Article de la 10–2023

Die Unvollendete

Umbau Messezentrum in Charleroi von AgwA mit Inge Vinck und Jan De Vylder

Jenny Keller, Severin Kuhn (Bilder)

Weiterbauen als Prinzip: In Belgien hat ein Architekturteam die Aufgabenstellung des Wettbewerbs mutig in Frage gestellt. Ökologische Anforderungen und ein offenes Ende sind dabei durch weniger Eingriffe und weniger Abbruch miteinkalkuliert.

«On a fini, maintenant on continue»1, sagt einer der Entwurfsverfasser, der Architekt Harold Fallon von AgwA im Sommer 2023. Der Umbau des Messezentrums ist fast abgeschlossen, doch dieses Projekt ist ein ständiger Prozess, der selbst wenn das Budget aufgebraucht und das Gebäude im Herbst übergeben wird, nicht aufhört. Denn werden hier wirklich noch Messen stattfinden?

Der Umgang mit dem Palais des Expositions aus den 1950er Jahren symbolisiert Aufschwung, Niedergang und den optimistischen Blick in die aktuelle, wenn auch unbestimmte Zukunft von Charleroi. Industrie- und Haushaltsmessen fanden hier auf rund 60 000 Quadratmetern statt während der Blütezeit der Kohle- und Stahlindustrie. Doch das letzte Kohlebergwerk ist schon lange geschlossen und seit 2012 UNESCO-Welterbe. Der Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie, einst das stolze Rückgrat der Stadt in Wallonien, 50 Kilometer südlich von Brüssel, führte zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit mit ihrem Höhepunkt in den 1980er Jahren. Mit dem damit einhergehenden Strukturwandel fanden auch keine Messen mehr statt im Palais des Expositions. Stattdessen nisteten sich Tennisplätze und eine Bowlingbahn neben der lokalen Feuerwehr im grossen Stahlbetonbau ein, ein Ingenieurbauwerk der belgischen Nachkriegsmoderne von Joseph André.2

Wenig Budget, reiche Ideen

Im Jahr 2015 veranstaltete der Bouwmeester von Charleroi, der Architekt Georgios Maïllis, zwei Wettbewerbe, um den riesigen, unternutzten Komplex wiederzubeleben, der sich zwischen neuer Innenstadt unten und alter Oberstadt erstreckt: Ein Wettbewerb betraf die Renovierung des Palais des Expositions. Beim anderen handelte es sich um die Renovierung des Palais des Beaux Arts, eines ebenfalls von Joseph André errichteten Ausstellungs- und Theatergebäudes, sowie den Bau eines neuen (!) Kongresszentrums. Jan De Vylder hat AgwA damals kontaktiert, mit der Idee, die beiden Wettbewerbe gemeinsam einzureichen. «Jan und ich hielten zusammen Vorlesungen an der Fakultät für Architektur der KU Leuven und wir verstanden uns gut. Also dachten wir, das wäre die Gelegenheit, zusammenzuarbeiten», sagt Harold Fallon von AgwA.

Ihr siegreicher Vorschlag für die Renovierung des Palais des Expositions – den anderen Wettbewerb gewannen JDSA (Julien Desmedt) und Goffart Polomé – war konträr zu dem, was verlangt wurde oder interpretierte die Wettbewerbsanforderungen zumindest sehr stark. «Er war etwas verrückt», so Fallon. Eigentlich sollte der mittlere Baukörper, heute das Herzstück mit Treppen und Galerien, abgerissen und durch ein modernes und energieeffizientes Volumen ersetzt werden. Gleichzeitig funktionierte die Architektur des Bestands nicht für den Empfang grosser Gruppen, wie Fallon erklärt. «Null Energie ist noch besser», sagte sich das Projektteam und schlug vor, den zentralen Gebäudeteil zu erhalten, ihn von seinen Fassaden zu entkleiden und daraus eine angemessene Empfangshalle, einen Ort des Austauschs zwischen allen Teilen des Palais des Expositions zu schaffen. 

