6 – 2016

Opulenz

Aus dem Überfluss Schönheit zu schaffen, ist weder neu noch ambitioniert. Der Gegensatz dazu, Opulenz aus «armen» Mitteln und Materialien zu erzeugen, ist die aktuelle Herausforderung in prekären Zeiten. Der Architekt und Theoretiker Ákos Moravánszky dreht in dialektischer Weise den Spiess um und findet Raffinement im Einfachen und Schlichten. Diese Art der Opulenz ist schwieriger zu fassen. Materialien müssen neu befragt, Räume anders interpretiert werden, um aus dem Zusammenklang unerwarteten Reichtum zu schöpfen. Louis Kahns Frage an den Backstein, was er denn sein wolle, ist für diese Art Architektur-Alchemie wohl das bekannteste Zwiegespräch. Die Beredsamkeit heutiger Bauprodukte allerdings füllt Regale. An allen Parametern der Produkteigenschaften wird gedreht, sämtliche Zutaten werden ausprobiert, um die bildhafte Qualität zu steigern. Doch liegt in der grenzenlosen Auswahl noch ein Moment der Freiheit? Oder lag nicht gerade im Modulmass des Backsteins die Welt? Was aber sind die Möglichkeiten jenseits des architektonischen Pathos? Die Mannigfaltigkeit von Bezügen ist auch das Verbindende der Architekturen in diesem Heft. Sie sind ein Füllhorn von Bedeutungen. Die Architektur ist aufgeladen, dem Widerspruch nicht abhold: Vielfalt, sei umarmt.

Leseprobe aus wbw 6 – 2016

Askese und Opulenz

Vom Ornament zum Reichtum des Raums

Ákos Moravánszky (Text und Bilder)

In einer grosszügig angerichteten Tour d’horizon spaziert Ákos Moravánszky durch die Kulturgeschichte der Opulenz. Ausgehend von deren Antithese – der Askese in der Avantgarde-Moderne – spürt er der Karriere eines Begriffs nach, der immer wieder neu verstanden wird. In jüngerer Zeit sind es arme Materialien, die inszeniert werden, um mit dem Schimmer des Mehrwerts zu betören.

Licht und Verhüllung in der Kirche S. Cristoforo alla Certosa in Ferrara.

Reiches Umfeld

Reise zu Interieurs von Adolf Loos in Pilsen

Verena Huber, Petr Jehlík (Bilder)

Vier von Adolf Loos in der westtschechischen Stadt Pilsen eingerichtete Interieurs wurden anlässlich der Feiern zur Europäischen Kulturhauptstadt für das Publikum geöffnet. Loos’ stoffliche Opulenz ist hier für einmal nicht über theoretische Schriften oder die bekannten Wiener Ikonen zugänglich, sondern ganz unmittelbar – und über die Geschichten der einstigen Bewohnerinnen und Bewohner.

Haus Brummel
Husova 58, Plzeň, PAM–Objekt C2 – 741

Die Räume für die Mutter überraschen durch ihre Farbigkeit. Eingerichtet von Adolf Loos.

Der Ort als Idee

Wohnhaus in Zürich-Hottingen von EMI Architekten

Martin Steinmann, Roland Bernath (Bilder)

Die alten Bäume an der Grundstücksgrenze waren der Ausgangspunkt für den Entwurf eines Wohnhauses in Zürich-Hottingen von EMI Architekten. Seine offene Form knüpft an der Idee des malerischen Landschaftsparks und der Ruine im Sinn von Piranesis Vedute an. Die stark bewegten Grundrisse bewirken eine Wegführung im Raum, die ihn in wechselnde Szenerien und Durchblicke gliedert. – Eine architekturtheoretische Erkundung des diesjährigen Meret-Oppenheim-Preisträgers.

Ein romantischer Traum wird Wirklichkeit: Wohnen mitten in der Stadt Zürich, umgeben von alten, ehrwürdigen Bäumen. Architektur: EMI Architekten

Verwandlung des Banalen

Archäologischer Ausstellungsraum und Besucherzentrum in Seró, Spanien

Hubertus Adam, Aitor Estévez (Bilder)

Zu den wichtigsten Arbeiten des katalanischen Architekten Toni Gironès zählen Projekte für archäologische Ausgrabungsstätten. Jenseits von pseudohistorischen Rekonstruktionen verwendet er abstrakte Mittel – oft nur Backstein, Armierungseisen und Beton –, die sich als räumliche Andeutungen verstehen lassen. Opulenz in der vermeintlichen Armut entsteht, wenn sich die eigentlich banalen Elemente in einer suggestiven räumlichen Inszenierung atmosphärisch aufladen.

