5 – 2021

Materialkreislauf

Bei aller Vielfalt der in diesem Heft angedeuteten Wege: Mit der Klimakrise geht es uns wie dem Kaninchen vor der Schlange. Der Blick wird starr in Erwartung des Unvermeidlichen. Der Imperativ «Vermeide CO₂!» engt ein, vor allem die Architektur. Mit diesem Heft sagen wir dem Kaninchen: Schau genau hin und handle! Eine gute Prioritätenliste bieten die «neun R» der Nachhaltigkeit: refuse (Verzicht auf die Nutzung von Rohstoffen), reduce (weniger Rohstoffe), reuse (durch die Verwendung von gebrauchten oder geteilten Produkten), repair (und Unterhalt), refurbish (Umbauen), remanufacture (Herstellung neuer Produkte aus den Bestandteilen alter), repurpose (Umwidmung), recycle (die mechanische oder chemische Umformung von Material), recover (das Wiedergewinnen von Energie). Nimmt man sich diese Reihenfolge zu Herzen, ist plötzlich wieder Luft zum Atmen da.

Leseprobe

Das Bauteil bestimmt

Architektur muss klimaneutral werden – und sie kann dabei ganz verschieden aussehen

Tibor Joanelly und Jenny Keller, Martin Zeller (Bilder)

Kerstin Müller von Baubüro In Situ stellt sich den kritischen Fragen der Redaktion und erklärt, warum die Wiederverwendung die sauberste Lieferkette am Bau aufweist. Anhand ihrer jüngsten Realisierungen in Basel und Winterthur spricht sie über die Hindernisse bei der Planung und beim Bauen und verrät, wie In Situ seine Bauherren vom guten Tun überzeugt.

Hier werden die roten Fassadenpanele in Uster geerntet, die den Kopfbau 118 schon lange vor Fertigstellung kennzeichneten. 
Bild: Martin Zeller

Kreativer Ungehorsam

Aufstockung der Halle 118 auf dem Lagerplatz in Winterthur, Baubüro In Situ

Jenny Keller, Martin Zeller (Bilder)

Der Kopfbau Halle 118 in Winterthur von Baubüro In Situ zeigt exemplarisch, welche Prämissen beim Bauen mit wiederverwendeten Bauteilen im Auge zu behalten sind.

Wenn das Bauteil bestimmt: Die orthogonale Stahlstruktur aus Basel führt als Aufstockung auf dem trapezförmigen Bestand in Winterthur zu einer Auskragung.
Bild: Martin Zeller

Bricolage 1

Bauteilpass

Roland Züger

Lagerung, Logistik und Verfügbarhalten von Bauteilen fürs Recycling sind aufwändig. Bauteilpässe für den Bestand schaffen ein Inventar im grossen Stil. Ein Erfahrungsbericht vom Entwerfen mit solchen Bauteil-Katalogen.

Auf was ist zu achten? ZHAW–Workshop zur Wiederverwendung, 2019, mit Benjamin Poignon und Michèle Toboll (In Situ), Michael Wick (Wick Upcycling).

Bricolage 2

Bauteilbörse

Lukas Gruntz

Im Kleinen gibt es Bauteillager ja seit Langem. Doch welche Hürden stellen sich, plant man als Architekt einen kleinen Umbau mit Secondhand-Material? Ein Reality-Check.

In der Bauteilbörse auf dem Dreispitz Basel stehen Waschbecken zur Wiederverwendung bereit. 
Bild: Architektur Basel

Monument für ein Wochenendritual

Recyclingcenter Emmenbrücke von Huber Waser Mühlebach

Roland Züger, Roland Bernath (Bilder)

Vor den Toren Luzerns steht das Recyclingcenter von Huber Waser Mühlebach. Nicht nur die hier gesammelten Stoffe, sondern auch die Gebäude sind recyclierbar: aus Holz aus lokalen Wäldern, ohne Schaum und Klebstoffe, einfach demontierbar. Die Konstruktion folgt streng der Systemtrennung, die auch den Ausdruck der Räume bestimmt.

Turmartig markiert der neue Verwaltungsbau des Entsorgungs-Verbunds den Ort. Sein weit auskragendes Dach lädt in die Recycling-Halle nebenan.
Bild: Roland Bernath

Holistische Architektur

BC Architects, BC Studies und BC Materials, Brüssel

Bart Tritsman

Für BC Architects aus Brüssel sind Gebäude gleichzeitig Prototypen und Forschungsprojekte. Deshalb gründeten sie BC Materials zur Produktion von Baumaterialien und BC Studies, um beim Bauen mit Recycling und Lehm zu beraten – ein ganzheitlicher Ansatz. Originaltext Niederländisch

Die Bibliothek in Burundi entstand vor Ort nach lokaler Bautradition und mit einer Ziegelpresse aus der kolonialen Vergangenheit.
Bild: BC Architects

Bricolage 3

Nachwachsende Baustoffe

Jenny Keller

Wie kann die zukünftige Ressourcen-Lücke geschlossen werden? Dirk Hebel meint, dass wir neben nachwachsenden Rohstoffen wie Holz oder Hanf bald auch Pilze für Bauteile züchten.

