04.03.2020

Retail-Realitäten

Ladensterben gewinnt dann eine Form, wenn es sich nicht mehr abwenden lässt. Dazu gehört, dass Schaufenster dicht gemacht werden. Möglichst unmissverständlich soll der Öffentlichkeit mitgeteilt werden, dass nichts mehr läuft: Im Abkleben von Schaufenstern kulminieren Prozesse, die exemplarisch aufzeigen, wie Wirtschaftssysteme funktionieren.

Auf genau jenen Moment des Verschwindens setzt die Ausstellung Retail Apocalypse, die von Fredi Fischli und Niels Olsen in Kooperation mit Mark Lee für das gta-Institut an der ETH Zürich aufgegleist wurde. Mit einer kleinen zeitlichen Rückung wird sie in Zürich und der Loeb Library auf dem Campus der Harvard Graduate School of Art and Design gezeigt.

Wer jetzt auf dem Areal der ETH Hönggerberg unterwegs ist, kann den Eindruck gewinnen, dass «gta Ausstellungen» auf unbestimmte Zeit geschlossen ist. Alle Fenster des Ausstellungsraums sind verklebt. Das Konzept und die Umsetzung gehen auf das Kollektiv GR10K zurück, das in Zürich auch die Schaufenster des Tasoni Retail Store in der Petersgasse in Zürich im Auftrag «deprogrammiert» hat. Die Tatsache, dass die Arbeit des Kollektivs an zwei Orten vor zwei verschiedenen inhaltlichen Kontexten anzutreffen ist, wirkt provokant und bewusst ambivalent zugleich: Eigentlich zeigt sie mit entwaffnender Klarheit, dass Architektinnen und Künstler spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und insbesondere mit der beginnenden Moderne in sich widersprechenden Feldern aktiv waren. Neben der Formulierung visionärer Ideen am Puls der Zeit ging es immer auch um konkrete Umsetzungsmöglichkeiten.

Ein Beispiel: Zwischen 1927 und 1928 entwickelte der Architekt und Künstler Friedrich Kiesler (1890–1965) für das Warenhaus Saks Fifth Avenue eine Reihe Schaufenstergestaltungen, bei denen er Techniken der Fragmentierung, Montage und Collage einsetzte. Durch Entfernung der Zwischenwände schuf er eine durchgehende, grossräumige Bühne, die er dafür nutzte, Defilees aus Materialassemblagen und Kleidungsstücken zu inszenieren. Kurz darauf begann er damit, seine Erfahrungen in einer Publikation zusammenzufassen, die 1930 unter dem Titel Contemporary Art Applied to the Store and its Display erstmals erschien. Darin hält Kiesler fest: «Es war in Wirklichkeit das Kaufhaus, das die Moderne der breiten Öffentlichkeit näherbrachte und den amerikanischen Handel die zeitgenössische Kunst entdecken liess. […] Über die Innendekoration kam die moderne Kunst schliesslich in die Häuser der Menschen und wurde zu einem dauerhaften Bestandteil der neuen Lebensauffassung. Das Kaufhaus diente für die Bevölkerung als Vermittler eines neuen Geistes in der Kunst.»

Die Begeisterung für das Medium Schaufenster und das Interesse an Experimenten, Kunst zu zeigen und zu vermitteln, dauerten an. 1942 nahm Kiesler den Auftrag Peggy Guggenheims an, zwei ehemalige Schneiderwerkstätten zu Galerieräumlichkeiten umzugestalten. Der Auftrag ermöglichte es ihm, Erkenntnisse aus seinem Laboratory for Design Correlation zu erproben. Doch die Ökonomisierung der Kunst erschien ihm ab Ende der 1950er-Jahre zunehmend problematisch. Er hatte Vorbehalte, eine Kunstgalerie zum Kaufhaus zu machen.