Mittel des modernen ländlichen Zweckbaus: industrieller Backstein, Betonskelett und frei herausragende Armierungseisen fügen sich zu einem geheimnisvollen Ort am Rand des katalanischen Dorfs Seró. Architektur: Toni Gironès.

Popular Fiction

Die Fondazione Prada in Mailand von OMA / Rem Koolhaas

Frank Boehm, Bas Princen (Bilder)

Eine «Kultur des Staus» diagnostizierte Rem Koolhaas für Manhattan vor knapp 40 Jahren. Sie implizierte einen Überfluss an Reichtum, Ereignissen, Geschichten. Die zusammen mit Miuccia Prada konzipierte Fondazione in einer ehemaligen Mailänder Schnapsbrennerei repliziert den damaligen Befund in einer Assemblage aus Alt und Neu.

Golden bemalt ragt der ehemalige Destillerie-
Turm über das Quartier, das Neue ist materiell aufgeladen. Aus der Collage entsteht ein Manhattan im Kleinen. Architektur: OMA / Rem Kohlhaas.
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werk-notiz

ZHAW und Stahlbauzentrum laden ein zur Teilnahme am Studienauftrag Case Study Steel House

Debatte

Raphael Frei, Partner bei pool Architekten in Zürich, stellt das Lärmschutz-Problem in einen grösseren Zusammenhang und fordert neben entwerferischen Spielräumen auch gesellschaftliche Verantwortung für den Lärmschutz an der Quelle. Online lesen

Wettbewerb

Mit dem Investorenwettbewerb Réinventer Paris suchte die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo Ideen für ökologisch-soziale Musterprojekte. Originaltext Französisch

Recht

Der Wald ist seit 1876 durch Bundesrecht geschützt. Trotzdem werden sowohl die Definition, was als Wald gilt, wie auch der Waldabstand von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt.

Bücher

Regula Iseli über die Neuerscheinung Architektur der Stadt; Lesetipps zur Frühmoderne in der Fabrik und zu Annette Freytags preisgekrönter Kienast-Biografie.

Ausstellungen

Redaktor Tibor Joanelly besuchte am Eröffnungstag Bruno Latours Ausstellung Reset Modernity im ZKM Karlsruhe.

Kolumne: Architektur ist … pure Spekulation!

Daniel Klos, Johanna Benz (Illustration)

Mit seiner Masterarbeit betritt Colin Rowe im Alter von 27 Jahren dünnes Eis. Er wagt eine wissenschaftlich keineswegs abgesicherte Spekulation über Inigo Jones, den Urvater der englischen Klassik. Das Aus-dem-Fenster-Lehnen ist heute leider aus der Mode gekommen …

Plastische Verwandlung

Limmat Tower in Dietikon von Huggenbergerfries Architekten

Christoph Wieser, Beat Bühler (Bilder)

Als fünfeckiger Schaft löst sich der Limmat Tower von Huggenbergerfries aus dem Blockrand der Überbauung Limmatfeld in Dietikon. Der typologische Hybrid spiegelt sich auch in der Fassade: Natursteinplatten im Sockel werden oben von plastisch gefalteten Alucobond-Elementen abgelöst.

Der Limmat Tower wächst als Merkzeichen des Entwicklungsgebiets Limmatfeld in Dietikon aus dem arkadengesäumten Blockrand heraus.

Stadtbaustein

Hochhaus-Überbauung Letzibach C in Zürich von Adrian Streich und Loeliger Strub Architekten

Daniel Kurz, Andrea Helbling (Bilder)

Dem Wohnkomplex Letzibach C in Zürich von Adrian Streich und Loeliger Strub gelingt, was nur wenige Hochhausanlagen schaffen: Mit seiner stattlichen Fernwirkung und der atmosphärischen Präsenz an der Strasse wird er zu einem kommunizierenden Teil der Stadt.

Der Hochhaus-Charakter der Überbauung Letzibach hat fast etwas Beiläufiges, wichtiger ist die Verknüpfung mit dem Ort.

werk-material 05.01 / 674

Elektrotechnik + Architektur

Tibor Joanelly, Roger Frei (Bilder)

Unterwerk und Netzstützpunkt in Zürich-Oerlikon von illiz architektur, Zürich / Wien

Horizontale Falttore machen aus dem oberirdischen Netzstützpunkt in Zürich-Oerlikon eine Werkzeugkiste.

werk-material 05.01 / 675

Elektrotechnik + Architektur

Tibor Joanelly, Arnold Kohler (Bilder)

Unterwerk und Netzstützpunkt Neuwiesen in Winterthur von Graf Biscioni Architekten, Winterthur

Der Zugang zur unterirdischen Anlage des Unterwerks in Winterthur besetzt nur eine kleine Fläche des Hofgrundstücks und schafft Platz für einen kleinen Park und Autoabstellplätze

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