10 – 2019

Luzern Nord-Süd

Im Norden und Süden Luzerns herrschen die Gesetze der Agglomeration, wie anderswo auch. Ungleichzeitiges steht willkürlich nebeneinander; Autobahnzubringer neben Occasionscentern, Einfamilienhausquartiere neben Einkaufszentren, traditionelles Gewerbe neben schicken Neubauten. An beiden Polen der traditionsreichen Kantonshauptstadt grassiert zugleich das Baufieber, Investoren planen um die Wette. Die bis vor kurzem noch in ihrem Selbstbild noch durchaus ländlichen Vorstadtgemeinden haben grosse Herausforderungen zu packen. Im Norden wie im Süden Luzerns gibt es starke Bemühungen, die Dynamik zu nutzen, um aus dem chaotischen Bestand geordnete Stadträume wachsen zu lassen. Hier wie dort sollen Plätze und Strassenräume geschaffen werden, die Orientierung und Aufenthaltsqualität verbessern, und dem Langsamverkehr wird mehr Platz eingeräumt. Dabei wird eines deutlich: Gegenüber den enormen Kräften des Marktes, den vermeintlichen Sachzwängen des Individualverkehrs, dem Verhandlungsgewicht der Investoren und dem Desinteresse der Grundbesitzer haben Planerinnen und Planer im Kampf für städtebauliche Qualität einen schweren Stand.

Leseprobe

Stadtwerdung

Ein Bildessay

Roman Keller

An zwei heissen Sommertagen streifte der Zürcher Künstler Roman Keller durch die neuen Quartiere vor den Toren Luzerns. Sein Blick schliesst immer auch Passanten und ihren mobilen Untersatz mit ein: Töffli und Traktor hier, Trottinett und Rollator dort. Roman Kellers Bilder zeigen Architektur im Gebrauch, keine aseptischen Ikonen. Seine Architekturfotografie beschreibt eine Stadt im Werden. Mehr Bilder von Roman Keller sind im E-Paper in der werk-App.

Das Hochhaus von Tilla Theus ist Vorbote einer rasanten Entwicklung rund um den Bahnhof Horw. Die Bildstrecke von Roman Keller zeigt die Verwandlung an den Rändern Luzerns.
Bild: Roman Keller

Zum Ganzen fügen

Entwicklungskonzept Luzern-Süd im Praxistest

Ursina Fausch im Gespräch mit Daniel Kurz und Roland Züger

Luzern-Süd heisst das Entwicklungsgebiet an den Grenzen von Luzern, Kriens und Horw, wo sich Gewerbe- und Logistikzonen in hohem Tempo verwandeln. Das Entwicklungskonzept von Ernst Niklaus Fausch Architekten verleiht dem Wandel räumliche Struktur. Ursina Fausch berichtet von der Herausforderung, mit eng begrenzten Mitteln und widerstrebenden Partnern die Konzeptideen zu verwirklichen.

Gleichzeitigkeit des Ungleich-zeitigen:  Landwirtschaftstransporter am Kreisel im Industriegebiet von Kriens. Hier soll künftig Stadt entstehen.
Bild: Roman Keller

Urbane Visitenkarten

Stadtrundgang durch Kriens

Gerold Kunz, Roman Keller (Bilder)

Ein urbanes Gebiet ist Kriens schon lange. Doch es brauchte ein «städtisches Quartier» aussen auf der grünen Wiese, damit sich die Einwohner der neuen städtischen Qualität bewusst wurden. Seit 2019 nennt sich Kriens Stadt und bezeugt dies mit einem neuen Stadthaus. An den Rändern aber werden weiterhin Bilder des Ländlichen gepflegt. Ein Widerspruch? – Nein, findet unser Autor, der selbst ein Krienser ist.

