Article from wbw 6–2024

Fitzcarraldo am Rhein

Der BSA-Preis 2024 geht nach Basel

Philippe Cabane

Besonders das rote Schiff am Klybeckquai sticht sofort ins Auge. Es ist sprichwörtlich der Leuchtturm der Zwischennutzung im alten Rheinhafen und zeigt, wie schillernd und divers ein Ort in der Stadt entstehen kann.


Hier gastierte der BSA bei seiner diesjährigen Generalversammlung. Die Ortsgruppe Basel hat nun den Holzpark mit dem BSA-Preis 2024 ausgezeichnet. Die Preisträgerin Katja Reichenstein und der Preisträger Tom Brunner im Gespräch mit Laudator Philippe Cabane.

Cabane Ihr habt beide einen bewegten und sehr vielseitigen Hintergrund und arbeitet an ebenso spannenden Projekten. Du, Katja Reichenstein, arbeitest als Journalistin, Kulturschaffende, Pflegefachfrau und Moderatorin. Und du, Tom Brunner, bist Kulturmanager, Wirt, Audio-Ingenieur und gelernter Elektriker. Wofür genau habt ihr den BSA-Preis bekommen?

Tom Brunner Wir haben den BSA-Preis für unser Engagement für Stadtentwicklung am Klybeckquai in Basel bekommen.

Katja Reichenstein Ja, uns wurde mitgeteilt, dass Zwischennutzungen – also auch unser Holzpark Klybeck im Hafen Basel – wesentlich dazu beitragen, dass die Stadt sich organisch verändern darf.

Cabane Wenn ihr euch selbst einen Preis verleihen würdet, wofür genau wäre das?

Brunner Für unser Engagement. Im Unterschied zu vielen anderen Zwischennutzungen, die heute kommerziell von spezialisierten Agenturen gemacht werden, arbeiten wir als Verein hauptsächlich ehrenamtlich und an der Basis – insbesondere handwerklich. Überschüsse haben wir immer in den Standort reinvestiert. Wir reihen uns damit mehr in die Tradition der Zwischennutzungspioniere ein, wie die alte Stadtgärtnerei, das Schlotterbeck, die Kiosk AG und speziell das nt / Areal. Letzteres war eines der ersten Projekte in Europa, das Zwischennutzung explizit als eine Strategie der Stadtentwicklung formuliert und auch umgesetzt hat.

Reichenstein Vor allem wohl aber für die Beharrlichkeit und Bodenhaftung von Tom, der trotz aller Widrigkeiten und Hemmnisse nie aufgegeben hat. Ohne seine visionäre Kraft, seine handwerklichen Fähigkeiten und sein Durchhaltevermögen hätten wir es nie geschafft.

Cabane Auf welche Widrigkeiten und Hemmnisse seid ihr gestossen?

Reichenstein Wir hatten zusammen mit dem Innenarchitekten Kurt Schuwey am ersten Projektaufruf Zwischennutzung der Stadt Basel zum Klybeckquai teilgenommen und sind mit den anderen Projekten wie «Landestelle», «Marina. Frame» oder «Portland» ausgewählt worden. Unser Projekt «Perron 4» – ein mobiles Veranstaltungsmodul auf einem ausgedienten Gleis – stellte sich als nicht umsetzbar heraus. Der Grund: Das Gleis war offiziell noch ein Bestandteil des Schienennetzes der Hafen-Bahn. Das hätten die Stadt und die Hafenverwaltung wohl früher wissen und uns auch kommunizieren müssen.

Brunner Ich war dann auch Präsident des im Rahmen des Projektaufrufs gegründeten Zwischennutzungsvereins I_Land. Das war sehr anstrengend und zeigte auch klar die Grenzen von schwerfälligen Vereinsstrukturen mit vielen Beteiligten auf, vor allem für Macher wie mich, mit endlosen Diskussionen und schwerfälligen Entscheidungsprozessen.

Reichenstein Widrigkeiten gab es auch immer wieder aufgrund der unterschiedlichen politischen Begehrlichkeiten und unterschiedlichen Vorstellungen der Projektträger – unüberwindbar waren die bis jetzt aber eigentlich nie. In der Kommunikation bleiben hilft da sehr.

Cabane Und dann?

Brunner Die Stadt hat uns 2014 erneut angefragt, das zu einem Kiesfeld leergeräumte und zum Teil von einer Wagenburg besetzte Migrol-Areal mit einer Zwischennutzung zu bespielen.

Reichenstein Es waren vor allem Tom Brunner und Kurt Schuwey, die dieses viel umfassendere Projekt machen wollten. Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt noch immer ziemlich sauer, dass man uns im Rahmen des Projektaufrufs für ein nicht realisierbares Projekt ausgewählt und dann ins Leere hat laufen lassen. Doch die Stadt hatte es quasi zur Bedingung gemacht, dass ich als professionelle Kommunikationsfrau mit dabei bin, um das Projekt auch nach aussen zu tragen. Und natürlich wollte ich Tom und Kurt keine Steine in den Weg legen und habe schliesslich mitgemacht. Denn ich wusste, wenn die zwei etwas machen, dann wird es gut.

