9 – 2018

Ersatzwohnbau

Eine ganze Wohnsiedlung neu konzipieren zu können, ist eine Herausforderung von städtebaulicher Dimension, die im Vergleich zu kleinteiligerem Immobilienbesitz einmalige Potenziale bietet. Dieser Planungsspielraum wird in Zürich jedoch noch zu wenig genutzt, denn bislang macht die Planung fast immer an der Arealgrenze Halt. Die Strasse, und damit die Stadt, liegt in dieser Perspektive am Rand des Perimeters – aus städtebaulicher Sicht müsste es gerade umgekehrt sein! Doch für einen Blick, der Verdichtung auch als Verstädterung akzeptieren würde, fehlen die bau- und planungsrechtlichen Voraussetzungen. Solange jede neue Siedlung als Insel in einem unüberschaubaren Archipel geplant wird, kann sich an der Vernachlässigung des grösseren Ganzen nichts ändern. Wir plädieren dafür, den planerischen Horizont künftig massiv zu erweitern. In den kommenden Jahren sollte es darum gehen, nicht nur starke Siedlungen, sondern starke Stadtquartiere entstehen zu lassen. Da bleibt noch viel zu tun. Und wir erinnern: Ein grosser Teil der alten, inzwischen preiswerten Wohnungsbestände wird auch längerfristig dringend benötigt. Es ist zu wünschen, dass sanfte Instandsetzungen ohne Komfortverbesserung wieder häufiger ernsthaft geprüft werden – sonst verliert die Stadt allmählich ihre Diversität und damit ihre Seele.

Leseprobe

Halbherzige Verstädterung

20 Jahre Ersatzneubau in Zürich: Eine Zwischenbilanz

Daniel Kurz

Viel Architektur, wenig Städtebau: Daniel Kurz blickt zurück auf zwei Jahrzehnte, in denen Zürich angefangen hat, sich neu zu bauen und befragt wichtige Exponenten zu diesem Zürcher Thema. Seine Zwischenbilanz zeigt auf, dass seit dem Wendejahr 1998 mit der Siedlung Werdwies viele weitere gute Siedlungen entstanden sind. Dabei wurde jedoch die Chance weitgehend verpasst, die Stadt neu zu denken und mehr Urbanität zu schaffen.

Inselurbanismus 1: Mangels eines urbanen Gegenübers konzentrierten Bachelard Wagner Architekten die höchste Dichte der neuen Siedlung Mattenhof (2015 / 17, AZ 1.3) entlang einem neuen Boulevard mit Café und Läden in der Mitte des Areals.
Bild: Johannes Marburg

Jung und gebildet

Wohnersatzbau fördert den Bevölkerungswandel

Urs Rey, Stefanie Jörg

Wohnersatzbau ist ein Zürcher Phänomen, wie die Statistik zeigt. In der grössten Schweizer Stadt entstanden von 2012 bis 2015 mehr neue Wohnungen nach Abbruch als in den neun nächstkleineren Städten zusammen. Die Ersatzbauten führen zu höherer Dichte, aber auch zu grösserem Flächenbedarf pro Kopf. Und sie verstärken den sozialen Wandel: Der Anteil der Familien ist dort zweimal so hoch wie im Altbestand, und jener der Hochgebildeten stieg seit 2000 doppelt so stark wie in der übrigen Stadt.

Grossbaustelle Riedgraben in Zürich-Schwamendingen.
Bild: Saskja Rosset

Ersatzneubauten seit 2000

Siedlungen und Arealüberbauungen privatwirtschaftlicher und gemeinnütziger Träger prägen die Karte des Ersatzneubaus in Zürich. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich die grosse Zahl kleiner Eingriffe in den Wohnquartieren. Im Inselurbanismus des Ersatzneubaus definiert die Architektur den Städtebau, nicht umgekehrt. Dass es zur hochskalierten Zeilenbauweise intelligente Alternativen gibt, zeigen fünf Beispiele im Kontext von Stadt und Gartenstadt.

Die Karte, erstellt von Statistik Stadt Zürich, zeigt das Ausmass kleiner und grosser Ersatzneubauten und lässt ihre Auswirkung auf die Einheitlichkeit des Stadtbilds in manchen Quartieren erahnen. Eine Auswahl sehenswerter Neubauten haben wir in der Karte hervorgehoben. Die Farben stehen für die Art der Bauherrschaft (Stadt Zürich und ihre Stiftungen, gemeinnützige Baugenossenschaften, private und institutionelle Eigentümer).
Plan: Statistik Stadt Zürich

Schlucht in der Stadt

Triemli 1 von HLS Architekten

Hinter den markanten Scheiben der Siedlung Triemli 1 von HLS Architekten eröffnet sich ein dichtes Raumerlebnis.

Balkone als Aussenzimmer und intensiv gestaltete Freiräume sorgen für eine lebhafte Gliederung im Siedlungsinneren. Hohe Scheibenhäuser schliessen den Strassenraum.
Bild: Georg Aerni

Der feine Unterschied

Eyhof von Adrian Streich Architekten

Adrian Streich Architekten zeigen mit der Siedlung Eyhof, wie Verdichtung inmitten der Gartenstadt funktionieren kann.