Dank seinem städtischen Massstab verbindet das neue Stadthaus von Kriens mit seiner zart proportionierten Aluminiumfassade die Einzelbauten des Bestands zum Ensemble. Bild: Roman Keller

Im wilden Norden

Umbruch am Seetalplatz in Emmen

Caspar Schärer, Roman Keller (Bilder)

Lärm und Leere beherrschen bis heute den mit 50 000 Fahrzeugen meistbefahrenen Verkehrsknoten Seetalplatz zwischen Luzern und Emmen. Mit dem Hochwasserschutz an der Kleinen Emme wurde ein neues Verkehrskonzept installiert. Aus der lärmigen Wüste soll ein städtischer Ort werden, Pool Architekten lieferten dazu den Städtebau. Und gleich nebenan sucht das grosse Fabrikareal Viscosistadt eine neue Identität als Ort für Kultur und Kreativgewerbe.

Als kultureller Treffpunkt nimmt die Zwischennutzung NF49 die Stadtwerdung Emmens vorweg und stellt ihre Voraussetzungen zur Diskussion. Bild: Roman Keller

Zentrumszone, Horw

Masterplan von Lengacher Emmenegger Architekten, Emch + Berger WSB und Fahrni Landschaftsarchitekten

Verkehrsfreie Zone beim Bahnhof im Schatten des Hochhauses von Tilla Theus
Bild: Roman Keller

Stadthaus, Kriens

Burkard Meyer Architekten

Die elegante Aluminiumfassade schafft Repräsentation. Zum grosszügigen Platz im Osten liegen die Räume der Stadtverwaltung,
nach Westen die Wohnungen, in der Mitte der Stadtsaal. Bild: Roman Keller

Teiggi Wohnwerk, Kriens

Areal mit Mischnutzung von Lengacher Emmenegger Architekten

Im Zentrum von Kriens bildete schon die Zwischennutzung der «Alten Teiggi» einen besonderen Ort. Mit den damaligen und neuen Nutzern haben Lengacher Emmenegger Architekten für die Genossenschaft Wohnwerk und die Stiftung Abendrot eine den Bestand ergänzende Neuüberbauung entwickelt, die mit Clusterwohnungen und Gewerbenutzungen städtisch-alternative Lebensformen nach Kriens bringt.
Bild: Roman Keller

Haus Schachenstrasse, Kriens

Haltmeier Kister Architektur

Kriens erstreckt sich bis an die Hänge des Pilatus, wo noch eine ländlich-katholische Welt vorherrscht. Für den Wallfahrtsort Hergiswald mit seiner bedeutenden Kirche baute Gion A. Caminada ein neues Gasthaus.
Bild: Roman Keller

Gasthaus Hergiswald, Kriens

Gion A. Caminada

Kriens erstreckt sich bis an die Hänge des Pilatus, wo noch eine ländlich-katholische Welt vorherrscht. Für den Wallfahrtsort Hergiswald mit seiner bedeutenden Kirche baute Gion A. Caminada ein neues Gasthaus.
Bilder: Roman Keller

Am Mattenhof, Kriens

Dichtes Quartier auf der grünen Wiese, Scheitlin Syfrig Architekten

Die Überbauung Am Mattenhof bietet in ihrem Inneren überzeugende städtische Räume mit belebten Erdgeschossen. Das Hochhaus bietet Orientierung im Quartier. Noch steht der neue Stadtteil etwas isoliert, doch schon bald wird der Mattenplatz zu seinen Füssen ein urbanes Zentrum in Luzern-Süd bilden. Bild: Roman Keller

Nidfeld, Kriens

Masterplan Christ & Gantenbein Architekten

Das Hochhaus als Kopf des Areals markiert zugleich den Autobahnübergang. Dahinter zwei Höfe, bedrängt durch die erst kürzlich eröffnete Halle eines Grosshändlers. Gegenüber dem Wettbewerb verlor der Entwurf an Gliederung zur Nidfeldstrasse. Umso höher sind nun die Erwartungen an die Baumallee, die im Entwicklungskonzept Luzern-Süd festgehalten ist.
Bild: Roman Keller

