Lucia Gratz, Gaëtan Bally (Bilder)
Die Autobahneinhausung und der Ueberlandpark in Schwamendingen sind mehr als eine Stadtreparatur. Mit grossem Materialeinsatz steigern sie die Lebensqualität und schaffen damit die notwendige Grundlage für die bauliche Verdichtung des Quartiers.
Die Eröffnung des Ueberlandparks auf der Einhausung der Autobahn A1L im Zürcher Stadtkreis Schwamendingen markiert eine Zäsur. Gerade ist der 30 Jahre dauernde Kampf gegen die Emissionen der vielbefahrenen Strasse gewonnen, treten die nächsten Herausforderungen in den Vordergrund. Wichtige Wohnbauprojekte, die auf der Grundlage des städtebaulichen Leitbilds von 2013 entlang der eingehausten Stadtautobahn entstehen, sind bereits in Planung. Baugespanne zeichnen deren künftige Umrisse hoch in die Luft. Mindestens genauso viel wie über Park und Tunnelbauwerk wird deshalb über die sozialen Veränderungen gesprochen, die auf das Quartier zurollen. Die Medien ziehen Vergleiche zur Weststrasse, an der nach der Verkehrsberuhigung die Mietpreise in die Höhe schnellten1 – doch halt: Schwamendingen ist Genossenschaftsland, hier könne es nicht so schlimm werden. Genau beobachten müsse man, meint Stadtpräsidentin Corine Mauch dazu; die Genossenschaften trügen ihre Verantwortung, erklärt Thomas Lohmann von der IG pro Zürich 12.
Für einen Moment aber gönnt sich der Stadtteil in Transformation eine kurze Verschnaufpause, um den Abschluss eines Generationenprojekts zu feiern. Die meisten, die zur Eröffnung des Hochparks gekommen sind, flanieren einfach dem schönen grünen Ueberlandpark entlang. Von Schöneich nach Aubrugg, von Aubrugg nach Schöneich. Der Verkehr der Autobahn fliesst kaum hörbar unter ihnen hindurch. Beim Gehen eröffnet sich eine völlig neue Perspektive auf das Quartier und Zürich-Nord.
Wo früher die Ueberlandstrasse führte, hatte der Bau der Nationalstrasse Ende der 1970er Jahre das Gartenstadtquartier zerschnitten. Sie war Ausdruck einer gesellschaftspolitischen Entscheidung für die Massenmotorisierung und damit für eine umfassende Verkehrsinfrastruktur als ökonomische Triebfeder. Nach Ansicht der Entscheidungsträger hatten dafür die Bedürfnisse nach Wohnqualität in der Vorstadt zurückzustehen. Schwamendingen wurde eingekesselt von Autobahnen im Norden und im Westen, dazu die KVA Hagenholz und das Kraftwerk Aubrugg, der Fluglärm vom nahen Flughafen in Kloten – Infrastrukturen, deren Emissionen der Quartierbevölkerung auf den Leib rückten.
In den 1990er Jahren waren der Verkehrslärm und die Abgase der A1L unerträglich geworden, die Schutzmassnahmen waren gemäss Umweltgesetz und Lärmschutzverordnung unzureichend, im Quartier formierte sich Widerstand. Dennoch war allen klar, dass die umstrittene Autoschneise nicht mehr rückgängig zu machen war. Eine siedlungsverträgliche Integration der Autobahn hiess deshalb, die Situation baulich zu entflechten. Der Entscheid im Studienauftrag von 2003 fiel im Dialogverfahren mit dem Quartier und den Genossenschaften auf die von agps architecture vorgeschlagene Einhausung. Das Projekt einer eingehausten Hochstrasse von Diener & Diener kam aus städtebaulicher Sicht nicht in Frage, die Tunnellösung von Theo Hotz Partner wurde aus finanziellen und logistischen Gründen abgelehnt. Das Besondere am Einhausungsprojekt war, dass es mehr war als eine Lärmschutzvorrichtung: Ein linearer Grünraum auf dem Dach und Verbindungen zwischen beiden Seiten sollten das Bauwerk für das Quartier aktivieren.
Für die Umsetzung der Stadtreparatur war eine Materialschlacht sondergleichen erforderlich: Die 940 Meter lange und 30 Meter breite Infrastruktur verschlang 65 000 Kubikmeter Stahlbeton, 21 Tonnen Strassenbelag wurden vergossen und 232 Betonträger verbaut. Fünf Jahre lang war der Strassenabschnitt eine durchgetaktete Tagbautunnel-Baustelle, während der Verkehr weiterrollte. Parallel dazu liess das Bundesamt für Strassen den daran anschliessenden Schöneichtunnel sanieren. Aus den anfänglich veranschlagten 206 wurden 445 Millionen Franken. Nach zwanzig Jahren Planungs- und Bauzeit war es Ende 2023 so weit: Der letzte Deckel schloss die Einhausung, der Verkehr schien gebannt; ein Bollwerk für Ruhe und saubere Luft, ein Sarkophag für die Idee der autogerechten Stadt – doch war damit auch ein Lebensraum für das Wohnquartier entstanden?
