12 – 2016

Denys Lasdun

Wir flanieren über endlose Teppiche, vorbei an Sofalandschaften und Geräuschinseln. Überall in den Foyers im Londoner National Theatre sitzen Besucher unterschiedlichen Alters und Herkommens. Keiner wartet auf eine Vorführung, alle tun geschäftig. Das National Theatre ist ein offener Ort für alle, seine ausladenden Terrassen sind eine demonstrative Einladung. Die Geste, monumental und zeichenhaft, gleichzeitig aber durchlässig, funktioniert heute wie nie zuvor. Tatsächlich bildete 1976 die Fertigstellung des Opus magnum von Denys Lasdun (1914–2001) den Endpunkt einer Epoche gesellschaftlicher Offenheit, wurde doch kurz danach der Wohlfahrtsstaat von den englischen Konservativen ausgeweidet. Mit dem jüngst erfolgten Umbau der Architekten Haworth Tompkins hat der Bau zu sich selber gefunden. Dies ist für uns ein Anlass, das Werk Denys Lasduns neu zu entdecken. Leider wurde nicht jeder seiner Bauten so glücklich saniert. Der Sozialwohnungsbau Keeling House ist heute eine privatisierte Gated Community. Für die Instandhaltung der (öffentlichen) Hallfield School fehlt schlicht das Geld. Wichtige Werke wie das Fitzwilliam College in Cambridge stehen nicht einmal unter Schutz. Bei unserer Recherche sind uns typologische Trouvaillen begegnet, die eine Entdeckung lohnen, gerade für eine jüngere Generation. Wie es heute um seine Bauten steht, zeigen die aktuellen Fotos der in London lebenden Fotografin Ioana Marinescu. Sie hat für uns die Hauptwerke neu ins Bild gesetzt.

Die sechs ausgewählten Bauten sind natürlich auch in Plänen und Zeichnung dokumentiert. Eigens für dieses Heft konzipiert, haben wir diese Dokumente auf einem Poster versammelt. Als erste Publikation mit einem ausführlichen Werkverzeichnis versehen und um weitere Literaturquellen ergänzt, ist das Poster ein idealer Begleiter auf der Reise zu den Bauten von Denys Lasdun.

Leseprobe aus Web 12–2016

Angekommen in London

National Theatre: Revitalisierung durch Haworth Tompkins

Rosamund Diamond

Schon zur Zeit seiner Erstellung wurde das National Theatre in London mit scharfer Kritik bedacht – ein Jahrzehnt später hielt Prinz Charles das Hauptwerk Denys Lasduns gar für eine «schlaue Methode, um in der Innenstadt ein Atomkraftwerk zu bauen». Die jüngst erfolgte Renovierung durch die Architekten Haworth Tompkins offenbart nun die seit jeher schlummernden Qualitäten: Die grosszügigen Foyers sind neu mit dem Uferbereich an der Themse räumlich verknüpft und ohne Einschränkung öffentlich zugänglich.

Originaltext Englisch

Ausladende Terrassen und markante Treppenund
Bühnentürme formen eine einprägsame Festarchitektur am Südufer der Themse. National Theatre, London. Architektur: Denys Lasdun

In der Ära des Skeptizismus

Lasduns Londoner Hinterlassenschaft

Irina Davidovici

Inmitten der stürmischen Zeiten des postmodernen Relativismus hat Denys Lasdun ein Buch mit dem Titel Architecture in the Age of Scepticism veröffentlicht. Darin sind rund ein Dutzend Stimmen versammelt, vereint in ihrer Haltung als Praktiker und beschäftigt mit der materiellen und sozialen Dimension der Architektur. Einen solchen generationenübergreifenden Dialog hatte Irina Davidovici im Sinn und hat wiederum ein Dutzend Architekten aus der Londoner Praxis von heute nach dem Stellenwert von Lasduns Werk befragt: Die Wertschätzung ist gross, das Wohlgefallen hat freilich den Charakter einer Neuentdeckung.

