YAS No. 110 – Sánchez Morgillo

Zwischen Bestand und Veränderung

Aus Kommilitonen wurden Nachbarn und Freunde. Ihre unterschiedlichen Hintergründe aus Nordspanien, dem Berner Oberland und dem Aargau vereinen Artai Sánchez (1995) und Davide Morgillo (1994) seit 2024 in ihrem Architekturbüro in Zürich. Ihre Arbeit ist getragen von einer Neugier auf das Unscheinbare sowie der Überzeugung, dass Einfachheit auch Konzentration bedeutet.

Was ist deine Herkunft?

Einerseits ein Versuch, in Nordspanien selbstversorgend zu leben. Nach der Wirtschaftskrise Schneeschaufeln in einer kleinen Gemeinde im Berner Oberland. Sieben Geschwister und ein Schaf, das sich wie ein Hund verhält. Anderseits die ruhigen, unspektakulären Seiten des Aargaus. Als wiederkehrende Abwechslung der Geruch von trockenem, fast verbranntem Gras in der Campania. Eine Lehre als Hochbauzeichner. Selbstgemachte Pizza an jedem Samstag. Kennengelernt haben wir uns im Studium – zuerst als Freunde, dann als Nachbarn und seit 2024 arbeiten wir zusammen.

Was ist euch wichtig beim Entwerfen?

Unscheinbare Dinge und Orte wecken unsere Neugier. Wir wollen sie verstehen: wie sie gebaut und benutzt werden und wer darin lebt. Wir versuchen mitzudenken, zu schärfen und weiter zu stricken. Uns ziehen Veränderungen an, nach denen alles scheinbar so ist, wie es war – nur ein wenig anders. Oft entstehen die Projekte durch Umstände und Zufall. Reibung und Widerstand gefallen uns, sie provozieren unerwartete Lösungen und verbinden Präzision mit Irrtum. Wir arbeiten pragmatisch. Einfachheit bedeutet für uns Konzentration, nicht Banalisierung. Und dennoch suchen wir immer wieder heraus, was uns persönlich fasziniert und Freude bereitet. Unsere Nachbarin hört uns anscheinend bis in ihre Wohnung lachen.

Wie zeigen sich diese Aspekte konkret in eurem ausgewählten Projekt?

Das Gemeindehaus in Frutigen war ein besonderer Einstieg, denn einer von uns ist dort aufgewachsen. Die Gemeindeverwaltung arbeitet in zwei Gebäuden: einem traditionellen Fachwerkbau und dem eigentlichen Gemeindehaus aus der Nachkriegszeit. Mit dessen Erweiterung wurden regionale Abteilungen zusammengelegt. Die erste Entscheidung war, den Bestand aufzustocken, statt ihn zu ersetzen. Unter dem Dach der Aufstockung war wie im Bestand nur ein Estrich vorgesehen. Doch wir sahen darin das Potenzial für einen multifunktionalen Gemeinschaftsraum. Nachdem die Einwohnenden den gleichen Kredit für ein leicht höheres Gebäude an der Urne bewilligt hatten, konnten wir dort einen stützenfreien Raum und eine geteilte Küche realisieren. Der gewonnene Raum bleibt offen für Veränderungen, er ist nicht ganz fertig gedacht.

Ein komplett neuer Ausdruck für die Aufstockung aus Holz schien uns unpassend. Darum haben wir die verputzte Fassade weitergeführt, aber konstruktiv neu gedacht. Oben löst sich die massive Bauweise in Einzelteilen auf: Verputzte Platten sind auf ein Raster aus Aluminiumprofilen geschraubt. Der gleichfarbige Sonnenschutz vervollständigt das Raster. Die Bauteile der Konstruktion bleiben lesbar. Die Arbeit am Bestand erlaubt uns, auf das Vorhandene einzugehen: ob in einer Neuinterpretation des regionalen Fachwerkbaus oder mit einem feinsinnigen konstruktiven Detail. Das erweiterte Gemeindehaus soll vertraut wirken. Es ist das Weiterbauen an etwas, das schon da war.

Gemeindehaus Frutigen

Sánchez Morgillo, Zürich 
www.sanchezmorgillo.ch

Standort: Badgasse 1, 3714 Frutigen
Bauherrschaft: Einwohnergemeinde Frutigen
Architektur: Sánchez Morgillo, Zürich, wad Architekten, Frutigen
Chronologie: Planerwahl 2023, Planungsbeginn 2024, Bezug 2025

Porträt: Anna Maragkoudaki

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