6 – 2020

Mehr als Natur

Wirklich ökologisches Handeln orientiert sich nicht am Bild der «Natur», sondern an den vielfältigen Beziehungen zwischen Lebewesen, Material und Raum. Darum an dieser Stelle ein paar Vorschläge, die im vorliegenden Heft gespiegelt sind: Die Grenzen des architektonischen Objekts könnten doch so weit gefasst sein wie diejenigen eines Ökosystems – und das dürfte ja auch für den Planungsprozess und den Gebrauch nach Schlüsselübergabe gelten. Vielleicht fängt Architektur ja tatsächlich schon bei der Landschaft an – ganz in der Art, wie dies die Niederländer seit Jahrhunderten perfektioniert haben. Auch Landschaft ist immer schon menschengemacht. Deshalb haben wir in diesem Heft Beispiele versammelt, welche die herkömmlichen Grenzen der Architektur hin zur Natur verschieben: «Höhlen» von Junya Ishigami in Japan oder von Ensamble Studio in Galizien. Das Einrichten in diesen intensivierten Naturen erfolgt nicht mehr im Sinn der romantischen splendid Isolation, sondern als vom Menschen gemachter Rückzugs- oder Gesellschaftsraum.

Leseprobe

Nach der Natur

Architektur wird nach der Pandemie nicht dieselbe sein

Philip Ursprung

Vor dem Hintergrund der schwer fassbaren Corona-Bedrohung denkt Philip Ursprung über das Verhältnis von Mensch und Natur nach. Seit den grossen Umweltkrisen wie dem Waldsterben ist es nicht mehr möglich, die Natur als etwas Unberührtes im simplen Gegensatz zur vom Menschen geschaffenen Welt zu sehen. Das Konzept des Anthropozäns gibt dieser Einsicht Ausdruck. In jüngster Zeit zeichnen sich neue architektonische Haltungen ab: Natur wird dabei nicht mehr beherrscht und ausgebeutet, ästhetisiert und inszeniert. In diesen neuen Konzepten dient die Architektur als Vermittlerin zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen.

An der galizischen Küste liegt dieser Brocken, den Ensamble Studio Truffle nennt. Kokett changiert das Gebilde zwischen dem Kosmos der Architektur und der Natur. Kurzum: Ein gebautes Artefakt in der Anmut eines natürlichen Objekts. 
Bild: Roland Halbe

Architektur, Landschaft oder Kunst?

Water Garden in Tochigi und Restaurant Noel in Ube, Junya Ishigami

Hubertus Adam

In den waldigen Bergen von Japans Tohoku-Region liegt das kleine Resort der Unternehmerin Hitomi Nakayama. Dort pflegt sie eine achtsame Lebensweise und beauftragte Shigeru Ban sowie Junya Ishigami mit den baulichen Ergänzungen. Ishigami verwandelte neben dem Bauplatz ein grosses Reisfeld in einen Wassergarten. Hierher verpflanzte er Bäume, die sich nun in Dutzenden kleiner Teiche spiegeln. Nicht um Natur im ursprünglichen Sinn ging es Ishigami auch bei seinem höhlenartigen Restaurant unter der Erde von Ube. Beide Projekte sind poetische Zwitter zwischen Architektur und Natur.

Wie in der japanischen Tradition soll die Wasserlandschaft eine «neue Form der Natur» sein. Bild: Hubertus Adam

Baden, Brüten, Laichen

Uferpark Attisholz (SO), Mavo Landschaftsarchitektur

Tibor Joanelly, Roland Züger, Corina Flühmann (Bilder)

Froschgesang in bröckelnden Betonzylindern, Jungwald im Klärbecken: Der Park am Ufer der Aare in Attisholz von Mavo Landschaftsarchitektur integriert die massiven Überreste der Kläranlage als eine Art Pavillon in den Erlebnisraum. Wo die riesige Zellulosefabrik Attisholz einst ihre giftigen Abwässer reinigte, ist ein menschengemachtes Biotop entstanden. Dessen ruinenhafter Zauber erinnert unsere Autoren an Filme von Andrej Tarkowski.

Die einstige Kläranlage ist ein wichtiger Teil des Landschaftsparks – eine Art Folly, das den Anspruch des Sorgetragens zeigt.
Bild: Corina Flühmann

Gebaute Landschaften

Niederländische Strategien im Umgang mit der Natur

Daniel Jauslin

Niederländische Strategien im Umgang mit der Landschaft weisen den Weg: Weite Teile des Landes liegen unter dem Meeresspiegel und sind heute – dank einfallsreicher Wasserbau-Ingenieure – als Kulturland nutzbar. Ihr letzter Polder blieb allerdings feucht. Heute ist er ein kolossales Naturschutzgebiet. Diese Entwicklung hat gezeigt, dass in einer Zeitspanne von nur 20 Jahren Natur herstellbar ist. Solches Denken prägt bis heute auch Architekturschaffende. Ein Entwurf für ein Besucherzentrum oder ein kniffliges Hochwasserschutz-Projekt am Meer zeigen auf: Für Niederländer sind Biotope und Städtebau keine Gegensätze. Architektur wird mit der Umgebung als Hybrid entworfen.