Ungekürzte Fassung

Die frei schwingende Treppe bildet das Herzstück der Halle und des Zeremoniells der traditionsbewussten Institution des Ärzteverbandes. Der Aufgang in die Beletage gleicht einem Prozessionsweg; das Foyer ist ein einziger grosser Begegnungsort.

Kontrollierte Kraft

Über Denys Lasduns Entwurfshaltung

Barnabas Calder

Von der Postmoderne verfemt, wird Denys Lasduns Werk heute wieder entdeckt und gewürdigt. Er war ein Architekt, der wenig über seine Arbeit sprach oder schrieb, aber umso genauer zuhörte, um auch die unausgesprochenen Wünsche seiner Auftraggeber zu erfüllen. Dabei entstanden Bauten von grosser expressiver Kraft; ihre Präzision bis in die konstruktiven Details beeindruckt im heutigen Umfeld umso mehr. Ein Bericht aus der Werkstatt.

Originaltext Englisch

Ganz im Stil seiner Zeit ist die Erdgeschosszone
des Appartmenthauses in St James\\\\\\'s Place leicht und filigran ausgebildet. Architektur: Denys Lasdun

Triumph der Skulptur

Keeling House: Vom Sozialexperiment zum Luxusturm

Owen Hatherley

Der Cluster ist ein Lieblingsthema des Brutalismus. Vom amerikanischen Theoretiker Kevin Lynch übernahm der britische Kritiker Reyner Banham den Begriff – und Denys Lasdun setzte ihn zum ersten Mal architektonisch um: Das Keeling House im armen Londoner Stadtteil Bethnal Green gilt als ein Versuch, Arbeiter-Reihenhäuser in die Vertikale zu stapeln. Dabei legte Lasdun Wert auf die organische Gliederung der sozialen Räume und unterzog damit den Funktionalismus einer Aktualisierung und Revision.

Originaltext Englisch

Die Maisonettewohnungen sind über Laubengänge
an der frischen Luft erschlossen: Das
Dazwischen als Kontakt- und Konfliktzone. Keeling House, London. Architektur: Denys Lasdun

Master of his Age

Biografische Betrachtungen zu Denys Lasdun

Florian Dreher

Lasduns Suche nach formaler Eigenständigkeit führte ihn bereits als jungen Architekten weg von den damals aktuellen Positionen und kann als Kommentar zum herrschenden Funktionalismus verstanden werden. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens vollzog Denys Lasdun eine Wende von einer geologisch anmutenden Architektur hin zu einem gefälligeren Stil in Stahl und Glas. Dieser liest sich wie ein persönlicher Kommentar zur aufkommenden Postmoderne in den 1980er Jahren.

In Zikkuraten sind die Zimmer der Studierenden
untergebracht; Landschaft und Architektur gehen hier eine enge Verbindung ein. University of East Anglia, Norwich. Architektur: Denys Lasdun

Interviews mit und Filme zu Denys Lasdun

Die eigens für diese Ausgabe gemachten Fotos von Ioana Marinescu setzen sechs ausgewählte Bauten von Lasdun ins Bild. Um jedoch die Erfahrung der Recherchereise erlebbar zu machen bieten sich die zahlreichen Links an, die im Netz zu finden sind:

Zu einem legendären Vortrag an der AA in London

aus dem Jahr 1989 oder seinem Radiointerview für BBC nach Eröffnung des National Theatres in London

Oder im Gespräch von Jill Lever mit Denys Lasdun im hohen Alter im Jahr 1996

Auch Filme von Lasduns Bauten von sind im Netz zu finden:
Zum Royal College of Physicians, London von Rachel Dowle, 2014

über die Modell vom Royal National Theatre, London

über das Keeling House, London aus dem Baujahr 1958

Und über einen nachbarlichen Schwatz in luftiger Höhe im Keeling House, kommentiert von Lasdun

Vorstellung von Denys Lasdun bei seiner Ernennung als Architekt der neuen Universität von East Anglia (UEA), Norwich 1963

Eine Vorstellung der UEA im Film über britische Universitäten des Belgischen Fernsehens 1974

sowie zum Fitzwilliam College der University von Cambridge.

und der Vortrag des Lasdun-Spezialisten Barnabas Calder über das College in Cambridge, gehalten am Symposium zum 50. Jubiläum im Jahr 2013.

