09.03.2016

Verhinderter Tessiner Wettbewerb

Im Tessin hat die dortige Konferenz der Ingenieurs- und Architektenverbände CAT Einspruch gegen eines der aktuell grössten öffentlichen Bauvorhaben erhoben. Grund für die Auseinandersetzung ist der anstehende Neubau für Intensivmedizin im Ospedale Civico Lugano, für den der kantonale Spitalverband (EOC) Anfang März die Baubewilligung eingereicht hat. Die Projektierung des 80-Millionen-Vorhabens erfolgte unter Konsultation von spezialisierten Spitalplanern durch die interne Bauabteilung und unter Umgehung eines Architekturwettbewerbs. Das unübliche Vorgehen begründet der Direktor des EOC, Giorgio Pellanda, im Corriere del Ticino mit dem «erhöhten technischen Grad» der Aufgabe und, man staune: damit, dass die Planungsarbeit später direkt im Tessin ausgeschrieben werden könne – unter Ausschluss des «Risikos, dass ein Schweizer oder italienisches Projekt den Wettbewerb gewonnen hätte». Mit anderen Worten: Die Tessiner Kollegen, die ohnehin unter der Konkurrenz billiger Arbeit aus dem Nachbarland zu leiden haben, werden seitens des Kantons mit dem Argument der wirtschaftlichen Förderung ausgebootet.
Die Situation zeigt mehrere Missstände: Zum einen werden im für die herausragende Architektur der Tendenza weltbekannten Tessin offenbar Architekten für Aufgaben «mit hohem technischem Grad» als nicht genug kompetent erachtet – eine Sicht, die nicht zuletzt die wirtschaftlichen Grundlagen der Profession angreift und dazu führt, dass technisches Wissen tatsächlich verloren geht. Hier steht die öffentliche Hand in der Pflicht. Zum anderen zeigt sich, wie sehr abhängig Architektur von gesellschaftlichen Prozessen und von Politik ist. Will man im Tessin italienische Verhältnisse vermeiden – dort gilt der Architekt als Synonym für einen ausgefuchsten Profiteur –, so müssen sich Architekten in den politischen Prozess einschalten, das ist jetzt geschehen. Es bedeutet aber auch, dass das Selbstverständnis der Tessiner Architektur einer kritischen Revision unterzogen werden muss: Die für ihre disziplinäre Autonomie einst gerühmten Tessiner Tendenzen sind längst in der nicht ganz so vornehmen gesellschaftlichen Realität angekommen.

— Tibor Joanelly
© Rendering EOC
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