Jasmin Kunst, Phil Bucher (Bilder)
In der «Üsserschwiiz» könnte ein so rohes Bauwerk wie das neue Garderobengebäude des FC Brig Gefahr laufen, grob zu wirken. In das Panorama der Walliser Alpen aber fügt es sich ohne Weiteres ein: Es sitzt ganz selbstverständlich in seiner Umgebung.
Der Fussballplatz, den es flankiert, liegt etwas ausserhalb des Stadtkerns von Brig, wo die Topografie erst leicht ansteigt. Umgeben von lockerer Wohnbebauung, öffnet sich hier ein Feld mit grösseren Anlagen für Sport- und Freizeitaktivitäten. Direkter Nachbar ist ein Schwimmbad, auf der anderen Seite der Saltina, die weiter unten in die Rhone fliesst, steht «iischi arena», eine Eishalle, etwas hangaufwärts ein Campingplatz.
Eine lange, freistehende Wand bildet das Rückgrat des Hauses, die schmale Stirnseite begrenzt den kleinen Vorplatz. Von hier gelangt man über eine Treppe ins Gebäude oder direkt auf den Rasen, wo sich der Neubau erst in seiner vollen Länge ausbreitet: 72 Meter Haus, fast vollständig aus Beton, entworfen von den beiden jungen Walliser Architekten Thomas Summermatter und David Ritz.
Kann man heute noch mit gutem Gewissen ein Haus aus Beton bauen, während im Hintergrund die Architekturwelt fieberhaft nach Möglichkeiten sucht, klimagerecht zu bauen?
«Wir wollten ein robustes Haus bauen», begründet es der Architekt David Ritz. Und weiter: «Ein Haus, das fest im Boden verankert ist.» Vor dem Neubau gab es hier schon einen bewachsenen Hügel aus Bauschutt, davor ein paar Stufen. So wächst nun auch die Tribüne des Neubaus aus dem Boden heraus, ist Teil der Topografie. Beton an sich lässt sich wohl schwer mit unseren Klimazielen vereinbaren, die Idee von Dauerhaftigkeit aber schon. Das Material ist langlebig und zweckmässig im Unterhalt – wichtige Voraussetzungen dafür, seinen Zweck für viele Jahrzehnte zu erfüllen.
Im Beton fanden die Architekten auch ein Material, das ihren Anforderungen an Konstruktion und Gestaltung gerecht werden konnte. Er vermag vieles, womit Holz beispielsweise Mühe hat: vom Kontakt mit dem Erdreich über grosse Spannweiten bis hin zur Gestaltung der Oberflächen. Den Auftrag für den Bau erhielt das Atelier Summermatter Ritz durch einen Wettbewerb 2019. Bestellt hatte die Stadt Brig da lediglich neue Garderoben und eine Buvette. «Gebaut haben wir ein Stadion», so die Architekten.
Sie schlugen vor, auch die bestehende Tribüne zu ersetzen und mit Garderoben und Buvette zu einem Ganzen zu kombinieren – erfolgreich. Das Stadion ist eine Raumsequenz aus vier Schichten, die durch unterschiedliche Offenheit, Lichtführung und Raumhöhe die jeweilige Nutzung ermöglicht. Zum Spielfeld öffnet sich die luftige Tribüne, dahinter wird die Decke niedriger, die Atmosphäre intimer. Je nach Tageszeit ist dieser Bereich Verteilraum, Teil der Tribüne oder Ort der Zusammenkunft. Die verschiedenen Nutzerinnen, egal ob vom Heimteam oder den Gästen, vermischen sich. «Fussball ist im Wallis etwas Familiäres, diese Nähe würde wohl nicht überall funktionieren», sagt David Ritz.
In diesem Bereich stehen auch die Stützen, auf denen die massigen Träger ruhen, die das Dach tragen. Um den Raum nicht in ein klares Vorne und Hinten zu teilen, sind sie um 45 Grad gedreht. So entsteht ein Rundherum. Die Stütze selbst erhält durch ihre Form einen besonderen Ausdruck. «Sie sind sozusagen die Zuschauer, die immer da sind. Die treusten Fans.»
In den sechs roten Kuben hinter dem Zuschauerbereich sind die Garderoben für die Spieler und Schiedsrichter untergebracht. In derselben Schicht liegt die Buvette – ebenfalls ein Kubus, aber doppelt so gross und eingefasst mit viel Glas. Über eine Nische zwischen den Kuben betreten die Spielerinnen und Spieler die Garderoben. In dem kleinen, geschlossenen Raum schafft das runde Oblicht, das vom massiven Träger durchstossen wird, einen fast sakralen Moment. Für ein paar Stunden erhält jedes Team ein eigenes Haus, einen Ort der Einkehr und Konzentration vor dem Spiel.
Dass beide Architekten selbst Fussballer waren, zeigt sich im Detail der Garderoben. Statt dass sich die Spieler auf zwei langen Bänken gegenübersitzen, sitzen sie hier im Kreis, mit ihrem Trainer im Zentrum. Neben der Art des Zusammenseins, ist auch die Art, wie die einzelnen Teile zu einem Ganzen gefügt sind, sorgfältig gestaltet. Die Architekten etablieren ein Spiel, bei dem die architektonischen Elemente als Einzelteile inszeniert werden, bevor sie wieder zum Teil des Ganzen werden. Der Betonträger beispielsweise kragt über der Tribüne noch frei aus, wird dann Teil der Decke, wo er sich lediglich im Schalungsmuster abzeichnet, bevor er schliesslich zum Teil der Rückwand wird.
Entstanden ist so ein selbstbewusstes Gebäude. Es ist rau, aber nicht grob; kräftig, aber nicht sperrig, entworfen mit einer hohen Feinfühligkeit gegenüber denen, die sie benutzen.