JAS N° 70 – Stefanie Girsberger, Zürich

Selbstbewusster Nachbar

Seit 2017 arbeitet Stefanie Girsberger (1990) als selbstständige Architektin mit Büro in Zürich und Münster. Sie diplomierte bei Gion A. Caminada an der ETH, dessen Überlegungen zu Wirkung von Materialien und Räumen auf den Menschen massgeblich beeinflusst haben.

— Jenny Keller, 27.01.2022

Was ist Deine Herkunft?

Früher sind wir oft gereist, ins Oberwallis aber auch viel weiter. Dabei faszinierten mich die Eigenheiten von Dörfern und Städten als Ausdruck verschiedener Lebensweisen. Zu Beginn meines Studiums an der ETH machte ich die Erfahrung, wie kraftvoll das alleinige Zusammenspiel von Raum, Licht, Materie und Tektonik sein kann. Dieses Vertrauen in die elementare Architektur begleitet mich nach wie vor. Als ich nach einem Austausch in Buenos Aires bei Gion A. Caminada studierte und diplomierte, kam vor allem die menschliche Komponente dazu. Überlegungen zur Wirkung von Räumen und Materialien auf den Menschen haben mich nochmals massgeblich beeinflusst. Gegenwärtig schätze ich den anregenden Austausch mit Freunden, in der Ateliergemeinschaft und an der ETH.

Was ist Dir wichtig im Denken und Entwerfen?

Jedes Projekt verlangt immer wieder nach der Auseinandersetzung mit dem spezifischen Kontext und / oder der gebauten Substanz. Zu den gewonnenen, oft reichhaltigen Erkenntnissen kommen die Wünsche und Vorstellungen der Bauerschaft dazu. Dieses Entwerfen nahe am Ort und am Leben begeistert mich. Dabei liegt der Reiz darin, aus der gegebenen Komplexität nach einer übergeordneten räumlichen oder konstruktiven Idee zu suchen. Um diese Denkarbeit zu visualisieren, nutze ich am liebsten den dicken Bleistift oder arbeite mit Struktur- und Raummodellen. Ich bin zufrieden, wenn sich ein Ansatz herauskristallisiert, der Konstruktion, Nützlichkeit und Schönheit vereint. Materialien lasse ich gerne für sich sprechen oder kombiniere sie mit Farbtönen, um eine bewusste Stimmung zu schaffen.

Und wie zeigen sich diese Aspekte konkret in einem von Dir ausgewählten gebauten Projekt?

Die Bauherrschaft in Münster wünschte sich eine Doppelgarage und eine Werkstatt neben dem Wohnhaus, das von Gion A. Caminada entworfen wurde. Dies war für mich in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Nebengebäude sind in dieser Art im traditionellen Gommer Dorf so nicht vorhanden. Ich suchte nach einem geeigneten Volumen, einer eigenen Sprache oder Typologie. Mit der Setzung des neuen Baukörpers wird zwischen Wohnhaus und dienendem Ateliergebäude ein privater Aussenraum aufgespannt. Inspiriert von den lokalen Ökonomiegebäuden und indischen Bohlen-Ständer-Bauten näherte ich mich der Konstruktion in Lärchenholz an und damit gleichzeitig auch dem entsprechenden Ausdruck. Da wir nur an wenige Normen gebunden waren, konnten wir den Wandaufbau schlank halten und bauten ein Minimum an Haustechnik ein. Im Winter hilft die tiefstehende Sonne, den Raum durch die hohe Fenstertüre zu erwärmen.

Garage und Atelier Münster VS

Stefanie Girsberger, Zürich / Münster
stefaniegirsberger.ch
 
Eyestrasse 39, 3985 Münster; Nutzung: Garage und Atelier; Direktauftrag; Bauherrschaft: privat; Jahr der Fertigstellung: 2018; Fotos: Lukas Murer; Detailzeichnung: ETH BUK

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