Der offene Jardin Central ist bereits vor Eröffnung und ohne Publikum ein eindrücklicher Ort. Ein klimatischer Aussenraum mit Dach und ornamentalen Oblichtkuppeln, der ohne Heizung ausgestattet ist. Die Lichtstimmung ist fantastisch und dank dem Freilegen seines räumlichen Potenzials entstand ein «unbezahlbarer» Ort. Ein Überfluss an Raum, Licht und Höhe, den man bei einem Neubau (unter Preisdruck) so nicht verwirklichen könnte. Wie Blumen wachsen die alten Stützen in den Himmel: Sie sind lediglich gestrichen, unten als Stängel in zwei vorgefundenen Grüntönen, während die oberen runden Säulen in einem hellen Gelb – ebenfalls aus dem Bestand abgeleitet – leuchten. Dieser Spezialanstrich (gegen die Auflösung der Carbonatisierung des Betons) war nicht günstig, aber musste aufgetragen werden, weil die Betonstützen nun der Witterung ausgesetzt sind. Und er hat sich auch ästhetisch gelohnt, so wie die Farben der Erschliessungszone Lebendigkeit verleihen.

Hangseitig läuft das Terrain ins Gebäude und dereinst sollen Flora und Fauna in den Erschliessungsteil des Gebäudes eindringen. Um die Anlage herum ist ein städtisches Naturschutzgebiet geplant mit der typischen Artenvielfalt von ehemaligen Industriegeländen. «Auch die Landschaft wird sich entwickeln», sagt Fallon. 60 verschiedene Kräuter und Blumen werden angepflanzt. Die Natur wird sich ausbreiten. «Natürlich werden wir in den ersten Jahren ein bisschen mithelfen, aber die Idee ist, dass die Natur sich im Laufe der Zeit selbst definieren wird.»

Weil das Budget bei etwa 450 Euro pro Quadratmeter lag, was rund einem Drittel des Budgets für ein solches Projekt in Belgien entspricht, haben die Architekturschaffenden die Ausstellungsflächen auf einen Drittel der geforderten Quadratmeter reduziert. Ein weiterer gewagter, aber erfolgreicher Vorschlag im Wettbewerb. Dafür wurden die Parkplätze in den bestehenden drei übereinandergelegenen Hallen im Südwesten des Komplexes untergebracht statt in einem Neubau unter der Erde. Die oberste Etage des Parkhauses verfügt über grosse Fensterfronten mit Blick auf die Oberstadt, eigentlich viel zu schön für diese neue Nutzung, weshalb die Architekten sich genauso gut einen Markt oder ein Musikfestival darin vorstellen, wenn einst weniger Parkplätze nötig sind. 

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt

Benötigt eine kleine Stadt wie Charleroi in ihrer derzeitigen Verfassung ein Kongresszentrum in dieser Grösse? Diese Frage lag allen Projektbeteiligten seit der Arbeit am Wettbewerb auf der Zunge – auch wenn sie nicht offiziell gestellt werden konnte.3 Deshalb leuchten nun die Oberflächen der Hallen in freudvollen Grün-, Gelb-, Lachs- und Pinktönen, allesamt vorgefunden, und man kann sich gut vorstellen, wie die grossen Einstellhallen auch zu anderen Zwecken herausgeputzt werden können. 

Umbauen erfordert von allen Beteiligten immer ein grosses Mass an Flexibilität und kann Überraschungen bereithalten. Mit dem Folgenden hatte aber doch niemand gerechnet: Noch vor der Bauzeit im Jahre 2018 sagten die Architekten der Bauherrschaft im Scherz: «Es wäre eigentlich praktisch, wenn wir das Kongresszentrum, das Sie neu bauen wollen, im Bestand unterbringen könnten.» Der Platz war im Übermass vorhanden, da die Fläche ja um zwei Drittel im Vergleich zu den Forderungen des Wettbewerbs reduziert wurde. Tatsächlich gab es für das neue Kongresszentrum Probleme mit der Finanzierung, sodass es gestrichen wurde.4