Nachwachsende Alternative: eine selbsttragende Struktur aus Pilzmyzelium und Bambus. 
Bild: Carlina Teteris

Bricolage 4

Kreislauftypologie

Jenny Keller

Angelehnt an die Typologie-Lehre von Rossi versucht Martin Fröhlich an der EPFL, beim Entwerfen weitere Nutzungen mitzudenken, um so zur Kreislaufwirtschaft beizutragen.

Der Zoopavillon in Servion ist ein Semesterprojekt am Lehrstuhl EAST der EPFL: Ein Bausystem aus sauerhaften Materialien, das komplett demontierbar ist.
Bild: Simon Jeckelman, EAST/EPFL

Wiederverwendbare Tragsysteme

Erwägung einer Neuauflage des Metabolismus

Tibor Joanelly

Nach dem Vorbild des japanischen Metabolismus forscht man in Berlin oder Lausanne zur Wiederverwendbarkeit von Tragsystemen. Die Gestaltung der Bauteile selbst wie auch möglichst clevere Verbindungen eröffnen der Architektur neue Spielräume.

Der Weg vom System zum wiederverwendbaren Baukasten ist noch weit. Vielfach nutzbares «Wohnregal» von FAR Frohn & Rojas, Berlin. 
Bild: David von Becker
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werk-notiz

Ein Nicht-Architekt als Kantonsbaumeister? Stadtbaumeister als subalterne Funktion? Daniel Kurz ist besorgt um die Entwicklung der öffentlichen Bauämter. Artikel online lesen

CAP talks

Der Climate Action Plan CAP der Klimastreik-Bewegung fordert einen umfassenden Umbau der Gesellschaft. Was heisst das für die Architektur? Ludovica Molo und Friederike Kluge geben erste Antworten in der gemeinsamen Serie von werk, bauen + wohnen und Hochparterre.

Bücher

Die 1980er Jahre sind längst auch im Architekturdiskurs angekommen. Die Berliner Situation mit einer eigenen Programmatik im Ost- wie im Westtteil der Stadt ist einmalig und Gegenstand des lesenswerten Buchs Anything Goes?, das eine aktuelle Ausstellung begleitet. Das Buch Spolien ergänzt unser Heftthema um eine Facette der Architekturgeschichte.

Ausstellungen

Barbara Wiskemann hat sich für uns in der Schau Critical Care im Zentrum Architektur Zürich umgesehen. Zudem empfehlen wir die monografische Schau über Werner Düttmann in Berlin sowie Big City Life im Cartoonmuseum in Basel.

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Doppelter Erstling

Primarschule Hof, St. Gallen von Benz Engeler Architekten 1990 und Hutter Zoller Architektur 2019

Henriette Lutz, Anna-Tina Eberhard (Bilder)

1986 gewann das St. Galler Büro Benz Engeler mit der St. Galler Primarschule Hof seinen ersten Wettbewerb. Deren Ergänzung um neue Räume für die Betreuung war 2019 der Erstling von Hutter Zoller Architektur.

Primarschule Hof, St. Gallen
Bild: Anna-Tina Eberhard

Ontograph im Supermarkt

Geschäftshäuser Gleis-Arena von Made In, Zürich

Tibor Joanelly, Philip Heckhausen (Bilder)

Die Geschäftshäuser Gleis-Arena von Made In am Zürcher Hauptbahnhof faszinieren und irritieren mit ihrer erratischen Eigenart.

Fremd wirken die beiden Gebäude im Stadtraum; dabei materialisieren sie vor allem die Vorgaben des Masterplans und geben eine Bühne für noch unbekannte urbane Praktiken.
Bild: Philip Heckhausen

Urbaner Innenraum

Berufs- und Fachhochschule in Mendrisio von Bassi Carella Marello

Alberto Caruso, Renato Quadroni (Bilder)

Auf die Bewegung der vorbeifahrenden Gotthardzüge reagiert die Fachhochschule SUPSI in Mendrisio von Bassi Carella Morello. Ihr Inneres überrascht mit einem Atrium, das wie ein städtischer Strassenraum funktioniert und die versetzten Ebenen verbindet. Originaltext Italienisch

Eine einzige grosse Rampe verbindet alle Ebenen des Gebäudes. Auf ihr bewegt man sich wie durch eine Altstadtgasse. Licht von oben sorgt für Stimmung.
Bild: Renato Quadroni

werk-material 01.02 / 770

Dezidierte Erneuerung

Daniel Kurz, Vera Hartmann (Bilder)

Umbau und Aufstockung Zwinglistrasse in Zürich, Beat Nievergelt mit Burkhard & Fata

Mit neuen Balkonen und grossen Fenstertüren öffnen sich die Wohnungen zum neu belebten Innenhof. Küche und Wohnraum erhalten dadurch Licht und Weite.
Bilder: Andrea Diglas

werk-material 01.02 / 771

Raus aus dem Ensemble

Tibor Joanelly, Angelo Ressegatti (Bilder)

Umbau Mehrfamilienhaus Eichweid in Wädenswil, Ressegatti Thalmann

Die Durchschnittsarchitektur der Umgebung veranlasste die Architektinnen, dem Bau ein neues, auf der Kraft des Materials fussendes Gepräge zu geben.
Bild: Angelo Ressegatti

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