1 / 2 – 2022

Stadt oder Siedlung?

Mit ihren Vorgärten und mit ihrer Monokultur des Wohnens mag die Siedlung zwar wenig urban erscheinen. Doch sie bietet Freiräume im Nahbereich, Licht, Sonne, Ausblicke, Grün – und Nachbarschaft statt Anonymität. Nur leider wendet sie der Stadt, der öffentlichen Strasse meist ihren Rücken zu und bezieht sich allzu sehr nur auf sich selbst. Wie könnte die Siedlung vermehrt Anschluss finden an den Raum der Stadt? Mit Siedlung meinen wir eine Überbauung von einheitlicher Architektur und Umgebungsgestaltung auf einem grösseren Areal. Kraft ihrer Grösse können in der Siedlung Orte geschaffen werden, die auf ein Kollektiv ausgerichtet sind. Das können eigentliche Gemeinschaftsräume sein, mindestens sind es aber baumbestandene Freiräume, die der Siedlung Mitte und Identität verleihen – und Orte, deren Öffentlichkeitsgrad nicht ohne weiteres klar ist. Die Kunst des Siedlungsbaus ist, die Übergänge zwischen öffentlichen und privaten Bereichen klug zu moderieren. Besonders interessant wird die Aufgabe, wenn es darum gehen soll, der Siedlung Anschluss an den öffentlichen Raum zu verleihen.

Leseprobe

Wohnungsbau ist Städtebau

Siedlung Hornbach Zürich von Knapkiewicz + Fickert mit Ryffel + Ryffel Landschaftsarchitektur

Roland Züger, Seraina Wirz (Bilder)

Müsste sich das neue Quartier in Zürich von Knapkiewicz + Fickert zwischen Siedlung und Stadt entscheiden, so wählte es wohl letztere. Denn die Architektinnen und Architekten bauten einen wirklich urbanen Strassenraum und formten ein Tor zum See. Und dennoch findet sich auch viel Siedlungs-Typisches am Übergang vom Seefeld zum Park am See: weite Ausblicke, Grün, Räume für die Gemeinschaft und dazu starke Farben.

Die Silhouette des Ensembles leuchtet als bunter Hintergrund in die Seeanlagen. Farbliche Anleihen an den Chinagarten sind reiner Zufall.
Bild: Seraina Wirz

Wohnen im Garten

Jardins de la Gradelle in Genf von Lin Robbe Seiler mit Studio Vulkan

Valérie Hoffmeyer, Daniela Valentini, Rolf Seiler (Bilder)

Im grünen Aussenquartier von Genf leisten Lin Robbe Seiler Präzisionsarbeit. Die drei Baukörper der Siedlung La Gradelle sind so austariert, dass sie mit dem engen und weiten Kontext ringsum reden und zugleich einen Raum aufspannen, der es in sich hat. An der Organisation dieses offenen Zentrums zeigt sich, was das Denken in urbanen Kategorien bei den Vorzügen von «Luft und Sonne» möglich macht. Originaltext Französisch

Mähwiesen mit neu gepflanzten Bäumen erstrecken
sich zwischen den Häusern und dem begrenzenden, historischen Heckensaum.
Die Bewohner selbst begrünen die Balkone. 
Bild: Daniela Valentini

Eine Frage der Öffentlichkeit

Sind Siedlungen Teil der Stadt? Inwieweit schaffen sie Öffentlichkeit oder werden sie zu Inseln? Zwei unterschiedliche Sichtweisen auf die Siedlung und  ihren Freiraum kreisen um einen nicht ganz einfach zu definierenden Begriff. 

Sibylle Aubort Raderschall und Eberhard Tröger im Gespräch mit Tibor Joanelly und Jenny Keller

Es ist nicht einfach mit dem Verhältnis von Siedlung und Stadt – denn bereits bei einer möglichen Abgrenzung scheiden sich die Geister. Im Gespräch zwischen Landschaftsarchitektin und Urbanitätsforscher wird deutlich, dass nicht nur Öffentlichkeit verschieden verstanden werden kann, sondern auch die Bedeutung der Infrastrukturen und Grenzen, die Stadt ausmachen.

Advertorial

Urbaner Komfort und alpiner Charme Hand in Hand

Arula Chalets in Oberlech am Arlberg

Für die beiden Ferienchalets in Oberlech am Arlberg kamen vorwiegend Naturbaustoffe zum Einsatz: Steine, (Alt-)Holz und textile Elemente machen rund 90% der Materialien aus. Dadurch fügen sie sich nicht nur stilistisch in die Architektur des Ortes ein sondern erfüllen auch die strengen Baurichtlinien der Gemeinde.

Diversität macht Stadt

Stadtsiedlung Reitmen Schlieren, Haerle Hubacher, Steib Gmür Geschwentner Kyburz und Raderschall Partner

Daniel Kurz, Seraina Wirz (Bilder)

Die Stadtsiedlung Reitmen in Schlieren gibt sich städtisch. Kein Vorgarten packt das Wohnen in Watte, vielmehr rücken die Häuser bis hart an die Strasse vor. Diversität als Merkmal des Städtischen wird gross geschrieben: Sechs Häuser in sechs Farben samt unterschiedlicher Typologien und Nutzungen haben Haerle Hubacher mit Steib Gmür Geschwentner Kyburz und Raderschall Partner entworfen.

