekturzeitschrift werk, bauen + wohnen hat im Jahr 2020 dem Werk von Gailhoustet eine monografische Ausgabe gewidmet: wbw 12-2020. Mit aktuellen Analysen und Fotografien haben wir dort die aussergewöhnlichen Qualitäten der Wohnungen, Gärten und Stadträume eingefangen. Die eindrücklichen Bilder zeigen: Viele Ideen sind hochaktuell, nicht zuletzt Gailhoustets Ansatz, den Wohnraum zusammen mit dem Freiraum zu denken. Wir haben diese Verdienste auch in unserem Nachruf zum Tod von Renée Gailhoustet Anfang 2023 in Erinnerung gerufen.

Gerade in den aktuellen Wohnungsbaudebatten in Deutschland, Frankreich und der Schweiz sind die Individualität und Wohnqualität der Grundrisse Renée Gailhoustets ein leuchtendes Beispiel. Sie folgte in ihrem Werk einem zutiefst humanistischen Ideal. Sie hat nicht nur gute Wohnungen gebaut, sondern Orte des menschlichen Miteinanders: Diesem ist Sorge zu tragen!

— Roland Züger, Jenny Keller, Daniel Kurz, Lucia Gratz, Christoph Ramisch, Jasmin Kunst

Wer die Petition der Bewohnerschaft gegen den Umbau unterstützen will, kann hier unterschreiben. 

Eine gute Analyse des Ilot 8 des Architekturkritikers Christophe Catsaros für das Architekturzentrum arc en rêve in Bordeaux liest man hier.

Zum Bild: Die griechische Fotografin Pénélope Thomaidi hat das Ensemble besucht und in aktuellen Bildern festgehalten.

© Bild: Penelope Thomaidi/Hans Lucas
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