JAS N° 77 – Baseli Candrian, Zürich

Die Idee einer Momentaufnahme

Ein Haus, das zwischen klassizistischer Ruhe und befreiter Wohnlichkeit schwankt – die Zuschrift des Fotografen Federico Farinatti hat uns aufmerken lassen. Bei der Führung erzählt Architekt Baseli Candrian (1984) ernst und mit Bedacht von den Dingen, die ihm beim Entwerfen wichtig sind: Raum, Wahrnehmung, Fügung.

— Tibor Joanelly, 29.11.2022

Was hat dich geprägt und was inspiriert dich?

Ich bin in der Region um Flims aufgewachsen und hatte das Glück, schon als Kind mit der Architektur von Rudolf Olgiati in Berührung zu kommen. Später, als ich als Jugendlicher die Nationalgalerie in Berlin besuchte, eröffnete mir die grosszügige und klar strukturierte Architektur von Mies van der Rohe eine neue räumliche Dimension. Obwohl sich beide Architekten in verschiedenen Kontexten und Grössenordnungen bewegen, wirken sie beide mit ihrem räumlichen Denken, aber auch mit ihrem Aufgreifen klassischer Architekturelemente, inspirierend auf mich. Ich mag das plastische und sehr gefühlvolle Eintauchen bei Olgiati und finde gleichzeitig die Klarheit, die Rationalität und das Handwerk, insbesondere bei grösseren Aufgaben, von Mies sehr hilfreich.

Zudem gibt es diese Momente, die sich einbrennen und in denen man innerhalb von Sekunden mehr begreift als in Jahren. Ich erinnere mich zum Beispiel an jenen Augenblick, ich war etwa 7 Jahre alt, als ich in einem Haus von Rudolf Olgiati ein unübertreffliches Wohngefühl empfand. Ein weiteres prägendes Erlebnis ereignete sich Jahrzehnte später, als Peter St. John mit einer schnellen Skizze für ein Projekt, an dem wir wochenlang im Team gearbeitet hatten, einen Befreiungsschlag gelang.

Meine Interessen sind grundsätzlicher Natur. In erster Linie geht es mir um Raum, aber auch um Ausdruck und die Momente der Fügung in sämtlichen Massstäben. Ich glaube nicht an das perfekt abgeschlossene Projekt, sondern sehe das gebaute Haus immer als den bestmöglichen Entwurfsstand, der immer noch weiter hätte vorangetrieben werden können. In dieser Hinsicht inspirieren mich Kunstwerke, beispielsweise von Auguste Rodin oder Alberto Giacometti, die unvollendet wirken. Die Idee einer «Momentaufnahme», die sich aus diesen Werken gewinnen lässt, ermöglicht mir eine gewisse Gelassenheit.

Wie spiegeln sich deine aktuellen Interessen und Gedanken in einem von dir gewählten Projekt wieder?

Die Gebäudeform des Hauses in Urdorf hat sich aus räumlichen Absichten ergeben. Zuerst wurde der Ort in Bezug zur Landschaft und zur Sonne untersucht. Gleichzeitig konnten die unmittelbaren Aussenräume definiert und zusammen mit den Hauptinnenräumen angedacht werden. Der primäre Aussenbereich wird zwischen dem Haus und dem Nachbarhaus, das der Familie der Bauherrschaft gehört, gebildet. Auf diese Weise entstand die plastische Hausfigur, der Übergangsräume in Form von Loggien integriert wurden. Für den Geschossgrundriss wählte ich eine sehr klassische Anordnung. Eine Raumschicht mit den Schlafzimmern und Bädern bildet einen Rücken, während die Wohnräume sich an die Sonnenfassade schmiegen und zusammen mit der Veranda den Hauptaufenthaltsbereich schaffen. Untereinander weisen die Räume und Schichten in Längs- und Querrichtung Durchblicke auf, die als Sichtachsen durch das Haus in die Landschaft oder den Garten funktionieren. So kann auf wenig Fläche Grosszügigkeit geschaffen werden. Ausserdem wurde die Struktur möglichst so angeordnet, dass Übergänge und teilweise auch fliessende Räume entstehen. Das Prinzip der Schichten habe ich versucht so zu entwerfen, dass es das Schemenhafte verliert und dem Leben mit den sich laufend verändernden Bedürfnissen dient.

Ganz grundsätzlich glaube ich, dass die räumlichen Erfahrungen zentral sind und unabhängig von Epochen und Stilen die Menschen berühren können. Wenn das Auge beispielsweise gestaffelt in die Tiefe blicken kann und so der Körper Nähe und Weite gleichzeitig erfährt, können Gefühle von Vertrautheit und Freiheit zugleich entstehen. Ich glaube, dass diese „räumlichen Grundgefühle“ allen Menschen gemeinsam sind.

Neubau MFH in Urdorf

Baseli Candrian, Zürich

www.baselicandrian.com

Bahnhofstrasse 31, 8902 Urdorf ZH; Bauherrschaft: Privat; Architektur: Baseli Candrian Architekt ETH; Baumanagement: Constancio-Bauleitung GmbH; Kosten: 1.85 Mio. (BKP 1-9); Fotografie: Federico Farinatti Fotografie

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