Smiljan Radic ausgezeichnet

Business as usual beim Pritzker Prize 2026

Der Pritzker Preis 2026 geht an den Smiljan Radic Clarke. Verdient, doch nicht ohne Beigeschmack. Das liegt nicht an dem Werk des chilenischen Architekten, sondern an der Institution selbst. Schwer lasten die Vorwürfe gegen Thomas J. Pritzker. Dem nun zurückgetretenem Vorsitzenden der Hyatt Foundation und Sohn von Cindy und Jay A. Pritzker, die den Preis 1979 gestiftet haben, werden Verstrickungen in die Machenschaften von Jeffrey Epstein und dessen Komplizin Ghislaine Maxwell vorgeworfen. Der Verdacht des sexuellen Missbrauchs steht im Raum. Eine offizielle Erklärung von der Stiftung sucht man bislang vergebens, gleiches gilt für die Jury um Radics Landsmann Alejandro Aravena sowie die Architektinnen Anne Lacaton und Kazuyo Sejima. Auf deren Autonomie und Integrität stützt sich der Ausgezeichnete. Bei CNN äussert Radic, er sei nach wie vor überzeugt davon, dass Architektur eine positive Handlung sei und dass auch der Pritzker Preis ein Teil davon bliebe, trotz aller Umstände.

Losgelöst von diesen ist der Entscheid der Jury zu begrüssen. Mit dem üblichen Pathos würdigt sie den situativen und experimentellen Ansatz des Chilenen, der uns als einzigartige Wesen anspricht – jenseits von Rasse, Geschlecht oder Kultur. «In Zeiten der Polarisierung» stellt dies laut der Jury einen Wert in der Architektur dar, «der alle Menschen mit ihrem tieferen Ursprung in Verbindung bringt.» Solch anthropologische Bezüge speisen sich aus Radics Erfahrungen und Referenzen. Drei Jahre reiste der heute sechzig Jährige um die Welt und nennt dies den wertvollsten Teil seiner Ausbildung. Sein Werk kennzeichnet eine raue Poesie zwischen Dauerhaftem und Zerbrechlichem. Massive Findlinge finden sich in den Bauten ebenso wie leichte Membranen oder Vorhänge, gern auch neben- über- und ineinander, was präzises Wissen über Konstruktion verlangt. Dennoch wirken manche Bauten absichtlich unvollendet. Das Ungewisse überwiegt. Sie ermögliche dadurch neue Erfahrungen und sprechen die Emotionen an. 2017 gründete Radic in der chilenischen Hauptstadt Santiago die Fundación de Arquitectura Frágil: Ein Begegnungsort und eine Wunderkammer voller Ideen, die Architektur als kulturelle Praxis versteht und disziplinäre Grenzen infrage stellt.

Ohne die ungelösten Fragen um den renommierten Preis auszublenden, sollen diese Leistungen entsprechend gewürdigt werden. Deshalb: Herzlichen Glückwunsch an Smiljan Radic Clarke.

— Christoph Ramisch
© Guatero, photo courtesy or Smiljan Radic
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