YAS No. 109 – Studio ne

Die Kunst des Weiterbauens

Für Florian Stroh (1984) von studio ne beginnt architektonische Relevanz dort, wo man aufhört blind zu ersetzen, sondern anfängt zu lesen und weiterzudenken. Er versteht das Entwerfen als bewusste Arbeit am Bestand – mit minimalen Eingriffen, konstruktiver Klarheit und Verantwortung gegenüber der Zeit, dem Gebrauch und dem, was da ist.

Was ist deine Herkunft?

Ich bin in Basel geboren und aufgewachsen. Die Stadt im Dreiländereck ist geprägt von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen und einem offenen architektonischen Diskurs.

Meine Ausbildung an der ETH Zürich, in Stockholm und an der Yale University sowie mehrere Jahre als Projektleiter bei Herzog & de Meuron haben diesen Zugang geschärft. In unterschiedlichen kulturellen und professionellen Kontexten habe ich Architektur als ortsgebundene Praxis kennengelernt – als Arbeit, in der Entwurf, Konstruktion und Ausführung untrennbar miteinander verbunden sind.

Der Name «ne» bedeutet Wurzel oder Ursprung. Er steht für eine Arbeitsweise, die vom Kontext ausgeht und Projekte lokal verankert, statt sie von aussen zu definieren.

Was ist euch wichtig im Denken und Entwerfen?

Am Anfang steht das genaue Lesen dessen, was bereits da ist: Ort, Gebäude, Nutzung und künftige Nutzer und Nutzerinnen. Entwerfen beginnt für mich nicht mit dem Programm als abstrakter Vorgabe, sondern mit konkreten Bedürfnissen. Architektonischer Wert entsteht dort, wo diese ernst genommen und räumlich präzise übersetzt werden.

Bestandsgebäude tragen Gebrauchsspuren und damit Erinnerungen in sich. Diese sind keine Mängel, sondern Potenziale. Weiterbauen verlangt Aufmerksamkeit und Sorgfalt.

Entwerfen bedeutet für uns, mit dem Vorhandenen zu arbeiten und daraus neue Möglichkeiten zu entwickeln. Die Ökonomie der Mittel ist dabei eine konzeptionelle Haltung: weniger Material, weniger Eingriff, weniger Behauptung – dafür mehr Präzision und räumliche Wirkung.

Ein guter Entwurf entsteht aus nachvollziehbaren Logiken und aus einem zweiten, nicht messbaren Teil. Proportion, Atmosphäre und sinnliche Wahrnehmung lassen sich nicht berechnen, entscheiden aber darüber, ob ein Raum trägt. Die Gewichtung dieser Ebenen verschiebt sich je nach Ort, Nutzung und Bestand.

Wie zeigen sich diese Aspekte konkret in einem gebauten Projekt?

Die Transformation der Fabrikhalle von Álvaro Siza auf dem Vitra Campus in eine Architekturschule der Dualen Hochschule Baden-Württemberg steht exemplarisch für diese Haltung. Nicht die Frage nach einer Ergänzung stand im Zentrum, sondern die nach einem Ort, der Lernen, Austausch und Öffentlichkeit ermöglicht.

Der zweigeschossige Holzeinbau ist als minimalintensive, demontierbare und modulare Struktur konzipiert. Er respektiert die konstruktive und räumliche Logik des Bestands und nutzt dessen Grosszügigkeit, ohne sie zu überformen. Die Halle bleibt lesbar – und wird zugleich zur offenen Lernlandschaft.

Entstanden ist ein Ort, der mehr ist als ein Schulgebäude: eine Architekturschule als räumliches Werkzeug, eingebettet in einen Campus von internationaler Bedeutung – und ein Beispiel dafür, wie präzise Eingriffe, geringer Ressourcenverbrauch und konstruktive Klarheit neue räumliche Qualität und gesellschaftlichen Mehrwert erzeugen.

Umnutzung Fabrikhalle Álvaro Siza zur Architekturschule

Studio ne, Basel
www.studio-ne.ch

Standort: Vitra Campus, Charles-Eames-Straße 2, 79576 Weil am Rhein DE
Bauherrschaft: Logad, Weil am Rhein
Architektur: studio ne, Basel
Chronologie: Planungsbeginn 2023, Bezug 2023
Fotografie: Dejan Jovanovic (Portrait), Daisuke Hirabayashi (Projekt)

Advertisement