6 – 2017

Elbphilharmonie

Hamburgs neues Wahrzeichen war im Grunde schon Teil des imaginären Stadtbildes, seit 2003 die ersten Skizzen den Verantwortlichen den Kopf verdrehten. Seither hat die Hamburger Politik diesem Projekt die Treue gehalten und seine Realisierung allen Anfeindungen zum Trotz durchgezogen. Kritik gab es genug, als der Bau wie ein heimgebrachtes kleines Krokodil in der Badewanne immer enormere, schliesslich bedrohliche Ausmasse annahm. Schon kurz vor der Eröffnung machte die Häme jedoch restloser Begeisterung Platz – wo hat zeitgenössische Architektur je eine solche Umarmung erlebt? Die Kosten sind bereits jetzt nur noch eine Randnotiz der Geschichte. Hamburg feiert mit der Elbphilharmonie sich selbst und seinen eigenen Mut. Entstanden ist ein öffentlicher Bau, der die Widersprüche der Gesellschaft nicht kittet, aber auch nicht verhüllt.

Leseprobe aus wbw 6 – 2017

Sag’ zärtlich Elphi zu mir

Was bisher geschah

Gert Kähler, Iwan Baan (Bilder)

Nach einem spektakulären Planungs- und Bauprozess zieht unser langjähriger Korrespondent aus Hamburg Bilanz. Eine Skizze von Jacques Herzog brachte einst Wind in die Segel für die wagemutige Idee, auf den alten Kaispeicher ein Konzerthaus zu stemmen. Mit den ersten Bildern des Entwurfs im Jahr 2003 brach eine Euphorie aus, die Politik und Bürger gleichermassen verzauberte, wie kaum ein Projekt in der jüngeren Geschichte. Die Enttäuschung folgte auf dem Fusse, mit einem Baustopp als Tiefpunkt und einer Hinterlassenschaft von 789 Millionen Euro Baukosten. Wie kam es, dass der Kater nun doch dem Stolz gewichen ist?

Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron in der HafenCity

Das Haus

Iwan Baan

Nach der Eröffnung kehrte Iwan Baan nach Hamburg zurück, um den Bau im Gebrauch noch einmal zu fotografieren.

Zwischen dem Dach des massiven Speichers und dem gläsernen Aufbau umrunden die Besucher die
Plaza der Elbphilharmonie an der frischen Luft und geniessen die Ausblicke.

Schall und Wahn

Augenschein der Redaktion

Caspar Schärer und Roland Züger, Iwan Baan (Bilder)

Es ist fast alles gesagt, nur noch nicht von allen. Und jetzt kommen auch noch wir. Weil im schnelllebigen News-Geschäft wenig Zeit für die Reflektion bleibt, haben wir den Bau erneut besucht, um ihn einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, die im Rausch der Ereignisse so nicht möglich schien. Dabei schauten wir vor allem auf die Alltagstauglichkeit der Ikone.

Die ausschwingenden Terrassen des «Weinbergs» in der Elbphilharmonie rahmen ein Konzert und machen es zu einem Musik- und Gemeinschaftserlebnis. Architektur: Herzog & de Meuron

Alster und Hafen im Blick

Die Elbphilharmonie als Spaziergang

Boris Sieverts

Die Schlüsselstelle der Elbphilharmonie bildet unbestritten die Plaza, ein öffentlich zugängliches Plateau, 37 Meter über der Elbe. Hinauf darf jeder. Sie ist das Pfand für die enorme Schuldenlast auf den Schultern der Hamburger Steuerzahler. Schon deshalb ist ihre Öffentlichkeit viel gepriesen. Doch wirklich zu bezaubern weiss die Elbphilharmonie vor allem mit der Aussicht aus den Foyers der Etagen hoch über der Plaza, die den Konzertbesuchern vorbehalten sind. Hier spielt die Musik, denn hier rückt Hamburgs Stadtkern zwischen Alster und Elbe in den Blick.

Tief im Speicher: Ausblick nach Westen. Elbphilharomonie Hamburg von Herzog & de Meuron

Die Musik

Armin Linke

An der Seite der Harfenspielerin – der Frau des Fotografen Armin Linke – entstanden Bilder rund um das Eröffnungskonzert.

Ein etwas anderer Blick auf den Bau: Mit den Augen der Musikerinnen und Besucher hat der in Berlin lebende Fotograf Armin Linke (1966) die Elbphilharmonie festgehalten.

Ästhetik, Pluralität und Individualität

Der gesellschaftliche Wert der Elbphilharmonie

Heike Delitz, Iwan Baan (Bilder)

Die Elbphilharmonie ist mehr als nur ein Gebäude in den Fluten der Elbe. Ihr symbolischer Überbau schlägt Wellen. Die Soziologin Heike Delitz macht sich Gedanken über den gesellschaftlichen Wert des Baus und das, was seine Ästhetik für unsere Gesellschaft verkörpert. Architektur wirkt als Produkt einer Gesellschaft auch wieder auf sie zurück. Was macht die Elphi aus uns?

Von der Überseebrücke zeigt sich die beste Perspektive: Die sich hoch auftürmende Westfassade der Elbphilharmonie gegenüber dem emsigen Betrieb im Hafen.

