26.11.2019

Wer hat Angst vor ...?

Baukultur? digital? Dass diese Wörter nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen, bewies am Freitag eine überaus anregende, gemeinsame Tagung des BSA und der CRB im NEST an der EMPA Dübendorf. Frei von Propaganda, Ideologie und Vorurteilen diskutierten Architektinnen und Architekten über die Rolle des Digitalen in ihrer Entwurfsarbeit. Über parametrische Methoden ebenso wie über die Anwendung von BIM im Büroalltag.

Der junge belgische Architekt Gilles Retsin problematisierte die – für ihn unumgängliche – Digitalisierung der Architektur aufgrund der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Zeichen der Globalisierung. Jason Frantzen von Herzog & de Meuron zeigte auf, wie digitale Methoden im internationalen Büro einerseits für Forschung und Entwurf eingesetzt werden, anderseits – Stichwort BIM – die Realisierungsarbeit prägen. Matthias Kohler berichtete aus der Forschungsarbeit an der ETH Zürich, wo sein Lehrstuhl Architecture and Digital Fabrication parametrische Methoden und Robotik für Entwurf und Fertigung entwickelt. Kohler zielt dabei auf «eine Entwurfskultur, die digitale und materielle Prozesse zusammenführt» und dem Gebauten eine neue Sinnlichkeit verleiht, indem etwa eine Holzdecke oder Backsteinmauer textile Qualitäten annimmt. Dank einem der weltgrössten nationalen Forschungsprogramme ist die Schweiz heute führend in diesem Sektor – freilich sind unter den MAS-Studierenden an Kohlers Lehrstuhl praktisch keine Schweizerinnen und Schweizer. Und der Ehrgeiz der Architektinnen und Architekten, den Anschluss zu suchen und Leuchtturmprojekte des digitalen Entwurfs zu entwerfen, hält sich bislang in Grenzen.

Ebenso spannend wie diese visionären Präsentationen waren die Inputs aus der Praxis BIM-erprobter Büros. «Soyez prêts», mahnte die Soziologin Christina Schumacher (FHNW Muttenz) zum Einstieg: Auch viele kleinere Büros – sie machen 91% der Schweizer Architekturlandschaft aus – sind bereits in die Arbeit mit BIM eingestiegen, wie ein laufendes Forschungsprojekt der FHNW zeigt. Sie nutzen BIM typischerweise «als Blumenstrauss», aus dem sie geeignete oder vom Auftraggeber verlangte Elemente herauspflücken. «Die Arbeit mit BIM erleichtert vor allem die Arbeit in Varianten», erklärte Rolf Seiler vom Genfer Büro LRS, «Grundrissvarianten lassen sich superschnell und in grosser Zahl vergleichen». Er ist überzeugt, dass die eigene BIM-Kompetenz, die sich das Büro im Grossprojekt «Caserne des Vernets» angeeignet hat, die Verhandlungsposition der Architekten gegenüber dem Totalunternehmer stärkt. Wobei er einräumte, dass BIM eben auch dem TU sehr viel Detailwissen in die Hand gibt: «Man kann nichts verstecken.»

«Der Entwurf entsteht immer noch im Kopf und nicht im Rechner», hielt Daniel Krieg von Burkard Meyer Architekten im Praxisgespräch fest, «letztlich kommt digitale Planung nicht zu anderen Resultaten». Im Holzhochhaus «Suurstoffi» Rotkreuz spielte BIM eine zentrale Rolle und erleichterte die Zusammenarbeit unter den Planern wie mit dem hauptsächlichen Unternehmer Erne Holzbau. Umso mehr ist Krieg erstaunt, dass die vorhandenen Daten von den Unternehmern noch nicht in vollem Umfang genutzt werden, und dass die Bewirtschaftung, das Facility Management, noch nicht parat ist, die Raumdaten zu übernehmen: «Zug Estates hatte BIM von Anfang an propagiert, aber am Schluss wollten sie von uns nur gefaltete Pläne auf Papier».

Anne Kaestle von Duplex Architekten warnte vor der Scheingenauigkeit, die BIM-Modelle schon in einem frühen Zeitpunkt vorgaukeln. «Man muss sehr aufpassen, dass man sich nicht verführen lässt, Probleme zu bearbeiten, die nicht phasengerecht sind». BIM-Modelle kennen keinen fixen Massstab, umso wichtiger ist eine Entschlackung der Tools und die phasengerechte Bearbeitung und Entscheidungfindung. Die ganze Runde warnte einmütig vor dem «Detaillierungswahn» der Bauherren, der schon im Wettbewerb einsetzt und die Programme überfrachtet.

Eine offene Frage, betonte Stefan Oeschger vom jungen Büro JOM, ist die nach Urheberrechten, Eigentum an den Daten und der Honorierung zusätzlicher Aufwände: «Es ist dringend, dass die SIA-Wettbewerbskommission hier aktiv wird!» Diese Mahnung nahm in der Schlussrunde der Rechtsanwalt Thomas Braun wieder auf, er brachte die Begriffe des Vertrauens und der Verantwortung ein. Und Susanne Zenker von SBB-Immobilien kündigte an, dass sie nach ersten Erfahrungen bis auf Weiteres von digitalen Wettbewerben absehen werden – wie die Preisgerichte – nicht die teilnehmenden Büros – Widerstand leisteten. Die volle BIM-Integration, räumte sie ein, würde im Moment dem Bauherrn immer noch Mehrkosten verursachen.

— Daniel Kurz
© zVg
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