12.06.2020

Denkmalschutz unter Druck

Saubere Seen und Flüsse, intakte Dorfkerne und sorgfältig renovierte Zeitzeugen, Wandern in freier Landschaft, Joggingrouten gleich um die Ecke: Das alles sind öffentliche Güter, die wir für selbstverständlich halten. Dieser Glaube ist gefährlich, denn sie sind es nicht: Nur weitblickendes staatliches Handeln kann sie sicherstellen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es die rasche Veränderung von Landschaft und Siedlung, die den Natur- und Heimatschutz ins Leben rief: Gegen die Zerstörung wertvoller Bauten und Landschaften formierten sich damals neue Bewegungen. Ihre Anliegen sind längst Gesetz, und doch verändern sich Landschaft und Siedlung heute noch viel schneller als damals, es wird mehr bauliches Erbe abgebrochen und mehr Freiraum überbaut – einfach weil die viel grösseren finanziellen und technischen Mittel es erlauben. Und weil es rentiert.

Nun rühren bürgerliche Politikerinnen allenthalben die Trommeln, um auch die bestehenden Gesetze zu schwächen. Im Kanton Zug ist dies im November 2019 gelungen – mit grossem Ja-Anteil in der Volksabstimmung. Jetzt liegt auch im Kanton Zürich eine Motion aus allen bürgerlichen Parteien (SVP, FDP, CVP, EVP) vor, die «ein zukunftsgerichtetes Denkmalschutzgesetz» fordert und gleich konkrete Vorschläge macht.

Die Motionärinnen und Motionäre verlangen höhere Hürden für Unterschutzstellung und Inventaraufnahme; sie sollen nicht ohne Rücksprache mit der Eigentümerschaft möglich sein. Umbauten und Erweiterungen «nach den Bedürfnissen des heutigen Lebens» wollen sie in jedem Fall ermöglichen. In ihrer Begründung schreiben sie sogar, dass der Denkmalschutz die innere Verdichtung nicht erschweren dürfe und dass Alters- und Behindertengerechtigkeit, Energieeffizienz usw. dem Schutzgedanken gleichgestellt sein sollten. Pro Gemeinde solle pro Objektkategorie nicht mehr als ein Gebäude, quasi als Muster, unter Schutz gestellt werden. Und schliesslich werden kostendeckende öffentliche Beiträge gefordert für Besitzer, die Baudenkmäler im öffentlichen Interesse erhalten und pflegen.

Chrut und Rüebli, denkt man, und hegt den Verdacht, dass es den bürgerlichen Motionären weniger um Innenentwicklung oder Behindertengerechtigkeit geht als um die Freiheit des Geldverdienens. Doch Martin Killias, Präsident des Schweizer und auch des Zürcher Heimatschutzes, differenziert: «Gegen eine Modernisierung des bald 60jährigen Gesetzes ist nichts einzuwenden», sagt er, «dies darf aber nicht zu einer Schwächung des Denkmalschutzes führen». Er hat deshalb mit den Unterzeichnern der Motion das Gespräch gesucht, bisher allerdings ohne konkretes Ergebnis. Vor allem die Forderung nach öffentlichen Beiträgen leuchtet ihm ein: «Entschädigungen und der Kauf ganzer Liegenschaften standen am Anfang der Heimatschutzarbeit», sagt er. «Wer im Interesse der Öffentlichkeit ein Denkmal pflegt, darf Beiträge oder steuerliche Entlastung erwarten.» Zugleich warnt er vor einer undifferenzierten Freigabe der Schutzobjekte: «Die Altstadt von Lenzburg umfasst 70 Häuser. Mehr als die Hälfte davon ist innert einer Generation komplett ausgehöhlt oder neu gebaut worden; fünfhundertjährige Bausubstanz wanderte in die Mulde. Genau solche Entwicklungen gilt es zu verhindern, damit auch künftige Generationen noch erleben können, was ein historisches Gebäude ausmacht.» Für diesen Grundsatz wird er in den kommenden Monaten zu kämpfen haben.

Die Zürcher Motion ist ernst zu nehmen: Im Kanton Zug ist ein ähnlich geartetes Gesetz mit 65 % Ja-Stimmen angenommen worden, und in vielen anderen Kantonen sind ähnliche Vorstösse unterwegs. Es wird viel Engagement erfordern, um sie zu stoppen, ganz besonders von Seiten der Architekten und Planerinnen. Ist die Schweizer Bevölkerung verwöhnt? Hat sie vergessen, dass intakte Landschaft und gebaute Geschichte keine selbstverständlichen Güter sind? Ihr Schutz ist eine öffentliche Aufgabe. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen.

— Daniel Kurz
Ist hier Raum für (aktuell geplante) Ersatzneubauten? Der intakte Weiler Katzenrüti bei Zürich, Teil einer geschützten Landschaft von nationaler Bedeutung.
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