26.01.2018

Vollkaskomentalität – eine Zuschrift

werk, bauen + wohnen hat zusammen mit der CRB an der Swissbau ein Gespräch über Normen und Standards geführt, das mich beschäftigt. Mit grossem Interesse habe ich Teile der Diskussion verfolgt, besonders berührt hat mich das Input-Referat von Astrid Staufer, in dem sie anschaulich aufzeigte, wie eine zunehmende Normendichte die Architektur verändert und bisweilen gar gleichschaltet. Sicherlich sind in den letzten 20 Jahren ein paar neue Normen hinzugekommen, viel wesentlicher scheint mir aber, dass sich unser Umgang damit – vor allem in Sicherheitsfragen – drastisch verändert hat. Das Foto der Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels am fünften September 1980 ist der beste Beweis dafür: die Leute stehen ohne Abschrankung über dem Tunnelportal. Wäre damals jemand heruntergefallen, hätte man wohl gesagt, der Betroffene sei selber schuld. Heute müsste nach einem solchen Unfall mindestens ein Regierungsrat zurücktreten, weil die Sicherheit nicht gewährleistet oder der Zutritt zur Gefahrenzone nicht unterbunden war.
Ich glaube sehr, dass ein amerikanisches Rechtsverständnis und die Angst vor entsprechenden Klagen zu einem Umdenken geführt haben. Ich kann mich gut erinnern, wie man sich noch vor gar nicht langer Zeit unter Architekten mit dem Hinweis beschwichtigte oder zu unkonventionellen Lösungen ermutigte, dass die SIA-Normen ja nur empfehlenden Charakter hätten. Als anerkannte Regeln der Baukunst sind sie aber (heute) für alle am Bau Beteiligten verbindlich, weil sie im Ereignisfall den Experten, Versicherungsgesellschaften und Gerichten als Grundlage für ihr Urteil dienen.
Was ebenfalls zum Eindruck der höheren Normendichte beitragen dürfte, ist, dass etliche Ämter in den Bauentscheiden vermehrt pauschal oder vorsorglich auf alle erdenklichen Normen, Merkblätter und Gesetze verweisen, statt aufs konkrete Projekt einzugehen (will die Verwaltung damit Zeit oder Kosten sparen, oder geht es ihr darum, die Verantwortung von sich zu weisen?). Konnte man früher, so mein Eindruck, davon ausgehen, dass die jeweilige Amtsstelle auf alles Relevante hinweist, muss man heute als Architekt die entsprechenden Schriften selbst konsultieren – und staunt, was da alles und schon seit Jahren drinsteht. Manchmal nimmt man sie aber auch zur Hand, wenn ein Amt absurd erscheinende, kostspielige Auflagen macht oder solche im Rahmen von Vorabklärungen in Aussicht stellt. Dann will man (ich) wissen, wo und wie das formuliert ist.
Bezüglich der Einflussnahme von uns Architekten auf Normen bin ich pessimistisch, wenn es um Leib und Leben geht (hier sind wir als ganze Gesellschaft gefragt). Hingegen können und müssen wir unseren technischen Normen Sorge tragen und weiterhin dafür einstehen, dass sie primär beschreiben,
was zu erfüllen ist, nicht aber wie. Wir hatten vor zehn Jahren einmal in Deutschland gebaut. Die DIN-Normen sind derart präzise – um nicht zu sagen rezeptartig – abgefasst, dass man sich sehr schnell ausserhalb der Norm bewegt, was eine Zustimmung im Einzelfall erfordert, welche die Bauaufsichtsbehörde nur auf Basis eines vom Bauherrn zu beauftragenden Prüfberichtes eines Experten oder Labors erteilen kann. Auch hinkt eine derart genau formulierte Norm permanent der technischen Entwicklung hinterher. Ich hatte damals den Eindruck, dass wir Architekten in der Schweiz paradiesische Verhältnisse haben. Ich habe diesen Eindruck noch heute, sehe das Paradies aber angesichts einer auch bei uns immer stärker werdenden Vollkaskomentalität bedroht.

— Alois Diethelm
© 2014 Keystone
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