JAS N° 63 – studio inebi, Zürich

Empathische Räume

Dass Räume das Zusammenleben beeinflussen, ist eine Binsenwahrheit. Doch ebenso wahr ist, dass dieser Umstand selten explizit zum Thema beim Entwerfen wird. Christine Bickel (1987) gewinnt genau hier ihre Motivation als Architektin, und das vorgestellte Projekt ist dafür ein Beispiel.

— Tibor Joanelly, 31.03.2021

Was ist Deine Herkunft, was inspiriert Dich?

Meine Familie ist auf der ganzen Welt zerstreut, von Australien über Hongkong bis Italien und Frankreich. Nach ein paar Jahren in den USA, verbrachte ich meine Kindheit in der Aumatt, einer selbstverwalteten, dichten Wohnsiedlung bei Bern, zwischen Agglomeration und Natur, wo der Gemeinschaft stets eine wichtige Rolle zukam. Diese kulturellen Prägungen beeinflussten mein Verständnis von unterschiedlichen Lebensweisen und Formen schon früh. Im Rahmen meines Architekturstudiums an der ETH Zürich, konnte ich ein Jahr in London bei John Pawson arbeiten. Bereits an der ETH begann ich mit Matej Draslar eigene Architektur-Projekte zu entwickeln, eines davon war der Umbau eines Anwesens in Brissago, den ich kürzlich realisiert habe. Direkt nach dem Studium arbeitete ich für rund 5 Jahre bei Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler. Ihre Haltung entspricht mir sehr, und es war ein grosses Glück für mich, dass sie mich von Anfang an selbstständig und in Eigenverantwortung machen liessen. Seit gut zwei Jahren arbeite ich nun in einer Bürogemeinschaft mit den Architektinnen Virginia Parri und Lucy Paton, sowie dem Grafiker Clovis Wieske an eigenen Projekten. Wir arbeiten grundsätzlich unabhängig, tauschen uns aber intensiv aus und schliessen uns je nach Aufgabe zusammen.

Was ist Dir wichtig im Denken und Entwerfen?

Eine strikte Anwendung von Konzepten und Theorien wird der Komplexität der Welt und den Menschen kaum gerecht. Räume müssen sich richtig anfühlen, erleb- und bespielbar sein. Mich begeistert, wie Architektur das Zusammenleben von Familien und der Gesellschaft beeinflussen kann. Daher lasse ich mich sehr gerne auf unterschiedliche Orte und Menschen ein und lerne dabei, wie unterschiedlich sich Auftraggeber mit ihrer Lebenserfahrung in konkrete Architektur einbringen. Herausforderungen – seien sie vom Bauplatz oder von den Lebensformen bedingt – inspirieren mich erst richtig, um mit unüblichen Ansätzen und Formen passende, eigenständige Lösungen zu finden.

Und wie zeigen sich diese Aspekte konkret in einem von Dir ausgewählten gebauten Projekt?

Geschwister, die in Ihrem Elternhaus am Greifensee aufgewachsen sind, wollten sich Haus und Grundstück auch in Zukunft teilen und beauftragten uns damit, drei möglichst gleichwertige Wohneinheiten zu schaffen. Umgesetzt wurde dies durch die geschickte Teilung des bestehenden Einfamilienhauses und das Errichten eines wörtlich «an die Grenzen» gehenden Neubaus auf dem noch zur Verfügung stehenden Grundstückteils. Dabei war es für mich spannend, auf die unterschiedlichen Charaktere, Lebensweisen und Vorstellungen einzugehen und diese «unter einen Hut zu bringen». So entstanden drei unterschiedliche und doch verwandte Lebensräume, die alle von der tollen Lage, dem Garten und der Sicht auf den See profitieren. Aus dem einen Haus wurden drei unterschiedliche Lebenswelten, ohne dass die Einheit des Ortes verloren ging.

Wohnhaus, 8606 Greifensee

studio inebi

www.inebi.ch

8606 Greifensee; Architektur: studio inebi Christine Bickel, Architektin MSc ETH SIA OTIA, Zürich; Bauleitung: Martin Reinig, baustein architekten GmbH; Bauherrschaft: Privat; Chronologie: Planungsbeginn 2015, Baustart 2019, Bezug 2020; Fotograf: Valentin Jeck

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