JAS Nº 107 – Alias

Spekulieren mit dem Alltäglichen

Lorenza Donati (1990) und Antoine Berchier (1990) sind Alias. Sie bewegen sich an der Schnittstelle von Architektur, Forschung, Lehre und kultureller Produktion. Alias arbeitet mit dem Spektakulären und dem Alltäglichen. In einem fortlaufenden Dialog mit kulturell übergreifenden Bezügen möchten sie neue Perspektiven und Positionen entwickeln.

Was ist Eure Herkunft?

Es ist eine vielfältige Herkunft, urban wie rural, an der EPFL und der ETH geboren, in der Schweiz, London, Paris, New York, Boston und Buenos Aires gross geworden. Herkunft ist für uns der Alltag, das Ordinäre, das Gegebene, das Gegenwärtige – und genau darin liegt die Möglichkeit, das Spektakuläre zu entdecken. Gleichzeitig wären unsere Tätigkeit und Verständnis ohne unsere Liebe zum Film und zur Kunst nicht möglich. Unsere Faszination gilt den Nonkonformen: denen, die den Mut haben, mit Gegebenheiten zu brechen, von Normen abzuweichen und im Kleinen zu intervenieren, um dennoch Wirkung zu erzielen, Menschen zu berühren oder Veränderungen anzustossen.

Was ist Euch wichtig im Denken und Entwerfen?

Die Gegebenheiten zu analysieren und ein tiefes Verständnis dafür aufzubauen, ist unser Anspruch. Für jedes Projekt streben wir eine präzise und klare Erzählung an. Jeder Kontext ist einzigartig, dennoch tauchen bei unserer Arbeit wiederkehrende Themen auf: der Widerstand gegen Abriss als bewusstes Engagement – nicht aus Nostalgie, sondern als Position gegen das systematische Auslöschen, das Hinterfragen herkömmlicher Komfortfragen, die Suche nach Synergien mit der Umwelt, unter anderem mit ihren klimatischen Bedingungen, das Überwinden von Grenzen und die Zulassung vielfältiger Nutzungsmöglichkeiten. Der Name unserer Praxis, ALIAS, spiegelt diese Haltung wider. Er markiert einen bewussten Schritt weg von der Signatur, weg davon, das architektonische Objekt ins Zentrum zu stellen. Es geht um die Methode, den Prozess und die Entdeckungen im Hier und Jetzt, die jedes Projekt einzigartig machen. ALIAS steht für eine wandelbare Identität, geformt von jedem Projekt und den Geschichten, die es erzählt und zulässt.

Und wie zeigen sich diese Aspekte konkret in einem von Euch ausgewählten gebauten Projekt?

2023 wurde die Kunsthalle Bern darüber informiert, dass ab 2026 aufgrund von Brandschutzvorschriften und unzureichender Fluchtwege maximal fünfzig Personen gleichzeitig das Gebäude betreten dürfen. Dies bedeutete einen Einschnitt in die öffentliche Nutzung und kulturelle Teilhabe. Wir mussten eine effektive Lösung finden, um die Besucherzahlen nicht drastisch zu reduzieren – und zugleich aus der Not eine neue Möglichkeit schaffen.

Statt eines aufwendigen, «unsichtbaren» Fluchtwegs im Backstage-Bereich zwischen Archiven und Arbeitsflächen griffen wir eine vergessene Idee auf, die wir in einer Skizze von 1917 entdeckten – einen geplanten Türdurchbruch zum rückwärtigen Garten. Diese Idee interpretierten wir neu, es entstand eine einzige, gezielt platzierte Öffnung in der Fassade – eine Tür ins Freie. Sie stellt keinen Bruch mit dem Bestand dar, sondern eine Fortsetzung der ursprünglichen Intention.

In gewisser Weise gehen wir in der Zeit zurück, um diese Realisierung möglich zu machen, mit der Vorstellung einer Institution, die eng mit dem Garten auf der Rückseite des Gebäudes verbunden ist, der zu lange verborgen geblieben ist. Der bescheidene und lokale Eingriff deutete den Raum um, das Durchbrechen der Wand ermöglicht eine Verbindung zum Aussenraum und das Auflösen einer Schwelle. Der neue Durchgang schafft eine barrierefreie Verbindung – zwischen Innen und Aussen, oder eben überwindet diese Grenze. Er verändert das Gebäude nicht, er öffnet es. Ein Durchbruch, eine einfache Glasschiebetüre und ein Vordach, das sich leicht wölbt – es hebt sich bei bestimmten Anlässen. Eine Geste. Kein Symbol, sondern eine performative Verformung, die auf eine offene Institution hinweist, ein Zeichen des Willkommens. Die neue Notausgangstür erfüllt nicht nur eine dringende und notwendige Sicherheitsanforderung – sie schafft zugleich einen Mehrwert: eine Verbindung zur Umwelt, Ausdruck des Willens zur Interaktion und ein erster Schritt zum Abbau von Barrieren.

More Than A Door

Alias, Zürich
www.alias.ooo  

Standort: Helvetiaplatz 1, 3005 Bern
Bauherrschaft: Kunsthalle Bern
Architektur: ALIAS architects, Zürich
Chronologie: Planungsbeginn 2023, Ausführung 2025

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