Die Baustelle

Oliver Heissner (Bilder), Schnetzer Puskas Ingenieure (Visualisierungen)

Von Anbeginn begleitete der Fotograf Oliver Heissner die Bauarbeiten an der Elbe und rückte die teilweise zyklopischen Bauteile und dramatischen Vorgänge ins Bild. Klarheit in die komplexe Struktur bringen die Visualisierungen von Schnetzer Puskas Ingenieure, welche die Fotos und den anschliessenden Textbeitrag erläutern.

Mächtige Stahlknoten im Dach des grossen Saals der Elbphilharmonie. Die Spitze ist provisorisch abgestützt. Architektur: Herzog & de Meuron; Ingenieure: Schnetzer Puskas

Schweben als Kraftakt

Zum statischen System der Elbphilharmonie

Daniel Kurz, Oliver Heissner (Bilder)

Leicht und frei schwebt der Glaskörper der Elbphilharmonie über dem massigen Speicher aus Backstein. Die scharfe Naht über dem Sockel suggeriert Schwerelosigkeit. Die Realisierung dieses Phänomens war bautechnisch ein Kraftakt – nicht anders als die Verwirklichung des organisch geformten und akustisch isolierten Konzertsaals hoch über der Elbe.

Auf Wandring und Rippen der äusseren Schale des grossen Saals der Elbphilharmonie wird – auf Federpaketen gelagert – das Fachwerk der inneren Schale aufgesetzt. Architektur: Herzog & de Meuron; Statik: Schnetzer Puskas Ingenieure

Die Pläne als Poster

FLAG Aubry / Broquard (Illustration)

Unser Bonus Track zu diesem Heft: Alle Grundrisse und Schnitte von Herzog & de Meuron als Poster – FLAG (Aubry/Broquard), unsere Cover-Illustratoren, haben dazu die Elbphilharmonie zeichnerisch durchleuchtet.

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Debatte

Die Einordnung neuer Bauten ins historische Siedlungsgefüge ist eine gute Sache – aber kein Freipass für das Abbrechen des echten Alten. Das Ortsbildinventar ISOS sollte ernster genommen werden – nicht nur als Hinweis, den es in allgemeiner Form zu «berücksichtigen» gilt.

Recht

Bei der Umsetzung der vom RPG geforderten Mehrwertabgabe übertreffen sich die Kantone in Minimalismus. Dass diese auch ein Planungsinstrument zur Stadtverbesserung sein könnte, das auch den zahlenden Bauherren sehr viel bringt, zeigt dagegen seit 40 Jahren die Praxis von Basel-Stadt.

Bücher

Wie entstehen Symbole in der Architektur, was eigentlich lässt Form entstehen? Natürlich: Das Soziale! Silke Steets’ Buch wirft Licht auf bisher undeutliche Zusammenhänge.

Ausstellungen

In Biasca ist charaktervolle Nachkriegsarchitektur ausgestellt, deren Inspiration von amerikanischen Vorbildern ausging, während in Chur ganz sinnlich und haptisch das fotografische Werk von Hans Danuser in einer grossen Werkschau gefeiert wird.

Kolumne: Architektur ist ... Normcore

Daniel Klos, Johanna Benz (Illustration)

Ist Normcore Mode, Lifestyle, oder bloss eine Seifenblase? Während der Trend in der Mode gerade ausläuft, scheint er in der Architektur seinen Siegeszug erst anzutreten. Individualismus ist so was von gestern. Kolumne online lesen

Architecture par principes

Arbeiten des Pariser Büros Bruther

Marc Frochaux

Das Pariser Büro Bruther um Stéphanie Bru und Alexandre Thériot hat mit technoiden Bauten auf sich aufmerksam gemacht. Ihr spektakulärer Modernismus entpuppt sich bei genauem Hinsehen als eine realistische Recherche nach der Performance eines Gebäudes und nach einem präzisen Einsatz der Mittel.

Originaltext Französisch

Mit dem Erfolg im Wettbewerb für ein Life-Science-
Gebäude der Universität Lausanne (zusammen mit Baukunst, Brüssel) machte Bruther auch in der Schweiz auf sich aufmerksam. Rendering der offenen Begegnungszone.

Architecture oblique

Werk und Wirken von Claude Parent

Axel Sowa

Vor etwas mehr als einem Jahr ist Claude Parent (1923 – 2016) verstorben. Der schillernde Architekt galt nicht nur als Grandseigneur der Nachmoderne in Frankreich, sondern auch als streitbarer Tausendsassa und konzeptioneller Einflüsterer europäischer Architektur der letzten 30 Jahre.

Entspannte Debatte auf der schiefen
Ebene: Claude und Naad Parent mit Studierenden
in Neuilly-sur-Seine, 1974.

werk-material 02.05 / 694

Hart und weich

Daniel Kurz, Georg Aerni (Bilder)

Heilpädagogische Schule in Lyss BE von Met Architektur, Zürich

Konstruktiver Holzbau und tektonisch strukturierte Rasterfassade prägen die oberen Geschosse der Heilpädagogischen Schule in Lyss mit Klassen und Büros über dem Sockel aus Beton. Architektur: Met Architektur

werk-material 02.02 / 695

Edle Einfalt im Reformkleid

Lucia Gratz, Laura Egger (Bilder)

Erweiterung Primarschule in Thundorf TG von Lauener Baer Architekten, Frauenfeld

Selbstbewusst und bescheiden zugleich schmiegt sich der Holzbau ins abfallende Gelände.
Primarschule Thundorf von Lauener Baer Architekten.

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