Infrastrukturwerk und «Natur» auf einem Bild: Der Deich der Oostvaardersplassen östlich von Amsterdam. 
Bild: Siebe Swart

Frischer Blick auf Genf

Plage des Eaux-Vives von Atelier Descombes Rampini

Anna Hohler, Serge Fruehauf (Bilder)

Ein Strand, eine Seeaufschüttung mitten in der Stadt Genf, eine Marina und ein Restaurant auf dem Wasser: Ein Vorhaben, das eigentlich unrealisierbar erscheint, weil es zu viele Interessen tangiert. Idee und Entwurf stammen vom Atelier Descombes Rampini. Dank eines künstlichen Naturreservats in der Mitte der Aufschüttung hat es die hohen gesetzlichen Hürden überwunden. Dort finden künftig Biber ihre Heimstatt, und unmittelbar daneben erleben die Genferinnen und Genfer erstmals Strandleben an ihrem See. Originaltext Französisch

Der neue Strand ist im Sommer 2019 fertig gestellt, der Bootshafen mit dem Seerestaurant noch im Bau. 
Bild: Fabio Chironi
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Debatte

Fotografen und Bühnenbildner wissen es: Erst der Hintergrund macht den Vordergrund plastisch. Was bedeutet das für die Architektur? Soll sich wirklich jeder Neubau in den Vordergrund drängen? Ist ihre Aufgabe nicht vor allem die, Hintergrund zu sein für das Geschehen, das sich vor und in ihr abspielt? Philipp Eschs tiefschürfende Analyse stützt sich auf Theorien der Wahrnehmung von Walter Benjamin bis Peter Sloterdijk.

Wettbewerb

Das Musée gruérien in der Freiburger Kleinstadt Bulle im Greyerzerland soll erweitert werden. Dabei war die Frage zu klären, wieviel vom Bestand des unscheinbaren Baus am Fuss der Schlosstürme erhalten bleiben muss. Das Siegerprojekt von Sergison Bates und Jaccaud Spicher setzt auf Weiterbauen im Geist des Bestehenden, erkärt Autor François Esquivé. Originaltext Französisch

Bücher

Aldo Rossi beim Denken zusehen: Angelika Schnells performative Textkritik bildet Rossis Denkmuster nach, so als ob man ihm über die Schulter blicken würde. Schnell versucht das Referenzsystem in Rossis Schreiben und Bauen zu entwirren. Das gelingt ihr nicht ganz, kritisiert der Rezensent Andri Gerber. Ausserdem: Traffic space, eine internationale Beispielsammlung zum stadtgerechten Umbau von Strassenräumen.

Nachruf

Jean Pythoud, 1925 – 2020

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Junge Architektur Schweiz

Romina Grillo, Liviu Vasiu, Zürich / Bukarest

Der Umbau aus der Feder des italienisch-rumänischen Architektenpaars lässt den Wohnraum mit dem neu angelegten Garten verschmelzen.

Raum als Reichtum

Durchlässige Architektur in Bangladesch

Niklaus Graber (Text und Bilder)

Im Grossstadtmoloch von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, stösst unser Autor auf Bildungsbauten, die aufgrund des knappen Baugrunds in die Höhe streben. Offene Raumstrukturen erlauben nicht nur Querlüftung und damit ein angenehmes Raumklima, sie bieten auch grosszügige Flächen für informelles Lernen: Wird unprogrammierter Raum im armen Bangladesch höher geschätzt als im reichen Europa?

Raum im Überfluss: Das Eingangsfoyer der United International University öffnet sich in schwindelnde Höhen – und wird vom Wind gekühlt.
Bild: Niklaus Graber

werk-material 06.05 / 754

Nichts ist für die Ewigkeit

Jenny Keller, Seraina Wirz (Bilder)

Büro- und Gewerbehaus Yond in Zürich, SLIK Architekten

Die Fassadenabwicklung entstammt parametrischem Design: Ein Parameter war, dass genügend Tageslicht in den Innenraum gelangt.
Bild: Seraina Wirz

werk-material 06.05 / 755

Nützlich wie Wasser

Tibor Joanelly, Reinhard Zimmermann (Bilder)

Bürohaus Goba in Gontenbad (AI), OP-Arch

Robuste Hülle im Gewerbegebiet. Eine kleine Terrasse schafft Gemütlichkeit (die umlaufende Sitzbank fehlt im Bild).
Bild: Reinhard Zimmermann

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