04.10.2017

Learning from Güllen

Die Geschichte von Friedrich Dürrenmatts Besuch der alten Dame kennt wohl jeder, auch ihren dramatischen Ausgang: Nachdem die Güllener der Milliardärin Claire Zachanassian mit dem gemeinsam begangenen Sühnemord an Alfred Ill den Tribut entrichtet haben, geht es aufwärts mit der Stadt. Der D-Zug hält wieder in Güllen. Leider zeigt sich das wirkliche Leben nicht immer so barmherzig wie der Dramatiker Dürrenmatt; manchmal passiert nach dem Sündenfall – einfach nichts.
Eine Stadt am Rheinknie sah sich unlängst gezwungen, für eines ihrer wirtschaftlichen Standbeine städtebauliche Tabus schnöde zu brechen. Die «alte Dame» hatte angedeutet, sie könnte ihren Sitz ins Ausland verlegen, sollte sie nicht mehr Platz im Stadtzentrum erhalten. Die Bürger der Stadt verstanden das Signal und taten alles, damit sie bleibt. Und es fanden sich auch berühmte Architekten, die aus dem Sachzwang Ideen formulierten, mit denen die Stadt ins neue Jahrhundert überführt wird.
Nun mehren sich allerdings die Anzeichen, dass die «alte Dame» ihr Interesse am Standort verlieren und erwägen könnte, dorthin zu gehen, wo die Geschäfte besser laufen (nach China zum Beispiel).
Sollte sich dieses Szenario bewahrheiten, so hat die Stadt am Rheinknie allen Grund, sich als die Geprellte vorzukommen. Obwohl sie wie die Güllener ein grosses und schändliches Opfer dargebracht hat, werden allem Anschein nach bald keine «D-Züge» mehr halten. Was wäre also das Gegenmittel? Eines hat sich noch immer bewährt: Mehr vom Selben, wachsen, grösser werden. Und hier stehen die Architekten in den Startlöchern, neue Schuhe tragen sie allemal, wie Güllens Polizist.
Ein anderes: kreativer werden, wie ein Kommentator fordert. Noch ein weiteres: Rückbauen, Entziehungskur! In der an die Welt angeschlossenen Provinzialität den Grund erkennen für die eigene Attraktivität. Denn wer weiss schon, warum die D-Züge an einem Ort halten und warum nicht …

— Tibor Joanelly

Zwei sehr schöne Architekturkritiken zum hier angedeuteten Stadtumbau, geschrieben von Chefredaktor Daniel Kurz, finden sich in unseren Ausgaben Wien (7/8–2013, Seite 68) und Basel (9–2016, Seite 25).

© Daniel Kurz
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