Viscosistadt, Emmen

Masterplan EM2N und Studio Vulkan

Das kompakt überbaute Werksareal stand nach dem Ende der bedeutenden Kunstfaser-Produzentin Viscosuisse 2006 weitgehend leer. Die heutige Eigentümerin SEFAR produziert auf einem kleinen Teil des Geländes weiterhin Monofil-Garne, der Rest wird zwischengenutzt und mittelfristig neu entwickelt. Der Masterplan von EM2N will trotz zahlreichen Neubauten den industriellen Charakter des Areals
mit seinen schmalen Gassen erhalten.
Bild: Roman Keller

Hochschule, Emmen

Bauten für die Hochschule Luzern. Design & Kunst von EM2N und Harry Gugger Studio in der Viscosistadt

Der Neubau 744 von Harry Gugger besetzt selbstbewusst den Raum. Er übernimmt vom Bestandesbau die hohen Geschosse, den industriell rohen Ausbau und die frei einteilbaren Grundrisse.
Bild: Roman Keller

Projekt 4Viertel am Seetalplatz, Emmen

Lussi & Partner Architekten

Das Projekt bildet den nördlichen Abschluss des neuen Seetalplatzes und säumt im Süden die Kleine Emme. Hinter der repräsentativen Stadtfassade mit Arkaden und Hochhaus entwickelt sich ein gemischtes Quartier rund um das heute schon an diesem Ort bestehende Multiplex-Kino.
Bild: Roman Keller
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Debatte

Eberhard Tröger entführt die aufmerksamen Leser und Leserinnen unserer Debatte-Rubrik ins räumliche Reich der Bäume – um mit einem fulminanten Plädoyer für die baumbestandene Strasse zu enden.

Wettbewerb

In Pratteln soll mit Salina Raurica Ost ein Quartier für 2'000 neue Bewohner und 3'000 Arbeitsplätze entstehen. Tanja Reimer kommentiert das Ergebnis des Verfahrens, das das Team um Hosoya Schaefer gewonnen hat – und bezweifelt die Transformationskraft des vorgeschlagenen Städtebaus.

Ausstellungen

Das Museum Bellpark in Kriens zeigt die Geschichte der Schweizer Einkaufszentren und fragt nach deren Zukunft in Zeiten des Online-Shoppings. Artikel online lesen

Bücher

Sylvain Malfroy hat seinen Klassiker über die Morphoplogie der Stadt neu aufgelegt. Benedikt Boucsein sieht seine Aktualität in den nach wie vor funktionierenden Werkzeugen der Stadtanalyse und im Anreiz, die Grundlagen, die das Buch bietet, neu zu denken.

Nachruf

Paolo Fumagalli (1941–2019)
Originaltext italienisch

Eingebettet

Atelier FALA aus Porto

Tibor Joanelly, Ricardo Loureiro, FALA (Bilder)

Das junge Büro FALA ist nicht zuletzt denjenigen ein Begriff, die intensiv Social Media nutzen. Was hinter den bunten Collagen und Bildern steckt, zeigt die Reportage aus Porto.

Eine typische Aufwertungs-Aufgabe: Aus einer einstigen Hofdurchfahrt und Garage collagieren FALA eine magische Welt (Projekt 090, Uneven House).
Bild: Ricardo Loureiro, FALA

Bergende Grossform

Überbauung Pulvermühle in Chur von Conradin Clavuot

David Ganzoni, Ralph Feiner (Bilder)

Conradin Clavuot bringt Bewegung in die Grossüberbauung Pulvermühle im Norden von Chur.

Ein einfacher Raumtyp bestimmt das Bild. Facettierte Fassaden und ein durchbrochenes Ende kommunizieren mit der Landschaft und dem Stadtraum. 
Bild: Ralph Feiner

werk-material 01.07 / 740

Pavillon to go

Lucia Gratz, Weisswert (Bilder)

Movable House, Riehen BS von Rahbaran Hürzeler

Federleicht und transparent steht das Movable House im Gartengrundstück. Bild: Weisswert

werk-material 01.02 / 741

Nomadischer Charme

Eva Stricker, Bruno Helbling (Bilder)

Wohnhaus Langgrütstrasse, Zürich von Gus Wüstemann

In den kompakten Block des Mehrfamilienhauses sind die Wohnräume wie Brücken eingeschnitten.
Bild: Bruno Helbling

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