9 – 2021

Gesims

Ende des 20. Jahrhunderts hat mit dem Siegeszug der «Swiss Box» die Schweizer Architektur weltweit Beachtung gefunden. Kubisch gegliederte Volumen, abstrakte Fassaden und möglichst fugenfreie Ausführung – wenn möglich in Sichtbeton – galten als Erfolgsrezept zum ikonischen Bau. Zwanzig Jahre später sind solche Bemühungen weitgehend aus dem Diskurs verschwunden, existieren allenfalls noch als Kulisse im Kriminalfilm. Seit geraumer Zeit beobachten wir vermehrt ein Interesse an einer handwerklichen Durchbildung von Fassade und Baukörper. Nicht zuletzt durch die Debatten um eine klimapositive Architektur werden Themen wie der konstruktive Witterungsschutz und der sommerliche Wärmeschutz wieder ernst genommen. Das erwachende Interesse an Nützlichkeit und Konstruktion geht dabei nicht selten parallel mit einem Interesse an der Wahrnehmung von Architektur. Wetter und Schatten, Ratio und Emotion finden nicht zuletzt Halt am Gesims, dem Thema dieses Hefts. Am Gesims erklärt sich sozusagen gleichzeitig die physikalische und visuelle Mechanik einer Fassade.

Leseprobe

Eine wesentliche Verzierung

Gedanken zum Gesims

Maarten Delbeke

Was kann man zum Gesims noch lernen? Viel, meint der Barockforscher Maarten Delbeke, der an der ETH Zürich lehrt. Mit einem kunstgeschichtlichen Rückblick an der Schnittstelle zur aktuellen Ausstellung führt er ins Thema ein. Originaltext Englisch

Tafel aus Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker;
Kupferstich von Johann Matthäus von Mauch, 1820er Jahre. Bild: bkp, Kupferstichkabinett,
Staatliche Museen zu Berlin

Schwelle zum Himmel

Wohnblock mit Sporthalle in Gent von De Smet Vermeulen

Paul Vermeulen, Dennis De Smet (Bilder)

Wie kommt man in einem zeitgenössischen Entwurf darauf, wieder mit Gesimsen zu arbeiten? Paul Vermeulen beschreibt seine Ideen zum Entwurf des gemischten Blocks im flandrischen Gent. Originaltext Niederländisch

Die städtebaulich markante Ecke an der alten Wasserkante eines Docks besetzt nun ein Backstein-Block mit gemischter Nutzung. 
Bild: Dennis De Smet

Anverwandlung

Redchurch Corner und Townhouse in London von 3144 Architects

Tibor Joanelly, Rory Gardiner (Bilder)

Drei Fassaden stapeln die Londoner Architekten 3144 in der schmalen Gasse, ein Aufriss davon schmückt die Brandwand. Verbindendes Element sind die trennenden Gesimse.

Mit der Neufassung des Eckhauses zwischen viktorianischen (links) und georgianischen Fassaden (rechts in der Strassenflucht) begann erst eine Untersuchung zu Gesimshöhen und Relief. 
Bild: Rory Gardiner

Stoische Stapelung

Green Corner Building in Muharraq, Bahrain von Studio Anne Holtrop

Emma Jones

Dem Neubau ist eine weite Platzfläche vorgelagert. Anne Holtrop aktiviert diese mit einer stark verschattenden Fassade und gebautem Sonnenschutz. Originaltext Englisch

Das Zentrum für Restauration von Gemälden und Büchern liegt am Pearling Path im Herzen der Altstadt von Muharraq. Es erhielt seinen Namen von einer üppig begrünten Mauer von Patrick Blanc nebenan. 
Bild: Anne Holtrop

Im Kontext

Wohn- und Geschäftshaus in Luzern von Joos & Mathys

Roland Züger, Andreas Buschmann (Bilder)

Wie ein Passstück verhält sich das Wohn- und Geschäftshaus von Joos & Mathys in der Luzerner Altstadt. Anspielungsreich nimmt es Motive seiner Nachbarn auf, um das Neue zu integrieren.

In den Details anspielungsreich, mit handwerklichen
Keramik-Formteilen versehen, sitzen zwei Wohngeschosse auf zwei Etagen für Geschäftsnutzung. 
Bild: Andreas Buschmann

Nicht von diesem Ort

Mehrfamilienhaus Waldmeisterweg in Zürich von Lütjens Padmanabhan

Jenny Keller, Hélène Binet (Bilder)

Ein Ersatzneubau sprengt oft seinen Kontext. Nicht beim neuen Wohnbau am Zürcher Waldmeisterweg von Lütjens Padmanabhan. Der Trick liegt in der Einführung eines Gesimses mit grafischer Wirkung.

Ein Gesims und unregelmässig verteilte Lisenen auf der hellen Eternitfassade sorgen für Rhythmus, Massstab und Ordnung.
Bild: Hélène Binet

Wegzeichen

Terrassenhaus in Winterthur von Kilga Popp

Daniel Kurz, Christian Schwager (Bilder)

Eigentlich gibt es keine Gesimse an diesem Haus im klassischen Sinn – mit Ausnahme der Lauflinie des Laubengangs, die sich als kolossales Bänderwerk um das Gebäude windet.

