YAS No. 93 – CRRA Studio

«Hüsli-Kultur» hinterfragen

Tobia Rapelli (1993) und Lucio Crignola (1992) haben CRRA im Sommer 2019 nach dem Abschluss ihres Studiums gegründet. Aus Studierendenprojekten wurden zuerst kleinere und dann grössere Bauprojekte - stets mit dem Ziel, neue Wege zu gehen um einen kleinen aber spannenden Beitrag zu einer nachhaltigen Baukultur zu leisten. 

Was ist eure Herkunft ?

Wir kommen aus verschiedenen Ecken der Schweiz: Mendrisio und Basel. Unsere Zusam­menarbeit hat mit einem freien Diplom an der ETH Zürich angefangen. Wir haben uns mit dem Leerstand und Abbruch von Bürobauten in Zürich befasst und damit, wie man diese transformieren kann. Die Themen aus dieser Arbeit haben wir stetig weiterentwickelt, heute sind sie zentral für unsere Praxis. Wir beschäftigen uns also primär mit der Arbeit im Bestand, mit spezifischem Interesse für die «alltägliche» Bausubstanz der 1960er bis 1990er Jahre. Gleichzeitig hat das Studium an den Professuren von Annette Spiro, Mariam Issoufou und Tom Emerson genauso seine Spuren hinterlassen.

Was ist Euch wichtig im Denken und Entwerfen?

Der Umbruch von einer Kultur des Ersatzneu­baus und der «sauberen Lösung», wie es Lucius Burckhardt nannte, hin zu einer des Weiterbauens erfordert ein neues Denken, Han­deln und Wissen. Entsprechend versuchen wir, unsere Projekte als Experimente zu verstehen, die Konventionen im Bauwesen hinterfragen. Was das genau heisst, ist sehr stark projektabhängig. Mal beschäftigen wir uns mit neuen Methoden zum Erhalt von Bestandesbauten wie etwa im gewonnenen Studienauftrag für den Campus Unterstrass.edu, wo wir ein Gebäude aus den 1970er Jahren um einen Meter anheben, um ein angemessenes Erdgeschoss zu erhalten. Oder wir versuchen, wie beim Neubau des Hauses auf der grünen Wiese so wenig wie möglich in das bestehende Ökosystem einzugreifen und dadurch den Charakter des Gebäudes zu bestimmen.

Bei unseren Umbau- wie auch Neubauprojekten ist es uns wichtig, im Sinne der Nachhaltigkeit stets neue Wege zu gehen und aus diesen besondere architektonische Qualitäten abzuleiten. Ein anderer wichtiger Aspekt unserer Arbeit sind Kollaborationen. Einerseits mit anderen Architektinnen und Architekten, von denen wir in unserem Denken und Handeln stets herausgefordert werden. Andererseits mit Expertinnen und Experten mit anderen Schwerpunkten, welche uns helfen, das Spielfeld der Architektur zu öffnen und einem breiteren Spektrum an Ansprüchen an unsere Bauten gerecht zu werden.

Und wie zeigen sich diese Aspekte konkret in dem von Euch ausgewählten gebauten Projekt?

Als wir die Anfrage für das Haus auf der grünen Wiese erhielten, waren wir uns nicht sicher, ob wir ein solches bauen möchten. Schliesslich setzen wir uns für ein in­telligentes Weiterbauen ein. Uns wurde aber klar, dass wir zusammen mit dieser Bauherrschaft ein Haus entwickeln können, das die schweizerische «Hüsli­-Kultur» hinterfragt.

Zum Beispiel hat das Haus keinen Keller und scheint über dem gewachsenen Terrain zu schwe­ben. Falls es künftig nicht mehr gebraucht oder geschätzt würde, kann es dank der Stahl-Schraubfun­damente wieder entfernt werden ohne Spuren zu hinterlassen. Wir haben auf den Einsatz von Beton möglichst verzichtet und versucht, mit lokalen Handwerksbetrieben und Materialien zu bauen: heimisches Holz verarbeitet von der Zimmerei im Nachbarsdorf, Lehmbauplatten und Lehmputz aus der Region. Gleichzeitig war das oberste Ziel, ein gutes und günstiges Haus für eine fünfköpfige Familie zu bauen. Es war für uns spannend zu verstehen, wo wir bei einem solchen Projekt auf ein lokales Netzwerk zurück­greifen können und wo es weniger möglich ist, sich der globalen Bauwirtschaft zu entziehen – die Küche etwa ist von IKEA, deren Abdeckung hat allerdings ein alter Jugendfreund geschmiedet.

Haus auf der grünen Wiese, Reigoldswil

CRRA Studio, Zürich

www.crra.ch
Adresse: Stacherberg 8, 4418 Reigoldswil
Bauherrschaft: Familie Senn
Architektur: CRRA Studio, Zürich
Chronologie: Planungsbeginn Sommer 2021, Bezug Sommer 2023

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