28.02.2019

Die Chancen begleiteter Entwicklung

Landauf, landab sind in jüngster Zeit vermehrt die Fanfaren der Baukultur zu hören. Allenthalben verspricht man mehr zu tun, beispielsweise Vermittlungsprojekte anschieben. Sogar von höchster Stelle aus, dem Bundesamt für Kultur bereitet man Unterstützung vor. Fernab der Festkomitees jedoch wird Baukultur gemacht, Woche für Woche, draussen in den Gemeinden. Die Stadtbildkommissionen beurteilen Projekte, versuchen in einigen Fällen Schlimmeres zu verhindern und selbst die Beratungsresistenten vom Besseren zu überzeugen. Das ist das Schwarzbrot der Baukultur, das viel zu selten gewürdigt wird.

Deshalb hat der Bund Schweizer Architekten BSA das Thema der Stadtbildkommissionen im letzten Jahr mit einer Tagung gewürdigt. Als Einblick in die Mechanismen und die politische Sprengkraft der Kommissionsarbeit veröffentlichen wir hier einen gekürzten Auszug eines Gesprächs. Wer die Langfassung lesen mag bestellt die Broschüre für 15 Franken beim BSA-Generalsekretariat. Im Gespräch das Ludovica Molo und Caspar Schärer mit Willi Egli führen berichtet dieser über langjährige Erfahrung in zahlreichen Gremien im In- und Ausland.

Ludovica Molo (LM) Willi Egli, kannst Du uns zum Einstieg kurz etwas über die Geschichte der Stadtbildkommissionen in der Schweiz erzählen?

Willi Egli (WE) Der Appell an höchste Leistungen, die ein Baumeister, respektive ein Architekt zu erfüllen hat, ist alt. Die älteste Kommission, die ich kenne, ist das Zürcher Baukollegium. Es wurde schon vor 1900 gegründet, hatte aber unter seinem Namen auch noch andere Aufgaben zu erfüllen. Die meisten Neugründungen in der Schweiz entstanden auf Grund der wenig kontrollierten Bautätigkeit und ihren Folgen ab den späten 1960er Jahren.

LM Wir möchten von Deinen Erfahrungen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich profitieren und gemeinsam die Kriterien für eine gute Kommission zusammenstellen. Was gilt es als Erstes zu beachten?

WE Die Politik sollte mit allen Konsequenzen hinter der Installation einer Kommission und deren Entscheiden stehen. Und, genauso wichtig: Die Mitglieder sollten von auswärts kommen. Das gilt überall, auch in kleinen Orten.

LM Sollen die Politikerinnen und Politiker in der Kommission Einsitz nehmen?

WE Es ist ein grosser Vorteil, wenn sie dabei sind – in grösseren Städten könnten es auch Fraktionsvertreter der politischen Parteien sein. Aber damit die Geschäfte nicht verpolitisiert werden, sollten sie vom Stimmrecht befreit werden. Jeder Gestaltungsbeirat muss mit den Mechanismen der Politik umgehen können – und umgekehrt. Man sollte gegenseitig im Stande sein, über den Schatten eigener Präferenzen springen zu können …

Caspar Schärer (CS) … und andere dabei mitnehmen, dass die über ihre Schatten kommen …

WE Genau. Wie in einer Wettbewerbsjury. Wir sind vertraut mit dem Begriffspaar persönlich/unpersönlich – aber viel wichtiger ist der Begriff des Überpersönlichen. Diese Tugend ist in jeder Beurteilung – nicht nur in architektonisch-städtebaulichen Fragen anzustreben.

LM Für diese Rollen – sei es nun in einer Jury oder in einer Kommission – braucht es Persönlichkeiten, die ihre eigenen Interessen zurückstellen können. Was macht ausserdem die Qualität einer guten Kommission aus?

WE Ein wichtiger Aspekt ist die Mischung der Generationen. Es braucht auf jeden Fall Mitglieder, die im Saft stehen, mit eigenem Büro und Aufträgen, dann jemand Jüngeren mit unbequemen Fragen und schliesslich ein älteres Mitglied mit viel Erfahrung und konstruktiver Gelassenheit. Jedes Mitglied bringt eine andere Farbe mit in die Runde, eine verwandte Vorstellung auf höherem Niveau von Qualität. Und genau das ist das Wertvolle an der Diversität: Man hat die Chance gemeinsam begleitend etwas zu entwickeln, ist gezwungen, im Gespräch miteinander Vor- und Nachteile abzuwägen.

CS Die personelle Zusammensetzung einer Kommission ist also entscheidend. Welche Kriterien sind auch noch wichtig?

WE Ich mache mich seit Langem stark für ein konsequentes Öffentlichkeitsprinzip. Hier lohnt es sich, den Blick auf unser nördliches Nachbarland zu richten. Dort werden seit zwanzig Jahren sehr viele Gestaltungsbeiräte gegründet, die alle auf dem Prinzip der Öffentlichkeit beruhen und damit grosse Erfolge erzielen.

