20.11.2020

Von Mausverpackungen und anderen Tieren

Unsere Wahrnehmung ist nie rein. Alles, was wir sehen, hören und riechen setzen wir in Beziehung zu Dingen, die wir kennen, zu unserer Erfahrung. Marcel Prousts Madeleine-Duft muss in der Kunst- und Kulturgeschichte immer wieder dafür herhalten. Für die Schau XXX die III. – correspondances in der Galerie Mark Müller in Zürich liefert ein anderer französischer Schriftsteller die Denkbilder: Charles Baudelaires Gedicht Correspondances ist zusammen mit den Bildern von Fabian Treiber im Raum daneben Ausgangslage für die kleine Designausstellung mit unterschiedlichen Positionen. Diese korrespondieren einmal mehr und einmal weniger miteinander: Es liegt im Auge des Betrachters.

Baudelaire sehnt sich nach der Vergangenheit, der «reinen» Natur vor der Industrialisierung, und die Designer – darunter Frédéric Dedelley und Jörg Boner, die zusammen mit Susanna Koeberle die Ausstellung kuratierten – sehnen sich nach dem guten alten Handwerk, das sie in freien Arbeiten für sich wiederentdecken. Boners Leiter aus alten Lärchenästen, im Tessin gefunden und von Hand bearbeitet, lehnt an der einen Wand, die Spuren von Schädlingen, indigoblau eingefärbt, erzählen eine Geschichte von fremden Schriftzeichen. Aber auch Architekten sind Designer: Augenfällig und zum Farbkanon der Bilder im grossen Raum passend, wirken die on demand bestellbaren Leuchten von Oliver Lütjens und Thomas Padmanabhan wie drei befreundete Tierchen, die vom Waldmeisterweg in den Kreis 5 gestakst sind. Keramikarbeiten von Cornelia Trösch und Nora Wagner, einmal manuell, einmal mit dem 3D-Drucker hergestellt sind jenseits eines konkreten Nutzens, so auch die Fragmente aus Bronze mit Namen Vestiges du Jour (Überreste des Tages), die Frédéric Dedellay aus Verpackungs- und Schutzmaterial nachgegossen hat. Die Miniatur einer kultischen Maske, die beim Fenster an der Wand hängt, ist in Wirklichkeit die Verpackung einer Maus. Nacktschnecken in Silber nachgegossen und farblich entmaterialisiert und ein Armreif, der dem Kartongebastel eines Kindergartenkinds nahekommt, zeugen von der Handwerkskunst des Schmuckkünstlers David Bielander, der mit der tradierten stereotypen Statussymbolik von Schmuck aufräumt, seine Kreationen sind der Umkehrschluss, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Weniger objekthaft und deshalb vielleicht weniger (an)sprechend sind die fotografischen Arbeiten, respektive Skizzen von Katalin Deér und Cécile Hummel, die auch mit einem Gemeinschaftsprojekt ausgestellt sind.

— Jenny Keller

Ausstellung
XXX die III. – correspondances
bis 19. Dezember 2020
Galerie Mark Müller
Hafnerstrasse 44, 8005 Zürich
Mi–Fr 12 – 18 Uhr
Sa 11–16 Uhr
Informationen

© Conradin Frei
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Blick in die Ausstellung