Article from 7/8–2025

Sinnbild einer Verkehrslandschaft

Werkhof Uri in Altdorf von Felgendreher Olfs Köchling

Erik Wegerhoff, Karina Castro (Bilder)

In ein robustes Kleid aus Leitplanken gehüllt, präsentiert sich der neue Werkhof an der Gotthard-Achse. Die Infrastruktur für die grossen Urner ­Alpenpässe wird so am Bauwerk haptisch erfahrbar. Im Inneren herrscht wohlsortierte Funktionalität.

Das Problem der breiten Talböden der Alpen ist das Repoussoir: die Gegenstände im Vordergrund. Entlegene Matten mit versprengten Hütten, frisch verschneite Gipfel, dramatische Wolkenfetzen zwischen den Felsen, ein plötzlicher Lichtstrahl auf den Wald darunter: Der alpine Hintergrund erscheint nach wie vor oft perfekt malerisch oder ideal erhaben, in einer Landschaftsästhetik, die das 18. Jahrhundert geprägt hat. Sie besitzt nahezu unverändert Gültigkeit von der frühen Landschaftsmalerei bis ins Zeitalter von Instagram. Im Vordergrund aber, wo das 18. und 19. Jahrhundert hier eine Handvoll Kühe, dort einen Heuhaufen und ein paar Bauernhäuser arrangierte, da versammelt unsere Epoche in der Reussebene bei Altdorf Bauten wie das Shoppingcenter «Tellpark», einen Parkplatz, ein Fitnesscenter und einen Elektrofachmarkt. Das ist keine kulturpessimistische Schwarzmalerei, es ist die direkte Umgebung des neuen Werkhofs Uri.

Fassade als farbliches Echo

Der aber scheint angetreten, um die hier eingangs gemachte Feststellung als falsch zu entlarven. Oder doch zumindest, um sie zu korrigieren. Man kann auch heute noch, sagt das Gebäude in der Agglo zwischen Altdorf und Erstfeld, einen Vordergrund schaffen, der mit den Alpen und Matten und Felsen dahinter korrespondiert. Und das, obwohl er zeitgemässerweise nicht mehr aus Kühen, Heuhaufen und Bauernhäusern besteht. Zunächst einmal ist das Bauwerk des Berliner Architekturbüros Felgendreher Olfs Köchling nämlich auch nur eine Kiste und sympathisiert als solche durchaus auch mit den Einzelhandels- und Gewerbekisten um sie herum. Gut 30 auf 60 Meter, fast keine Öffnungen in der Fassade, ein flaches Dach, das auf einer Seite eine Auskragung hat, unter der manchmal ein LKW steht – so etwas gibt es nebenan auch. Die gestalterische Ambition dieser Kiste aber zeigt sich in ihrer formalen Disziplin: nämlich, dass hier ganz offenbar nichts unkontrolliert aus der schlichten Form ausbricht, um nach Aufmerksamkeit zu schreien oder ein halbvergessenes Raumprogramm irgendwo unterzubringen. Und mehr noch zeigt sie sich in der Haut.