CS Was ist so bedeutend am Öffentlichkeitsprinzip?

WE Weil es die Bildung der Bürgerinnen und Bürger fördert. Die Menschen sind interessiert, wie sich Ihre Stadt entwickelt. Sie wollen gar nicht unbedingt urteilen, sondern einfach nur verstehen, warum etwas so oder anders bestimmt wird. erreicht man eine Selbstverständlichkeit in der Behandlung baukultureller Fragen. Und für die Bauherren und Architekten hat es natürlich Folgen, wenn ihre Vorhaben auf diese Weise positiv oder negativ in der Presse oder im Lokalfernsehen abgehandelt werden. Ein Antragsteller kann sich der öffentlichen Behandlung selbstverständlich verweigern, aber auch das hat Hintergründe, deren Ursachen meist interessante Hinweise geben.

LM Interessieren sich die Medien überhaupt für diese Themen?

WE Medien muss man pflegen. Ich plädiere dafür, toleranterer mit ihnen umzugehen. Ein Fehler in der Berichterstattung steht in keinem Verhältnis mit den unzähligen Mängeln unserer Bautätigkeit, die zudem unverhältnismässig älter als nur einen Tag wird.

CS In der Schweiz ist das Öffentlichkeitsprinzip in Bezug auf Stadtbildkommissionen nicht sehr weit entwickelt. Warum ist das ausgerechnet hier so?

WE Zuerst liegt es vermutlich daran, dass niemand es wagt, einen Anfang zu machen. Durch unsere direkte Demokratie leben wir in einem Land mit Millionen von Bausachverständigen und vor denen fürchtet sich jeder. Das Bankgeheimnis ist in Auflösung – aber das Baugeheimnis wird weiterhin zementiert.

CS Man könnte schon auch einwenden, dass ein Mitglied einer Stadtbildkommission bei öffentlichen Sitzungen nicht so offen sprechen kann wie im geschützten Rahmen.

WE Nun, ja, ein gewisser Anstand im Urteilen ist keine Untugend. Wenn ich direkt bin und die Dinge beim Namen nenne, habe ich unter Umständen einen Feind. Man kann doch nur in einem Gestaltungsbeirat mitmachen, wenn man mit Kritik an der eigenen Person umgehen kann.

LM Die meisten Kommissionen unterstützen und beraten die Politik – man könnte das vielleicht auch eine sanfte Erziehung nennen, ohne dass Zwang im Spiel ist. In Basel-Stadt hingegen haben die Entscheide der Stadtbildkommission bindenden Charakter. Wäre eine solche Verbindlichkeit nicht wünschenswert für alle Kommissionen?

WE Die Verbindlichkeit braucht es aus meiner Sicht nicht. Politik und Kommission brauchen den starken Schulterschluss und dieser fusst im Wesentlichen auf gegenseitigem Vertrauen. Im Baukollegium der Stadt Zürich ist innerhalb von zwölf Jahren nur einmal ein Entscheid des Kollegiums durch den Gesamtstadtrat missachtet worden.

LM Abgesehen von den einzelnen Objekten werden in den Beiräten nie grössere Planungen angeschaut. Was könnten wir unternehmen, dass Beiräte auch bei diesen wichtigen Themen involviert werden können?

WE Es existieren glücklicherweise mehrere Beiräte, in denen Planungsaufgaben begleitend bearbeitet werden. Auch Teilaspekte von Planungen wie etwa Hochhauskonzepte gehören vielerorts dazu. Bedauerlich ist aber, dass Bauordnungen und Planungsfragen in der Regel auf dem Nussbaumtisch der Politik zusammen mit jenem Planer ausgedacht werden, welcher die vorteilhaftesten Auftrags-Bedingungen erfüllt. Bei der Beratung im Beirat stösst man allzuoft auf hausgemachte Unzulänglichkeiten von Ortsplanung und Bauordnungen, die sich öfters besseren Lösungen querstellen.

LM Es zeigt sich, dass es wahrscheinlich schwierig bis unmöglich sein dürfte, allgemeingültige Regeln für alle Beiräte aufzustellen. Es gibt bestimmt ein Ideal – davon haben wir gesprochen. Aber es ist genauso wichtig, dass die Beiräte in einem Zusammenhang mit der Stadt stehen, in der sie wirken.

WE Jede Zukunft beginnt mit der Gegenwart, und die soll nach bestem Wissen und Können gestaltet werden. Die Gestaltungsbeiräte, Stadtbildkommissionen und wie auch immer diese Institutionen benannt werden, helfen mit, dass Bauen und Kultur sich nicht noch weiter auseinanderdividieren, sondern mit einer kulturellen Verantwortung ineinander verwoben bleiben dürfen.


Willi Egli (1943), Architekt BSA SIA, wohnt und arbeitet in Zürich.

© BSA / Büro Berrel Gschwind
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