Ausgestattet mit Heft, Poster und Links lassen sich Sir Denys Lasduns Bauten nun bereisen.

Lasduns Projekte sind mehrheitlich am Modell entstanden. Im Büro war eigens der Modellbauer Phillip Wood damit betraut: Er steht im Bild
oben hinter Denys Lasdun mit Pfeife.
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Debatte

Carl Fingerhuth, ehemaliger Stadtbaumeister von Basel, fordert für den Missing Link zwischen Städtebau und Raumplanung eine Betreuung der Transformation der Stadt. Dabei geht es um Emotionalität, Sinnlichkeit, Spiritualität und Mitsprache – um eine neue Erzählung, die sich von aktuellen Planungen unterscheidet.

Nachruf

Raphaël Berclaz, 1967–2016

Neumitglieder BSA

Zwölf neue Mitglieder und vier Assoziierte fanden 2016 Aufnahme in den Bund Schweizer Architekten – dieses Jahr gehören auch zwei Londoner zum illustren Kreis.

Bücher

Vier Buchtipps der Redaktion zu Weihnachten

Kolumne: Architektur ist … Schwimmen

Daniel Klos, Johanna Benz

Unser Kolumnist träumt – und findet sich am Ufer eines gewaltigen Stroms wieder. In der Ferne sieht er eine Schar Menschen, die im Fluss fischen. Seltsame Dinge geschehen ...

Vertikaler Meeting Place

Erweiterungsbau der Tate Modern in London von Herzog & de Meuron

Florian Dreher, Iwan Baan (Bilder)

Mit dem Erweiterungsbau der Tate Modern ist die Runderneuerung am südlichen Themseufer abgeschlossen. Der angedockte Turm im rustikalen Backsteinkleid beherbergt weniger Ausstellungsflächen als offene Angebote für Kommunikation und Austausch.

Hinter der Turbinenhalle, an der Stelle der alten Transformatorenstation steht der neue Anbau. Rechts im Bild spriessen die Wohntürme von Richard Rogers in die Höhe. Deren vollverglasten Wohnungen gewähren unerwünschte Einblicke vom
neuen Aussichtsdeck der Tate Modern in London. Architektur: Herzog & de Meuron

Kleinstadt am Steilhang

Hans Ulrich Scherer und das Terrassenhaus

Lorenzo Stieger

Hans Ulrich Scherer gilt mit seinen Siedlungen seit den 1950er Jahren als Pionier des Terrassenhausbaus. Weniger bekannt sind seine ganzheitlichen Strategien für eine nachhaltige Planung. Sie gründeten auf einem interdisziplinären Ansatz, der heute wieder von Interesse ist, genauso wie seine Vorstellungen zur Verdichtung.

Anlehnung an mediterrane Bergstädte: Burghalde in Klingnau, 1959, die erste Terrassensiedlung des Team 2000. Erschliessung und halbprivate Schwellenzonen sind auf Begegnungen ausgelegt.

werk-material 13.10 / 684

Die Maschine im Dorf

Daniel Kurz, Thomas Jantscher (Bilder)

Bergbahnstation Sorebois in Grimentz VS von GD Architectes, Neuchâtel

Bergstation Sorebois in Grimentz von Geninasca Delefortrie Architectes

werk-material 13.10 / 685

Nobilitierte Industriearchitektur

Caspar Schärer, Alder Clavuot Nunzi (Bilder)

Gesamterneuerung der Werkseilbahn Albigna, Vicosoprano GR von Alder Clavuot Nunzi, Soglio

Das Architekturbüro Alder Clavuot Nunzi finen Sie auch in unserem Schaufenster JAS Junge ArchitektInnen Schweiz

Nobilitierte Industriearchitektur. Gesamterneuerung der Werkseilbahn Albigna, Vicosorprano. Architektur: Alder Clavuot Nunzi Architekten

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