Die besteht aus sauber aneinandergereihten vertikalen Lamellen. Diese changieren zwischen Hellgrau, Dunkelgrau, Braun und Schwarz, ein wilder Verband der gedämpften Farben, die zunächst an unbehandeltes, unterschiedlich stark verwittertes Holz denken lassen. Tatsächlich unterscheidet sich die Fassade kaum von derjenigen eines daneben platzierten Streugutsilos, das mit Holzlatten verkleidet ist. Und doch handelt es sich bei der Fassadenverkleidung nicht um Holz, wie man feststellt, wenn man dem Gebäude näher kommt. Und von «Haut» mag man dann auch kaum noch sprechen. Nebeneinandergehängt sind hier von Regen, Schnee und Streusalz patinierte Leitplanken. Einst flankierten diese die Autobahn A4 zwischen Küssnacht und Goldau, bis sie turnusgemäss nach 30 Jahren ausrangiert wurden. Ihre Farbigkeit harmoniert in erstaunlichem Mass mit derjenigen der Felswände, die das Tal einfassen, mit dem Grau des Gesteins und dem Rostbraun des darin vorhandenen Eisens. Der farbliche Anklang und der an sich schlichte Kniff, dass die alten Leitplanken hier um 90 Grad gedreht zu ihrer gewohnten Erscheinungsform auftreten, führen dazu, dass diese abstrahiert werden. Erst kurz bevor man sie berührt, ist erkennbar, worum es sich handelt. Das macht die Bauteilwiederverwendung erstaunlich elegant. Und es verleiht der Fassade über das farbliche Echo mit den Felsen hinaus eine treffende Bedeutungsdimension. Denn die im Werkhof beheimateten Strassenfahrzeuge und Schneepflüge sind für den Unterhalt der leitplankenflankierten Bergstrassen zuständig, die die umgebende Bergwelt bis auf über 2400 Meter hinauf erschliessen: den Klausen-, Susten-, Oberalp- und Furkapass und nicht zuletzt den Gotthard. So schafft es die Architektur hier, die gigantische, doch in ihrer Ausdehnung schwer fassbare Infrastruktur der alpinen Strassen zu versammeln und greifbar zu machen, visuell und tatsächlich auch haptisch.

Infrastruktur erfahrbar machen

Dass auf dem Werkhofgelände immer ein paar der (allwinterlich demontierten und im Frühjahr wieder angeschraubten) Leitplanken lagern, brachte die Architekturschaffenden überhaupt erst auf die Idee für das ungewöhnliche Fassadenmaterial. Auch wenn sie am Autobahnrand nach drei Jahrzehnten ausgesorgt haben, sind die Doppelwellen aus verzinktem, satte drei Millimeter dickem Stahlblech noch auf lange Zeit stabil genug, um eine Aufgabe als architektonisches Bauteil zu erfüllen. Und im Gegensatz etwa zu einer Holz- oder Wellblechfassade zeigen sie sich auch von mechanischen Einwirkungen unbeeindruckt; in anderen Worten: Wenn ein Schneepflug beim Rückwärtsfahren mal aus Versehen etwas zu weit fährt, geschieht dem Stahlkleid nicht viel.

Ein Werkhof ist in erster Linie Garage, Wartungsraum und Materiallager. Insofern ist der Massstab eher derjenige der dort geparkten Fahrzeuge, auch dem wird die ungewöhnliche Gebäudehülle gerecht. Doch gibt es auch hier eine Handvoll Büroarbeitsplätze. Und in Zusammenarbeit mit einem ambitionierten Metallbauer haben die Architekten es geschafft, die fast massstabs- und öffnungslose Kiste dort zu durchstanzen, wo sich die Büros befinden. Bei einem querrechteckigen Fenster im Erdgeschoss mutieren die Leitplanken zu einer vertikalen Jalousie, die sich drehen lässt, um Ausblick und Sonneneinfall zu dosieren. Im Stockwerk darüber zeigt eine in der Formensprache des Bauwerks einzigartige Rundöffnung, wo weitere Büros sind. Der kreisförmige Einschnitt in die Stahlplanken lässt dabei ganz unerwartete kleine Geometrien entstehen. Diese Details wirken manchmal etwas verspielt oder auch manieriert, sie bilden aber doch am richtigen Ort kleine und wichtige Anhaltspunkte eines plötzlichen Massstabwechsels, der dem näheren menschlichen Kontakt entspricht. Dennoch wirkt das Rundfenster im Verhältnis zum gesamten Gebäude allzu klein und verliert sich in der Fassade. Hier hätte man das begründete Spiel der Proportionen vielleicht besser umgekehrt und den vom runden Fenster belichteten Büroflur mit einer übergrossen Kreisöffnung konfrontieren können.

