08.09.2015

Idealstadt

Bei aller Täuschung sagt Werbung immer etwas aus über die wahre Welt, heisst es. Wenn dem so wäre – und die Vermutung liegt in diesem Fall nahe –, wissen wir jetzt genau, wie die Idealstadt der Schweizer aussieht. Der Werbespot eines grossen Bierkonzerns endet mit dem Bild eines Strassenzugs, in dessen Flucht erhöht auf einem Hügel ein Industrie-Schloss steht. Dort haben drei junge Bierbrauer (mit Hipster-Bart, Hosenträgern, Schiebermütze und Skateboard) eben gerade aus ganz natürlichen, frisch geernteten Zutaten in grossen Kupferkesseln ein herrliches Bier gebraut. Mit dem Gabelstapler (ganz improvisiert!) bringen sie es runter in die Stadt zu den Leuten in eben jener Strasse.

Natürlich ist die räumliche Konstellation mit der Strasse und der Brauerei eine filmische Montage. Sie ist allerdings zusammengesetzt aus realen Komponenten: Der Strassenzug gehört zur Siedlung Eigenheim im Zürcher Seefeld, Baujahr 1891/92. Zweigeschossige Häuser mit steilen Giebeldächern und Lukarnen flankieren die verkehrsberuhigte Strasse; die Menschen sitzen gemütlich an langen Bänken und feiern ausgiebig, aber nicht ausgelassen. Die Häuser sind anständig, immer zwei zusammengebaut, als Ensemble geplant und doch individuell angemalt. Hier ist sie also, die Geborgenheit. Willkommen im Neo-Biedermeier.

— Caspar Schärer
© Markenfilm
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