Kevin Dröscher, Zürich

Das Potenzial im Banalen

Einem Wohnhaus aus den 1950er Jahren soll eine neue Aussenisolation verpasst werden. Dass auch aus der banalsten Ausgangslage gute Architektur entstehen kann, wenn man sie als Entwurfsaufgabe ernst nimmt, zeigt Kevin Dröscher (1984) mit seinem Umbau in Rüschlikon. Das Zusammenspiel der Nachkriegsarchitektur mit heutigen Standardlösungen und -produkten wird hier zum Thema, die Tiefe der Fassade zum Gestaltungsmittel.

Was ist Deine Herkunft, was inspiriert Dich?

Das Sanierungsprojekt des Doppeleinfamilienhauses in Rüschlikon entsteht aus zwei aufeinander folgenden, losen Kollaborationen. Ausgehend von einem Küchenumbau wächst das Projekt über einen längeren Zeitraum, bis hin zu einer umfassenden Erneuerung der Fassade beider Hausteile. Die initialen Arbeiten beginne ich zusammen mit Celestin Rohner. Gefolgt in der Ausführungphase von einer weiteren Zusammenarbeit zwischen mir und Manuel Burkhardt.

Beiden Kollaborationen gehen verschiedene gemeinsame Projekte im Bereich der Architektur, des Möbelbauens und als Kulturschaffende voraus. Die Sanierung profitiert von den unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen der Beteiligten und dem gegenseitigen Vertrauen, welches wir bereits vor diesem Projekt aufbauen konnten.

Mit Manuel Burkhardt studierte ich an der ETH Zürich, anschliessend sind wir uns bei BS+EMI wieder begegnet. Celestin Rohner hat Architektur in Hamburg und Berlin studiert und ist seit 2012 in Zürich als Architekt und Möbelbauer tätig. Wir kennen uns bereits seit der Schulzeit. Ich bin in Kanada geboren und in Deutschland und der Schweiz aufgewachsen. Zudem wirkten der einjährige Aufenthalt in Barcelona sowie diverse Reisen in Spanien, Italien, im Balkan und von der Türkei bis in den Kaukasus auf mich prägend.

Was ist Euch wichtig im Denken und Entwerfen?

Dem vorgestellten Umbauprojekt geht nicht eine klare gemeinsame Haltung voraus, sondern umgekehrt hilft uns das Projekt, eine solche während der Arbeit daran zu entwickeln. Nicht die Autorenschaft der einzelnen Architekten steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Freude am Austausch in den verschiedenen Kollaborationskonstellationen, welche es ermöglichen, die eigenen Ideen weiter zu schärfen.

Am Anfang steht die intensive Auseinandersetzung mit der Bauweise und Formensprache des Bestandes und den heute gängig eingesetzten Baumaterialien und -produkten. Ist es möglich, aus bauphysikalischen Notwendigkeiten und einfachen Standardlösungen ein entwerferisches Potenzial zu schöpfen? Wie lässt sich die Ästhetik und der architektonische Ausdruck aus den 1950er Jahren mit den heutigen marktüblichen Bausystemen konfrontieren und verbinden? Solche Fragen beschäftigen und helfen uns im Prozess gleichermassen. Unser Augenmerk richtet sich dabei auf die Schnittstellen zwischen Bestehendem und Neuem. Wir finden es faszinierend, wie einfache, präzise Eingriffe zu einer ganz neuen Lektüre der Grundrissordnung führen können.

Wie zeigen sich diese Gedanken im konkreten Projekt?

Ziel der Sanierung ist es, das Doppeleinfamilienhaus aus dem Jahre 1950 mit einfachen Mitteln energetisch auf den neusten Stand zu bringen und die Belichtung der Innenräume zu verbessern. Das Gebäudepaar soll auch in Zukunft architektonisch als eine Einheit gelesen werden. Aus diesem Grund stimmen die zwei Parteien dem Vorschlag einer gemeinsamen Sanierung zu.

Die neue Fassadendämmung hat inklusive Aussenputz eine Stärke von 19,5 cm. Mit einem aussen angeschlagenen und fassadenbündigen Fensterersatz wird der neuen, tieferen Fassade Rechnung getragen. Dies in mehrerlei Hinsicht: Die zusätzliche Wandtiefe kann dem Innenraum zugeschlagen werden. Es entstehen tiefe Fensterleibungen im Inneren, die sich bei herabgesetzter Brüstungshöhe im Erdgeschoss in Sitznischen verwandeln. Bei gleichbleibender Rohbauöffnung vergrössert sich zudem der Glasanteil leicht.

Die minimal dimensionierte Küche, die ursprünglich nur über eine Durchreiche mit dem Esszimmer verbunden war, hat neu eine direkte Türe in den Essbereich. Kleine Eingriffe lassen den gerade mal 7 m2 grossen Küchenraum grosszügiger wirken. Auf Oberschränke wird verzichtet, die neue tiefere Fensterleibung bietet Platz für ein kleines Doppelkochfeld, und ein Kombisteamer kompensiert die fehlenden zwei Herdplatten. Der Korridor dient nicht mehr der Hauptverteilung, man bewegt sich nun von Raum zu Raum.

Umbau Doppeleinfamilienhaus in Rüschlikon

Kevin Dröscher, Zürich

www.kevindroescher.ch

Umbau Doppeleinfamilienhaus in Rüschlikon

Bauherrschaft: Privat; Architektur und Bauleitung: Kevin Dröscher in Zusammenarbeit mit Manuel Burkhardt (www.studioburkhardt.com) und Celestin Rohner; Chronologie: Planungsbeginn Herbst 2014, Ausführung Juni 2015–Februar 2016, Bezug: März 2016; Auszeichnung: Innovationswettbewerb 2018 «Fifties reloaded» 2. Rang (www.appli-tech.ch); Fotos: Seraina Wirz (www.afaf.ch)

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