Zwei Stadtebenen und kontrastreiche Aussenräume
charakterisieren die Stadtsiedlung Reitmen.
Bild: Seraina Wirz

Enge Gassen – weite Blicke

Ensemble Winterberg in Altdorf von Tschuppert und Geissbühler Venschott

Dominique Knüsel, Andrea Kuhn (Bilder)

Hofmauern prägen das Bild von Altdorfs Zentrum; einst beschirmten sie die Häuser der Urner Kriegsherren in fremden Diensten, und für eine Stadterweiterung waren sie jüngst Referenz. Tschuppert Architekten und Geissbühler Venschott planten und bauten ein Ensemble, das städtischer nicht sein könnte: Allem voran verliehen sie dem urbanen Raum Form, legten Gassen und Plätze an – ein neues System von Freiräumen, das nun nahtlos an die bestehende Morphologie von Altdorf anschliesst.

Im Massstab des historischen Herrenhauses bilden fünf Neubauten ein neues Wohngeviert.
Bild: Andrea Kuhn
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werk-notiz

Ende 2021 ist Daniel Kurz als Chefredaktor dieser Zeitschrift zurückgetreten. Caspar Schärer, Generalsekretär des BSA und ehemaliger Kollege, würdigt die Arbeit des Architekturvermittlers und auf werk-material.online gibt es eine neue Funktion für die Kostengliederung nach Bauteilen.

Debatte

Tiere und Pflanzen formten schon immer unsere Städte. Folgt man Philipp Nogers Plädoyer für Biodiversität, so sind Flüchtigkeit und Veränderlichkeit die Gebote einer lebensfähigen Stadt (oder des Dorfs) in Zeiten des Klimawandels.

Wettbewerb

Eine Kirche abbrechen und als Teil eines Wohnensembles neu bauen, sodass beides voneinander profitiert und die sakrale Nutzung auch einen entsprechenden Auftritt hat? Dies war die Wettbewerbsaufgabe in Zürich-Schwamendingen. Barbara Wiskemann berichtet.

Ausstellungen

In einer Zeit wachsender Spannungen zwischen den USA und China zeigt das MoMA in New York eine Ausstellung über das östliche Reich in einem freundlich-innovativen Licht. Sarah Pines hat die Ausstellung für uns besucht.

Bücher

Für alle, die ihre Büchergutscheine vom Weihnachtsfest in Lesenswertes ummünzen wollen, stellen wir vier Neuerscheinungen vor: Das anthos-Jahrbuch für Landschaftsarchitektur, einen Band über Lucius Burckhardt als Werk-Redaktor, ein neues Buch über den Palazzo Rucellai und die Neuauflage der Zürcher Städtebaugeschichte Die Disziplinierung der Stadt von Daniel Kurz.

Nachruf

Beno Aeschlimann, 1968–2021

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Junge Architektur Schweiz

Stefanie Girsberger

Eine Werkstatt im Goms, gleich neben einem Strickbau von Gion A. Caminada: Die junge Architektin knüpft eigenständig an das Vorbild an.

Bilder: Lukas Murer, Detailzeichnung: ETH BUK Doz. Mettler / Studer

Die Kunst des Seiltanzes

Zu Besuch bei Annemarie Hubacher-Constam, Chefarchitektin der Saffa 1958

Eliana Perotti

Eine Archiv-Homestory über Annemarie Hubacher-Constam, die Chefarchitektin der Saffa 1958, erzählt von der Architektin zwischen Beruf und Familie und modifizierten Rollenbildern um Aufsichtspflicht und Verantwortlichkeit.

Sonntägliche Teestunde bei der Architektenfamilie
Hubacher – Annemarie führt auch beim Familienritual Regie.
Zeitschriftenausschnitt: Archiv Familie Hubacher

Sichtbetonwunderhöhle

Dokumentationszentrum in Berlin von Marte Marte

Florian Heilmeyer, Roland Horn (Bilder)

Das ehemalige Deutschlandhaus in Berlin wurde von Marte Marte zu einem Dokumentationszentrum für Flucht, Vertreibung und Versöhnung umgebaut: ein Akt der Befreiung.

Das jüngste Kapitel der wechselvollen Geschichte
des Baus von Bielenberg & Moser (1926 – 31)
schreibt nun das Dokumentationszentrum: im Altbau
mit Verwaltung und Bibliothek, im Hof-Annex
mit der Ausstellung.
Bild: Roland Horn

werk-material 01.10 / 784

Spuren der bäuerlichen Welt

François Esquivié, Olivier Di Giambattista (Bilder)

Jugendwohnheim Astural in Anières GE, Lacroix Chessex Architectes Originaltext Französisch

Un large couvert au Sud abrite les activités extérieures, directement en lien avec les champs 
photo: Joël Tettamanti

werk-material 01.10 / 785

Opulenz in der Kargheit

Daniel Kurz, Joël Tettamanti (Bilder)

Wohnheim in Bercher VD, Rapin Saiz

La fassade principale donne sur la route d’accés.
Bild: Joël Tettamanti

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