Ros Diamond, Philip Vile (Bilder)
Die Frage, wie die ärmsten Mitglieder der Gesellschaft angemessen leben und sich ins öffentliche Leben einbringen können – auch im Alter – stellt uns heutzutage vor eine grosse Herausforderung. In London mit seinem akuten Mangel an Sozialwohnungen haben die jüngsten demografischen Veränderungen mit einer höheren Lebenserwartung dazu geführt, dass immer mehr Menschen im dritten Lebensabschnitt Schwierigkeiten haben, eine angemessene, bezahlbare Wohnung zu finden.
Die Gestaltung von Wohnungen, die das Leben älterer Menschen verbessern, ist eine Herausforderung und wird normalerweise nicht mit innovativer Architektur in Verbindung gebracht. Das Appleby Blue Almshouse, ein jüngst abgeschlossenes Projekt in Bermondsey im Süden Londons, bietet einen neuen architektonischen Ansatz.
Traditionell wird ein englisches Almshouse – ein Altersheim für arme Alte – als Gebäudetypologie mit hofartigen, von den umliegenden Vierteln losgelösten Wohneinheiten in Verbindung gebracht. Entwickler solcher Wohnanlagen, meist Wohltätigkeitsorganisationen, sind vor allem in Kleinstädten, aber auch verstreut in London anzutreffen. Die historischen Beispiele und ihre neuen, konventionelleren Gegenstücke verfolgen ähnliche Ziele: Sie ermutigen die älteren Menschen dazu, ihren Lebensabend in einer Gemeinschaft zu verbringen. Wie das Wort Almshouse suggeriert, handelt es sich dabei um eine karitative Einrichtung. In Zusammenarbeit mit der Bauherrin United St Saviour’s, einer 500 Jahre alten Stiftung, haben Witherford Watson Mann ein zeitgemässes Altersheim entworfen: das Appleby Blue. Es steht modellhaft dafür, wie eine immer älter werdende Gruppe der Stadtbevölkerung in einer gemeinschaftlichen Wohnform leben kann, die ihre Mitglieder gleichzeitig sozial in die Gemeinschaft integriert.
Das Projekt beherbergt eine vielfältige Gruppe von über Fünfundsechzigjährigen mit einem breiten Spektrum an Altersgruppen und körperlichen Fähigkeiten. Die Gestaltung der Gemeinschaftsräume fördert Begegnungen zwischen den Bewohnenden und den Generationen und bietet auch Raum, Besucherinnen einzuladen. Die Räume bilden eine Abfolge transparenter Schichten, die von der Strasse bis zum Zentrum der Anlage, dem Innenhof, reichen. Das Projekt umfasst insgesamt 57 Wohnungen sowie Gemeinschaftsräume für Bewohner und die Nachbarschaft, darunter ein Gartenzimmer und ein öffentliches Café, eine Gemeinschaftsküche, Aktivitätsräume und ein üppig begrünter Innenhof. Es gibt auch zwei Atelierwohnungen, die an jüngere Menschen vermietet werden. Sie können sich beteiligen, wenn es gilt, zukunftsfähige Lebensstile des gemeinschaftlichen Alterswohnen zu erproben – eine der entscheidenden Komponenten von United St Saviour’s, der Trägerstiftung.
Beim Neubau handelt sich um einen grossen, dichten Wohnblock in einem typisch innerstädtischen Londoner Kontext mit unterschiedlichen Massstäben. Er grenzt an eine Hauptstrasse und schliesst an ein paar gut erhaltene viktorianische Reihenhäuser an. Im Gegensatz zu den gegenüberliegenden Nachkriegsblöcken, die locker in einem Garten und in willkürlichen Winkeln zur Strasse stehen, füllt Appleby Blue seinen Platz mit einem fünfstöckigen Gebäude aus. Seitlich reduziert sich die Gebäudehöhe auf zwei Etagen, um an die Höhe der angrenzenden Reihenhäuser im Süden anzuschliessen. Ein niedrigerer Flügel schliesst den Block im Innenhof ab und beschirmt den Gartensitzplatz. Die äussere Form, die sich daraus ergibt, interpretiert den städtischen Wohnblock als öffentliches Gebäude neu und öffnet sich stirnseitig in breiter Front zur Hauptstrasse.
Mit ihrer hybriden Herangehensweise an den städtischen Block nutzen die Architekturschaffenden spielerisch einen englischen architektonischen Pragmatismus, um die Form der Box zu beleben. Dabei ist jede Manipulation sorgfältig komponiert und zielgerichtet eingesetzt. Während die formale Einheit des Blocks intakt bleibt, wird der monolithische Ausdruck des massiven Körpers durch die Beugung seiner 40 Meter langen Fassade und durch diverse Knicke gemildert. Die Steinhaut faltet sich nach innen, wie in der Blockecke im Nordosten, oder nach aussen, wie entlang der Seitenstrassen, zu Erkern für die Wohnungen – vertraute Merkmale des Londoner Wohnungsbaus (vgl. Diele, Erker, Laubengang, wbw 7 – 2021). Damit knüpft der Entwurf an andere Projekte von Witherford Watson Mann an, darunter das Studio- und Bürogebäude aus Backstein an der Cremer Street (2019).