Die Einhausung markiert Präsenz: Manche sehen darin einen Kilometer Mauer, der mehr trennt als vereint. Der Sichtbezug zwischen den Quartiersteilen Saatlen und Schwamendingen Mitte ist abgerissen, nur die Giebelspitzen der dreigeschossigen Gartenstadtzeilen überragen die sieben Meter hohen Betonwände. Das Grossbauwerk zementiert einen neuen Massstab im Stadtquartier, der nach Vermittlung zur bestehenden Umgebung ruft.
Auch andere Schweizer Städte haben ihr Schwamendingen: In Luzern-Süd wurde die Überdeckung der A2 beschlossen, Winterthur plant die Teilverlegung der A1 in einen Tunnel – urbane Peripherien mit Wachstumsdrang, Wohnquartiere, die unter der Verkehrslast einer Stadtautobahn stöhnen. Überdeckt man diese Schneisen, werden neue urbane Qualitäten möglich. Auch in Schwamendingen ist aus der Einhausung ein Treiber der Stadtentwicklung geworden. Während der langen Planungszeit haben sich Vorstellungen und Ansprüche an die städtebauliche Transformation verändert. Zürich ist zur wachsenden Stadt geworden, die sich nach innen verdichtet. So unselig das Miteinander von Wohnquartier und Nationalstrasse vorher war, die Häuser sich abwendeten, Schutzwände Barrieren bildeten, der Verkehr sich dazwischen hindurchwälzte, so sehr ist eine Umarmung nun gewünscht.
Mit etwas Verzögerung machte das Amt für Städtebau die Entwicklung entlang der Einhausung zur Chefsache und hielt im städtebaulichen Leitbild von 2013 seine Idee einer kammartigen Bebauung mit siebengeschossigen Zeilen quer zur Einhausung fest. Sie sollen das Bild der Gartenstadt grösser skaliert weiterführen und Brückenverbindungen zum Ueberlandpark ermöglichen. Als Anreiz dafür sieht das Baurecht einen Ausnützungsbonus vor. Der Park selbst nimmt die Vernetzungsrolle gleich mehrfach wahr: als Grün-Korridor zwischen Zürichberg und Glattraum, als neue Wegverbindung für den Velo- und Fussverkehr und als Aufenthaltsort und Treffpunkt für die Quartierbewohnerschaft.
Konkret unterstützen Treppen und Lifte entlang des Bauwerks die Zugänglichkeit und Bewältigung des neuen Massstabs. Auch eine Haltestelle der unterirdisch geführten Tram liegt direkt am Ueberlandpark. Flache Rampen an den beiden Enden schaffen sanfte Übergänge ins Quartier. Auf halber Strecke unterquert die Saatlenstrasse begleitet von einem breiten Grünstreifen die Autobahn. Von oben legen sich parallel dazu zwei Rampen wie Flügel zwischen die Häuser. Auf der Saatlen-Terrasse konnten agps als Resultat einer Echoveranstaltung mit der Quartierbevölkerung einen Pavillon realisieren, der von einem Verein als Café betrieben wird. Auch die Idee für eine Rutsche vom Park nach unten entstand dabei. In die Planungshoheit der Landschaftsarchitektur von Krebs und Herde fielen die beiden anregend gestalteten Spielplätze und der längliche Brunnen aus Stein. Kombiniert mit verschatteten Sitzgelegenheiten, formulieren sie Aufenthaltsbereiche. Nur die in regelmässigen Abständen angeordneten Not-Entrauchungsöffnungen aus Waschbeton erinnern daran, dass der Park über einer Autobahn liegt.
Der 30 000 Quadratmeter grosse Ueberlandpark ist eine Infrastrukturnatur, die Menschenwerk und Ökologie verbindet. Dabei lässt sich das langgestreckte, geschwungene Band auch als einer der Grünzüge lesen, die für die städtebauliche Konzeption Schwamendingens so typisch sind. Mit Substratschichten von 40 bis 90 Zentimetern ist für Wiesen, Stauden und Gehölze ausreichend Erde vorhanden. Für grössere Bäume wird es neben dem geringen Wurzelraum auch aufgrund der exponierten Lage kein einfacher Standort werden. «Die Vegetation wird eher mediterran karg bleiben», sagt Landschaftsarchitekt Mathias Krebs. Mit seinem Büro arbeitete er deshalb mit Vegetationstypen wie Pionierfluren, Hecken und Steppengärten. Zwischen einheimische Pflanzen mischen sich robuste Gewächse aus fernen Regionen, die mit Trockenheit und Hitze gut zurechtkommen. Bewässert wird der Park nicht; ob das Konzept aufgeht, wird man in den ersten Jahren sehen.
