09.08.2017

Fluchtpunkt Zürich: Wie Migranten die Stadt sehen

Wie erlebt ein Asylbewerber die Stadt Zürich, und wie nimmt sie ihn auf? In weitgehender räumlicher und sozialer Isolation: Das zeigt die Führung «Zürich mit den Augen eines Flüchtlings». Bereits zum fünften Mal lud vergangene Woche der Verein Architecture for Refugees Schweiz zu dem Spaziergang, der ursprünglich als einmalige Begleitveranstaltung zur Ausstellung «Shelter is not Enough – Lebensräume für Flüchtlinge in der Schweiz» im Heimatschutzzentrum in der Villa Patumbah (bis 1. Oktober) geplant war.
Diesmal führte er vom Lindenhof zuerst zur Pestalozzi-Bibliothek im Niederdorf, die Heimat- und Besitzlosen nicht nur dringend benötigtes Bildungsmaterial bietet, sondern für einige auch ein familiärer Ersatzwohnraum ist. Von dort ging es weiter entlang dem Dreieck Coop Bahnhofbrücke, Hauptbahnhof, Platzspitz-Park, wo sich ein wesentlicher Teil des öffentlichen Lebens vieler Flüchtlinge abspielt. Aus simplen Gründen: Hier ist der Verkehrsknotenpunkt für die übers ganze Land verstreuten Migranten, es gibt gratis Wasser, Toiletten und Internet-Zugang sowie eine Einkaufsmöglichkeit. Und es gibt öffentlichen Raum, in dem der Aufenthalt von Menschen jeder Herkunft selbstverständlich scheint. Flüchtlinge erzählen allerdings, dass ihnen auch an diesen Orten durch sehr häufige Polizeikontrollen zu verstehen gegeben werde, sie seien fehl am Platz.
Das gilt nicht für die nächste Station, die Autonome Schule Zürich am Sihlquai, eine politisch motivierte Institution, die dank Freiwilligen Sprach- und andere Kurse für Flüchtlinge anbietet. Zuletzt führte der Spaziergang per Tram zum Containerdorf in Zürich-West, wo neben den Arbeitsplätzen von Künstlern und Sexarbeiterinnen rund 140 Asylbewerberinnen und -bewerber in 10er-WGs leben. Dort ist das grösste Problem für Flüchtlinge in der Stadt unübersehbar: fehlende soziale Beziehungen. So gut wie ausgeschlossen vom hiesigen Arbeits- und Wohnungsmarkt bleibt ihnen nur untätiges Warten auf den Asylbescheid – oder die Herausforderung, auf eigene Faust nach offenen Türen zu suchen, die Kontakte, Austausch und Integration ermöglichen. Hierfür Räume und Infrastruktur zu schaffen, ist auch eine Aufgabe von Architekten und Planern. Weitere Stadtspaziergänge kündigt Architecture for Refugees über seine Facebook-Seite an. Am 16. August (19 Uhr, Pavillon im Platzspitz-Park beim Landesmuseum) veranstaltet der Verein zudem einen kostenlosen Workshop zum Thema «öffentliche Räume und ihre Bedeutung für die Integration», der sich in erster Linie an ein interessiertes Fachpublikum richtet.

— Benjamin Muschg
© Benjamin Muschg
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