Das andere markante Element, das die Länge des Blocks unterbricht, ist ein langgestreckter, zweigeschossig vorspringender Erker in Holz. Er erinnert an eine öffentliche Loggia im Erdgeschoss eines italienischen Stadtpalasts. An den Palazzo Rucellai in Florenz zum Beispiel, wo die grössten Familientreffen stattfanden, ohne die Stadt – und den Palazzo gegenüber – aus dem Blickfeld zu verlieren. Der Erker von Appleby Blue enthält eine Reihe von öffentlichen Räumen, deren grösster, ein zweigeschossiger Salon, durch die Transparenz seiner grossflächigen Verglasungen den Gartenhof mit der Strassenseite verbindet. Dieses Gestaltungselement öffnet den Block für die Nachbarschaft und lädt die Gemeinschaft gezielt in das Café und in dessen Herzstück, den schmalen, aber üppig bepflanzten Garten, ein. Auf der oberen Etage des Erkers fungiert eine verbreiterte Galerie entlang der Hofseite als Schwelle. Von hier aus blicken die Bewohnerinnen über den grossen öffentlichen Salon hinweg auf das Hofgrün, oder sie sitzen zusammen, schauen auf das Treiben auf der Strasse und treten mit den Passanten in Kontakt. Ein solcher Austausch ist sich vielen von ihnen lieber, als isoliert in den typischerweise abgetrennten Gärten ihrer Seniorenwohnanlagen zu sitzen.
Sensibilisiert von historischen Bautypen im Londoner Umfeld, greifen die Architekturschaffenden innerhalb des Wohnblocks auf die langgestreckte Hoftypologie der mit Laubengängen versehenen Southwark-Coaching-Inns zurück. Eine solche Kutscher-Herberge (früher samt Pferdewechsel) ist mit der George Tavern auf der Höhe der London Bridge noch heute zu besichtigen. Schon hier sind die Gästezimmer der Unterkunft über einen Laubengang erschlossen. Im Appleby Blue wurde dieses Vorbild in eine gemeinschaftliche Wohnanlage transformiert. Aus in Holz gefassten, geschlossenen Laubengängen eröffnen sich Blicke auf den zentralen Garten, der die Bewohnenden miteinander verbindet.
Diese Referenz des Einfügens bezieht sich auch auf frühere Projekte des Architekturbüros, darunter zwei Projekte, die mit Bestand arbeiten: Nevill Holt Opera (2018), bei dem ein Holztheater sich in ein altes, steinernes Stallgebäude einfügt. Und in gewissem Mass erinnert es auch an ihr mit dem Stirling-Preis (2013) ausgezeichnetes Astley Castle in Warwickshire. Dort haben sie ein Ferienhaus (mit Wohnräumen aus Holz) in den Kern einer denkmalgeschützten Burgruine aus dem Mittelalter eingebaut.
Im Inneren von Appleby Blue verleiht die aus Eichenholz gefertigte Vorhangfassade um den Innenhof dem Gebäude einen intimen und häuslichen Charakter. Diese Zone erschliesst die Wohnungen und bildet eine durchgehende Wintergartenschicht. Individuell öffenbare Schiebe- und Drehflügelfenster ermöglichen den Bewohnenden, ihr Klima abweichend vom Regime der Haustechnik oder der institutionellen Kontrolle zu regulieren und einen sinnlichen Kontakt mit dem Hof und den Kleingärten auf dem Dach des Hofflügels herzustellen. Anstelle des privaten, individuellen Balkons steht bei Appleby Blue der gemeinsame Raum im Vordergrund. Von den breiten Laubengängen abgehend, bilden mäandrierende Nischen die Schwellen zu den Wohnungseingängen. Die informellen Sitzgelegenheiten bekräftigen die Orientierung ebenso am Gemeinsinn des Entwurfs wie an der Intimität seiner Architektur.
Man kann sich vorstellen, wie in den langen Laubengängen eines grossen Hauses oder in dem durchgehend verglasten Korridor um den offenen Innenhof der Uffizzi zu flanieren. Gleichzeitig hat man das Gefühl, dass es Räume gibt, in denen die Bewohnerinnen für sich sind. Sowohl auf der Aussenseite als auch im Inneren des Blocks wird die Vorstellung von städtischer Intimität und kollektiver Erinnerung durch feinsinnig gestaltete Details vermittelt, die zum Anfassen einladen.
Dazu gehören die subtilen Ziegelfarben und Oberflächenabstufungen an der Gebäudehülle sowie die ausgeprägten Dachvorsprünge in den unteren Stockwerken, die das Erlebnis für die Passanten bereichern. Im Innenhof und in den öffentlichen Innenräumen haben die Architekturschaffenden Verkleidungen aus neuem und altem Holz eingesetzt, um den Räumen Wohnlichkeit zu verleihen und ein menschliches Wohnumfeld zu schaffen.
Rosamund Diamond führt seit 1991 das Büro Diamond Architects in London. Sie ist Korrespondentin von werk, bauen + wohnen in der britischen Hauptstadt.
Aus dem Englischen von Roland Züger. Originaltext