Brunner Wir haben dann den Holzpark gegründet: ein Hüttendorf für alles Mögliche. Wir haben Leitungen verlegt, Medienpunkte geschaffen und Parzellen schrittweise an einzelne Projektträger vermietet.

Cabane Ihr habt ja früher eher kulturelle Events und Zwischennutzungen auf kleinerem Raum initiiert und mitgestaltet. Mit dem Holzpark seid ihr dann plötzlich in die Rolle von Landlords auf Zeit geraten. Was ändert sich da?

Brunner Wir standen plötzlich im Rampenlicht und wurden auch von vielen Seiten angefeindet. Viele meinten, wir würden damit einfach Geld machen. Die linksautonome Szene sah uns als verlängerten Arm der Stadt, um die Besetzer in Schach zu halten. Die Bürgerlichen waren uns sowieso kritisch gesinnt, und ebenso auch viele Zwischennutzungsakteure, die sich nicht mit den Besetzern anlegen wollten. Es ist technisch viel komplizierter, ein leeres Kiesfeld zu aktivieren als ein Gebäude mit Räumen, wo alle Infrastrukturen schon da sind. Und dann natürlich die Rolle des Vermieters von Parzellen. Das kostet viel Zeit und Nerven. Schliesslich wollten wir ja auch noch unsere eigenen Ideen umsetzen.

Cabane Fünf Jahre später habt ihr die ausgediente Gannet – ein rotes Feuerschiff samt Leuchtturm im wahrsten Sinne des Wortes – an Land gezogen und zu einem Restaurant mit Veranstaltungsraum für Theater, Konzerte und Clubevents umgenutzt. Damit habt ihr einen Leuchtturm an den Klybeckquai gebracht und den Massstab der dort vorherrschenden Hütten gesprengt. Sogar der BSA ist nun auf euch aufmerksam worden. Wie kommt man auf eine so verrückte Idee?

Reichenstein Das war natürlich Tom, der so eine verrückte Idee hatte und auch die Energie, sie umzusetzen. Wir waren am Hafen, es war Feierabend und das Baggerschiff Merlin war gerade auf dem Rhein gekentert. Tom hat das gestrandete Schiff gesehen: Ein Bild, das ihm nicht mehr aus dem Kopf ging und seine ganz eigene Dynamik entwickelte. Wir waren schon länger auf der Suche nach einem schallisolierten Veranstaltungsraum für unser Areal.

Brunner Ja, und so ging die Suche nach einem Schiff los. Auf Schiffsfriedhöfen in Dänemark wurde ich nicht fündig. Im Internet gibt es aber tatsächlich Plattformen, wo ausgediente Schiffe verkauft werden. Dort fand ich die Gannet und verliebte mich. Der Rest war dann eine technische Sache, wenn auch eine recht anspruchsvolle.

Cabane Und mit Sicherheit auch eine bewilligungstechnische. Ihr habt eine Baubewilligung gebraucht. Für das Bauinspektorat war das vermutlich völliges Neuland. Habt ihr da nicht auf Granit gebissen?

Reichenstein Nein, ganz im Gegenteil. Im Bauinspektorat arbeitet inzwischen eine neue Generation. Die Mitarbeitenden liessen sich von der Idee begeistern und haben es als Herausforderung betrachtet, sie bewilligungsfähig zu machen. Natürlich spielt da auch mit, dass zwei Departemente der Stadt Feuer und Flamme für das Projekt waren. Diese positive Stimmung hat sicher dazu beigetragen, dass Ermessensspielräume auch wahrgenommen wurden. Man sah uns nicht als anarchistische Hippies, sondern als Menschen, die eine Idee und die Vision haben, dass es Räume braucht in der Stadt, wo Anderes möglich ist.

Brunner Ja und aus diesem Anderen ist nun ein ganz neuer Stadtraum entstanden, den nach genau zehn Jahren ganz viele und diverse Menschen nutzen und besuchen. Es ist schön zu wissen, ein neues, wenn auch kleines Stadtquartier mitgestaltet zu haben. Auch wenn es teilweise beinahe übermenschlich viel Energie forderte und dies noch immer tut.

Cabane Was wäre, wenn die Stadt entscheiden würde, die Gannet stehen zu lassen und das neue Quartier darum herum zu bauen?

Brunner Natürlich wäre das schön für uns, auch wenn wir das ursprünglich nie beabsichtigt hatten. Es täte der städtebaulichen Entwicklung im Hafen tatsächlich gut, wenn sie sich nicht auf leergefegten Flächen, sondern um solch konstruktive Störungen herum entwickeln würde. Spannende Stadträume und die vielgepriesene Vielfalt entstehen ja gerade dort, wo Hindernisse zu unkonventionellen Lösungen animieren.

Philippe Cabane (1960) ist Soziologe und Städtebauer, Mitinhaber der Firma Cabane Partner – Urbane Strategien und Entwicklung in Basel. Er war Mitinitiant der Zwischennutzung nt / Areal (Erlenmatt) und hat im Auftrag der Stadt Basel und der Schweizerischen Rheinhäfen den Projektaufruf Zwischennutzung Klybeckquai konzipiert und durchgeführt.

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