Über solche Ironie lässt die Ausstellung historische und aktuelle Architektur auf Positionen aus der Kunst treffen, etwa von Barbara Kruger, Martha Rosler und Lynn Herrshman Leesson. Mit präzise gesetzten Statements, Farbfotos und Textpassagen zu «Greenpoint», einer der ältesten Neighborhoods in Brooklyn zeigen etwa Kruger und Rosler, wie Retail als globales Business die Existenz des Menschen auf Konsum reduziert. Aus ihren Arbeiten geht auch hervor, wie Bedürfnisse nach Anerkennung und Luxus maximales Gewinnstreben in den Produktionsabläufen bedienen und gesamte innerstädtische Quartiere durch Mietpreise so verändern, dass sie an Vielfalt verlieren – genau jene Vielfalt, die sie als Elemente von Grossstadt so attraktiv gemacht hat. Leeson nutzte 1976, und damit rund vierzig Jahre nach Kiesler, 25 Schaufenster des Warenhauses Bonwit Teller in New York für Multimedia-Kunstinstallationen, bei denen die Welt der Technologie und die Welt der Strasse in ein Verhältnis gesetzt wurden, das beide verändert. Die Situation, bei der das Mannequin mit dem Namen Bonnie ihre Finger durch einen Schlitz im Fenster nach «draussen» streckt, bringt den technologie- und videogeschulten Blick auf den Punkt.

Solche Fallstudien in die Nähe der Ausbildungsstätten junger Architektinnen zu bringen, appelliert an die Eigenverantwortung in einer Zeit, in der sich Analoges und Digitales durchdringen, und in der Referenzen zur Welt der Mode von Maison Martin Margiela über comme des garçons bis zu Balenciaga sehr gut ins Portfolio karriereorientierter junger Architektinnen und Architekten mit globalem Anspruch passen.

Dass die zugeklebten Schaufenster einen realen wirtschaftlichen Hintergrund haben, der ebenfalls mit unseren Gewohnheiten zu tun hat, zeigen sorgfältige Recherchen zur Entwicklung der grossen Warenhäuser in Zürich und den Logistikzentren in der Agglomeration. Sie wurden für die Ausstellung als Beitrag mit Dokumenten aus dem gta-Archiv sorgfältig in Verbindung gebracht – etwa zur jüngst erfolgten Schliessung des Kaufhauses Manor. Hier hat die Suche nach tragfähigen Lösungen immer eine politische Dimension: Architekten, Städteplanerinnen und Bewohner sind aufgefordert, sich selbst nicht mit den technologiegesteuerten Visionen von Smart Cities zufriedenzugeben, sondern abzuwägen und diskutieren, wie weit sie der sozialen Ungleichheit mit allen Folgeerscheinungen (weiter) zuarbeiten wollen.

Ob es allerdings eine Lösung ist, verlassene Einkaufszentren zu kollektiven Wohnkomplexen umzubauen, wie dies Niklas Maak vorschlägt, bleibt offen. Sicher wünschenswert wäre eine Studie in der Grössenordnung der Shrinking Cities, die das Wissen um Retail-Realitäten zusammenführt und zu einem Projekt macht, an dem Menschen mitschaffen wollen – weil der Umgang mit dem Konsum Menschen einzeln und im Kollektiv betrifft. Eine Vorarbeit dazu ist der 2001 erschienene Harvard Guide to Shopping. Er war für die Kuratoren massgeblich, um die Recherche zum Thema «Retail» zu beginnen. Mit der darin von Rem Koolhaas/OMA formulierten Beobachtung: «Shopping is arguably the last remaining form of public activity» war die Studie ihrer Zeit weit voraus – und ist nun historisch. Es dürfte interessant sein zu sehen, welche Prophezeiungen sich im Zusammenhang mit Rem Koolhaas’ aktuellem, global aufgegleisten Rechercheprojekt The Countryside nicht erfüllen werden. Immerhin lässt die Ausstellung in der Rotunde des Guggeheim in New York die breite Öffentlichkeit an den Ergebnissen teilhaben – bis zum Sommer bietet sie einen für diese Themen bisher nicht erschlossenen öffentlichen Raum, der den Shopping Malls langsam abhanden kommt.

— Stefanie Manthey

Ausstellung:
Retail Apocalypse
Kuratiert von Fredi Fischli und Niels Olsen (ETH Zürich) in Kooperation mit Mark Lee (Harvard University Graduate School of Design)
ETH Hönggerberg, gta ausstellungen
bis 15. Mai 2020

© Lynn Hershman, Bridget Donahue, New York
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