n der Folge erhielt das Team um AgwA, Jan De Vylder und Inge Vinck ein höheres Budget und den Auftrag, das Messezentrum in den nordöstlichen Gebäudeflügel zu integrieren. Sie bauten aber nicht einfach brav den bestellten Konzertsaal und Räume für eine Kongressnutzung in die drei übereinanderliegenden Hallen ein. Sie beschlossen, auch die Konferenzräume als Mehrzweckräume zu betrachten, sodass sie auch für kleinere Ausstellungen oder Workshops genutzt werden können. Sie gleichen somit in ihrer offenen Bestimmung stark den Einstellhallen auf der anderen Seite des Jardin Central, was dem neuen Palais des Expositions eine wohltuende konzeptionelle Einheit verleiht. Die obersten Etagen beider Flügel betören durch ihre Sheddächer – ein weiteres Surplus des Vorgefundenen. Die mittlere Etage mit den drei eingestellten «Kongresssälen» wird mit einem langen Foyer an die Verkehrsfläche des Jardin Central angebunden. So fügt sich die zentrale Geste wirklich als Mittelpunkt ins Projekt ein – etwas, das ohne Projektstopp des Neubaus nie so schön geklappt hätte. Die beiden unteren, schwarz gestrichenen Geschosse könnten dereinst auf beiden Seiten Platz für Musikveranstaltungen für bis zu 6 000 Leuten bieten, ein energiegeladener Ort, an dem Neues entstehen kann.

Der Rest des neuen Budgets wurde dafür verwendet, die Umgebung zu entsiegeln und die Topografie – wie erwähnt – in eine Art städtisches Naturschutzgebiet zu verwandeln. Natürlich gestalteten sich die Arbeiten komplizierter, als es retrospektiv klingt. Es existierten keine Pläne, die einen Ist- und einen späteren Soll-Zustand beschreiben. Fallon erinnert sich: «Es musste ständig mit den Unternehmern verhandelt werden, indem man sagte: Achtung, wir denken gerade darüber nach, dies oder jenes vielleicht doch nicht kaputt zu machen … und vielleicht sollte man das noch nicht bauen.» Die Bereitschaft aller involvierten Parteien, diese Ungewissheiten auszuhalten, charakterisieren das Projekt stark.

Keine klassische Schönheit

Der Umbau des Messezentrums ist mehr als nur eine (minimale) bauliche Veränderung – er ist ein Symbol für den Wandel einer ganzen Stadt. In einer Zeit, in der Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und die Einsparung von CO₂ auf der Tagesordnung stehen, haben Charleroi, dessen Bouwmeester und ein paar «verrückte» Architekten (so Harold Fallon) etwas Neues gewagt, fast ohne neu zu bauen. Sie haben Anforderungen kritisch hinterfragt und im Prozess Verbesserungsvorschläge gemacht. Das Resultat zeigt: Es hat sich ausgezahlt und wird hoffentlich einen Ort schaffen, der von der Bevölkerung Charlerois nach der Eröffnung im Herbst 2024 angenommen wird.

Der Palais des Expositions wird dann immer noch ein gezeichnetes Gesicht wie ein Grubenarbeiter nach der harten Arbeit unter Tage haben. Aber er lächelt wieder, wie die Vorbeifahrenden im Zug. Sie lesen in riesigen kanarienvogelbunten Lettern: «Bisous M’Chou» auf der Fassade. Das Kunstwerk stammt vom amerikanischen Künstler Stephen Powers und prangt seit 2015, also ein Jahr vor dem Leerstand des Messezentrums, auf der Westfront. Es sind solche kulturellen Nähte, die den Stoff einer Stadt zusammenhalten, wenn ihre angestammte Bestimmung Löcher erhält. Weiterbauen kann diese Nähte verstärken.

1 Sinngemäss: «Jetzt, wo wir fertig sind, machen wir weiter.»
2 Vgl. Christoph Grafe und Tim Rieniets, Umbaukultur. Für eine Architektur des Veränderns, Dortmund 2022, S. 136.
3 Das Programm konnte aufgrund der Finanzierung durch EFRE-Mittel nicht hinterfragt werden. Die Finanzierung war für ein Messezentrum mit Parkplatz gesprochen
4 Das Budget konnte aufgrund der Fristen für die Finanzierung mit EU-Geldern nicht aufgestellt werden, und es hätte eine neue Genehmigung beantragt werden müssen.

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