Wohlsortierte Kiste

Darüber hinaus wird man dem Bauwerk nicht ungerecht, wenn man es als eine wohlsortierte Garage bezeichnet. Das gilt sowohl in Bezug auf die Architektur als auch auf die Bespielung. Im Grundriss ist der rechteckige Bau der Länge nach in drei Zonen geteilt. Die äusseren nehmen die Stellplätze für die Fahrzeuge auf, die mittlere ist eine innere Strasse, die durch den ganzen Bau führt. Sie erschliesst die hinteren Stellplätze im Norden für die etwas kleineren Fahrzeuge und zugleich das Materiallager auf einer offenen Galerie darüber. Hier sind Splittsäcke, Spitzhacken, Strassenschilder und andere Utensilien fein säuberlich sortiert. Die Stellplätze gen Süden umfassen beide Stockwerke, um auch Hochleistungs-Schneefräsen beherbergen zu können. Sie werden von aussen über gebäudehohe verglaste Klapptore erschlossen. Daneben befinden sich ein Waschraum für die Wagen, Werkstätten und in einer doppelgeschossigen Zone unten Umkleiden und oben Büros.

Dass die Südfassade komplett verglast ist, nimmt man zunächst kaum wahr, denn durch das hier sehr weit vorkragende Dach liegt sie immer tief im Schatten. Allein das allerdings ermöglicht auch die Verglasung, denn damit waren äussere Storen überflüssig, die angesichts des häufig von Süden wehenden Föhns hier ohnehin in stetem Widerspruch zwischen Windkräften und Sonneneinstrahlung zu kämpfen gehabt hätten. Das Vordach erlaubt zudem das kurzzeitige Abstellen von Fahrzeugen im Freien oder auch das Aufklappen einer Bierbank in der Mittagspause. Auch wenn die Auskragung zurecht an der Länge eines geparkten Wagens mit Hänger orientiert sein mag, wünschte man sich beim Blick in die oberen, tatsächlich sehr dunklen Büros, das Vordach sei ein wenig knapper bemessen oder aber hier stärker durchbrochen, um mehr Tageslicht hindurchzulassen. Auch proportional hätte dem Bau ein kürzeres Vordach gutgetan, zumal das Pultdach in diese Richtung absinkt und dem Bau damit unweigerlich ein unpassend introvertiertes Gesicht gibt, wo er gen Gotthard blickt – glücklicherweise zugleich auf einen grün umstandenen Bachlauf.

Sichtbarer Paradigmenwechsel

Den Auftrag für den Bau des Werkhofs bekam das Architekturbüro Felgendreher Olfs Köchling im Jahr 2020 infolge eines Wettbewerbs mit Präqualifikation. Zum Erfolg trug möglicherweise auch der vom selben Büro realisierte Werkhof in Bülach bei Zürich (vgl. wbw 3–2023, S. 70 – 72) bei, der damals gerade in Realisierung war. Dessen Organisation in Zonen wie auch im Schnitt weist einige Parallelen mit dem Projekt in Uri auf. Kaum zu glauben aber ist, dass die Pläne für Uri zur Zeit des Wettbewerbsgewinns noch Aussenwände aus Beton vorsahen. Das Kleid aus Leitplanken entstand erst in der nachfolgenden vertieften Auseinandersetzung mit der Bauaufgabe und dem Auftraggeber, und dabei wurde auch das Tragwerk komplett verändert. Denn konstruktiv ist der Werkhof in Uri ein Holzbau, ein Skelett aus Brettschichtholz, mit Metallteilen verbunden, ausgesteift durch Stahlseilkreuze und zur Abtrennung der Innenräume ausgebaut mit Sandwichelementen aus Brettsperrholzplatten. Die massiven Holzträger, die das Dach tragen, liegen ausserhalb der warmen Zone auf dem Dach und geben diesem einen gewichtigen Rhythmus. Das aber sieht allenfalls, wer auf die Berge steigt. Die Leitidee des Baus, so wie man ihn wahrnimmt und sich an ihn erinnern wird, ist die Leitplanke.

Erik Wegerhoff (1974) ist Professor für Geschichten und Theorien der Architektur an der FH Nordwestschweiz in Muttenz und gelegentlicher Architekturkritiker. Mehrere Publikationen über die Geschichte und Poetik von Infrastrukturen, zuletzt Automobil und Architektur: Ein kreativer Konflikt (Wagenbach, 2023)

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