Was wie gestapelte Reihenhäuser erscheint, sind Geschosswohnungen mit direktem Zugang von der Strasse. Gesimse betonen die Wege rund ums Haus. Bild: Christian Schwager

Verknotung von Raum und Zeit

Anmerkungen zur komplizierten Tektonik des Isokorbs

Mario Rinke

Der konstruktive Kniff mit dem Isokorb ist auch für die Ausrüstung einer Fassade mit Gesimsen beliebt – doch er vereinfacht nur vordergründig die Vermittlung von Innen und Aussen.

Räumliche und visuelle Kontinuität zwischen Innen und Aussen sind heute teuer erkauft – mit hohem konstruktivem Aufwand und mit der Festschreibung thermischer und funktionaler Grenzen: Detail am Haus an der Forsterstrasse Zürich von Christian Kerez (1999 – 2003).
Bild aus: Made of Beton, Birkhäuser, Basel 2017

Wert und Wirkung plastischer Profile

Valori della modanatura

Luigi Moretti

Im berühmten Essay «Valori della modanatura» rehabilitierte Luigi Moretti 1952 das Gesims als durch und durch abstraktes Element der Architektur mit enormer Wirksamkeit für die Gliederung von Volumen, Fassaden und auch von Innenräumen. Der Schlüsseltext ist hier erstmals ungekürzt in deutscher Übersetzung zu lesen. Originaltext Italienisch

Luigi Moretti publizierte 1950 – 53 sieben Nummern der Zeitschrift Spazio
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CAP talks

Die gemeinsame Serie von werk, bauen + wohnen und Hochparterre geht weiter: Adrian Altenburger und Philippe Jorisch nehmen Stellung zu den Forderungen des Climate Action Plan CAP der Klimastreikbewegung.

Wettbewerb

Die HSG St. Gallen expandiert in die Stadt. Unser Autor Volker Bienert wertet den Sieg von Pascal Flammer für den Campus Platztor in St. Gallen als grosses Glück. Gleichzeitig kritisiert er die missglückte Bereinigungsstufe, die dem Siegerprojekt zugesetzt habe und fordert mehr Vertrauen in den offenen Wettbewerb.

Bücher

Skepsis gegenüber der architektonischen Form und gleichzeitiges Interesse an ihr attestiert Autor Holger Schurk den Entwürfen von Rem Koolhaas. Tibor Pataki hat das Buch Projekt ohne Form über OMAs Laboratorium von 1989 für uns gelesen. Ein bilderreiches Buch über die Zürcher Europaallee zeigt deren Alltag und erklärt ihre städtebauliche Struktur, und der Katalog zum israelischen Biennale-Pavillon Milk.Land.Honey beschreibt die Geschichte Israels aus der Sicht der Tiere als Transformation von Landschaft und Natur.

Ausstellungshinweise

Die Ausstellung zu diesem Heft: Die unterschätzte Horizontale. Das Gesims in Kunst und Architektur läuft in der Graphischen Sammlung der ETH; im Kunstmuseum Olten sind Fotografien von Iwan Baan und Daniela Keiser zu den Themen Architektur, Licht und Gebrauch zu sehen.

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Junge Architektur Schweiz

Sujets Objets

Das Genfer Kollektiv baute eine Villa aus dem 19. Jahrhundert in ein Studentenwohnhaus um. Die Interventionen, die vor allem die Oberflächen berühren, strahlen in heiteren Farben.

Die Theaterfabrik

Théâtre de la Nouvelle Comédie in Genf von FRES architecture

Anna Hohler, Yves André (Bilder)

Mit dem Théâtre de la Nouvelle Comédie am CEVA-Bahnhof Eaux-Vives haben FRES architectes in Genf ein neues Stadttheater geschaffen. Der Theaterbau der Superlative vereint alle Theaterberufe und präsentiert sich in kühler Glätte. Originaltext Französisch

Vor allem nachts gibt sich der industriell anmutende Neubau mit seiner farbigen Beleuchtung als Theater zu erkennen.
Bild: Yves André

Weite im Würfel

Wohn- und Geschäftshaus von E2A auf dem Geistlich-Areal in Schlieren

Jørg Himmelreich

Neu-Schlieren nimmt Gestalt an: Mit der Typologie des Durchwohnens haben E2A auf dem Geistlich-Areal auf die Programmänderung Wohnen statt Büro reagiert.

Aus Lärmgründen sind alle Wohnungen auf den Hof hin orientiert; die Zickzack-Form ermöglicht optimale Eckwohnungen. Im Erdgeschoss liegen öffentliche Nutzungen.
Bild: Fabio Compagno

werk-material 09.03/ 776

Die Gartenhalle

Jenny Keller, Andreas Buschmann (Bilder)

Kirchgemeindesaal Rüti ZH, Daniel Nyffeler und Joos & Mathys

Der Neubau duckt sich gegenüber den Nachbarn, gleichzeitig signalisiert das Dach kecke Eigenständigkeit.
Bild: Andreas Buschmann

werk-material 09.03/ 776

Anregendes Raumgefühl

Pauline Bach

Pfarreizentrum in Kriegstetten SO, Ern+Heinzl

Ein Geräteschuppen schiebt sich als Teil der Wand unter den Dachhut.
Bild: Stefan Josef Müller

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