Im Inneren hat die Siedlung Eyhof eine öffentliche Mitte.
Bild: Roland Bernath

Kopf am Platz

Bombach von Steib & Geschwentner Architekten

Die Siedlung Bombach von Steib & Geschwentner Architekten macht Städtebau, indem sie einen Platz befestigt.

Der Kopfbau behauptet den städtischen Platz an der Tram-Endhaltestelle Frankental. 
Bild: Beat Schweizer

Grosshof statt Landizeilen

Buchegg von Duplex Architekten

Der Verkehrsknoten Bucheggplatz erhält durch die Siedlung Buchegg von Duplex Architekten ein städtisches Gesicht.

Im Innenhof türmen sich Balkone, um allen eine freie Aussicht zu bieten.
Bild: Johannes Marburg

Umgekehrter Mäander

Schönauring von Knapkiewicz Fickert Architekten

Knapkiewicz Fickert Architekten haben mit der Siedlung Schönauring ein bestehendes Siedlungsmuster verwandelt.

Die neuen Bauten folgen als Kette der bestehenden Strasse; private und halböffentliche Räume sind fein differenziert.
Bild: Ruedi Walti

Debatte

Alois Diethelm kritisiert anhand der Erneuerung eines Geschäftshauses am Zürcher Bleicherweg durch Meier Hug einen irritierenden Drang von Architekten, Stadtreparatur zu betreiben. Beim Umbau von Altbauten werde mit Neubaumethoden entworfen und an den Ort gedacht, aber nicht das Haus befragt.

Wettbewerb

Rolf Mühlethaler gewinnt mit Christoph Schläppi den Wettbewerb für die Entwicklung des Areals Industriestrasse in Luzern. Sein Erfolgsrezept, das kurz zuvor auch bei der Arealentwicklung «Weyermannshaus West» in Bern stach, heisst: «Die sanierte Stadt».

Bücher

Die Schweiz liebt ihren Beton, und die Welt beneidet uns um die Kunstfertigkeit, mit der er hierzulande verbaut wird. Mit ihrem Buch Made of Beton legen die ETH-Dozenten Daniel Mettler und Daniel Studer ein neues Standardwerk zum Betonkult vor. Dazu der Hinweis auf den letzten Paukenschlag vor der Emeritierung des ETH-Stadtplanungsprofessors Kees Christiaanse: Noise Landscape widmet sich dem Thema der Stadtentwicklung rund um Flughäfen.

Ausstellungen

Als eine Schule der analytischen Wahrnehmung beschreibt Urs Primas in seiner überaus lesenswerten Kritik die Ausstellung über André Corboz in Mendrisio.

Kolumne

Architektur ist ... abgeschminkt

Daniel Klos, Johanna Benz (Illustration)

Beim Abstecher in eine Augmented Reality fragt sich der Kolumnist Daniel Klos, ob man anstelle von Architekten bald nur noch Raumingenieure und Erlebnisdesigner brauchen wird.

Illustration: Johanna Benz

Kunst der kleinen Differenz

Musikhaus in der Kraftzentrale im vonRoll-Areal Bern von Giuliani Hönger

Martin Klopfenstein, Walter Mair, David Willen (Bilder)

Mit dem neuen Musikhaus haben Giuliani Hönger auf dem Berner vonRoll-Areal einen weiteren Umbau realisiert. Ihre Eingriffe erzeugen mit dem Bestand einen Zusammenklang der feinen Differenzen.

Wo früher Brücken und Maschinen gebaut wurden, wird heute Wissen produziert. Der Bestand ist selbst eine Summe von pragmatischen Anbauten. 
Bild: David Willen

Hochseeschifffahrt in der Altstadt

«Le Werkhof» in Freiburg von Bakker Blanc Architekten

Philipp Schallnau, Marco Bakker (Bilder)

Mit der Wiederherstellung des historischen Werkhofs in der Freiburger Unterstadt erzählen Bakker Blanc Architekten eine Geschichte von Werften und der Schifffahrt, die weit hergeholt scheint, aber tatsächlich viel mit der Geschichte des Baus zu tun hat. Entstanden ist ein Bau von hoher atmosphärischer Intensität.

Im frei zugänglichen Erdgeschoss wähnt man sich unter einem Schiffsrumpf, eine Anspielung von Bakker & Blanc an die frühere Nutzung des Gebäudes als Werft.
Bild: Marco Bakker

werk-material 05.11 / 718

Rational und rationell

Robert Walker, Hansueli Schärer (Bilder)

Campus Schwarzsee von 0815 Architekten, Freiburg

Regelmass und Ausnahmen schaffen spannungsvolle Fassaden. Die Möbel sind «aus dem selben Holz geschnitzt» wie die bescheidenen Bauten selbst.
Bild: Hansueli Schärer

werk-material 05.11 / 719

Schottenbau mit Portikus

Lucia Gratz, Adrian Scheidegger (Bilder)

Jugendherberge Bern von Aebi & Vincent Architekten, Bern

Strukturell und volumetrisch verwandt zeigen sich Alt- und Neubau. Zusammen fassen sie einen idyllischen Vorplatz.
Bild: Adrian Scheidegger

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