Wegen der zunehmend wärmeren und längeren Sommer drohte dem Ueberlandpark noch während der Planung die Versteppung, denn das Budget war auf eine «Basisbegrünung» ausgelegt. Mit dem Zusatzkredit, den die Stimmbevölkerung 2021 guthiess, konnte in Schatten, Biodiversität und Aufenthaltsqualität investiert werden. Neben Sitzbänken mit Lamellenpergola wurde auch ein Trockenmauersystem entwickelt, dessen Steine sich unterschiedlich verbauen lassen. In den gewellten, teils mit Sand gefüllten Ritzen finden bereits jetzt mehrere Wildbienenarten ihr Habitat. 600 schattenspendende Bäume wurden gepflanzt. 54 Arten, darunter elf verschiedene Eichen, machen den Park zu einer Versuchsanlage für klimaangepasste Baumarten. Man merkt, dass die Latte hoch liegt, wenn der Vergleich zum Arboretum in den Quaianlagen am See fällt. Was vor gut zwanzig Jahren in den ersten Studien von agps mit dem Bild eines struppigen Damms mit Trampelpfad und weidenden Schafen begann, ist als Klima- und Biodiversitätspark zum ehrgeizigen Vorzeigeprojekt der Stadt geworden. Doch gerade in Schwamendingen stehen ökologisch wertvolle Freiräume durch die massive Bautätigkeit unter Druck.2 Der zusätzliche Lebensraum für Pflanzen und Tiere steuert dagegen. Ein Freibrief für ein gedankenloses Umstechen bestehender Strukturen ist er dennoch nicht.
Den «Knochen» einhüllen – mit dieser Vorstellung starteten Krebs und Herde (damals noch Rotzler Krebs) 2007 das Landschaftsprojekt. Es erwies sich als Mammutaufgabe, einen Kilometer Park in Abschnitte zu gliedern, die sich durch Pflanzenkompositionen mit spezifischer Blütenpracht, Herbstfärbung und Blattstruktur auszeichnen. Auch ein sinnliches Erlebnis sollte die Promenade sein. Das gilt auch für die Seitenwände: Im Abschnitt Aubrugg ranken Kletterpflanzen bereits mehrere Meter an Seilen hoch. Wie die Arbeit an der Landschaft waren auch die architektonischen Massnahmen eng mit dem Ingenieurbauwerk verbunden. «Der Austausch zwischen den Disziplinen war sehr intensiv», sagt Manuel Scholl, projektverantwortlicher Partner bei agps. Um der Infrastruktur die Härte zu nehmen, liessen sie die Mauern aufrauen und gestalteten Auf- und Übergänge als Teil des öffentlichen Raums. Im Alltag der Anwohnerschaft lassen diese vergessen, dass die Autobahn mit ihrem immensen Verkehrsaufkommen weiterhin besteht.
Wie man die letzten Jahre vom Quartier auf die Einhausung schaute, richtet sich der Blick nun vom Ueberlandpark auf das Wohnquartier. Was jetzt noch als Weite erlebbar ist, mit einem Panorama von Oerlikon nach Dübendorf, wird sich durch die zahlreichen Neubauten in Ausschnitte verengen. Noch hinkt jeder Vergleich mit der oft zitierten Highline in New York oder der Coulée verte in Paris, da diese als umgenutzte Infrastrukturen in einen dichten, vielfältigen Stadtkörper eingebunden sind. Ob auch in Schwamendingen die Verzahnung glückt? Mit lebendigen Zwischennutzungen wie der Werkerei im ehemaligen AMAG-Gebäude3 oder spekulativen Wettbewerbsbeiträgen zum Neubau der Schule Saatlen4 forderte in den letzten Jahren eine jüngere Generation den Status quo des Nachdenkens über eine wünschenswerte Urbanität entlang der Einhausung heraus. Es wird sich zeigen, ob Stadt, Genossenschaften und private Bauträger solche frischen Impulse für künftige Projekte entlang der Einhausung im Sinn einer höheren Nutzungsvielfalt jenseits des benötigten Wohnraums und mehrdeutiger, nutzungsoffener Stadträume fruchtbar machen.
1 https://www.tagesanzeiger.ch/zuerich-wie-rot-gruene-verkehrspolitik-die-stadt-teurer-macht-592424398168 (abgerufen am 21.5.2025)
2 https://www.espazium.ch/de/aktuelles/90-fussballfelder-weniger-schatten (abgerufen am 28.5.2025)
3 https://tsri.ch/a/architektur-kolumne-auf-kreuzfahrt-und-das-mitten-in-zurich-zas-architekturkolumne (abgerufen am 28.5.2025)
4 4. Rang, Saatlen: https://www.espazium.ch/de/aktuelles/wettbewerbe-schulen-zuerich-schulhauslabor (abgerufen am 28.5.2025)
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