Stereo Architektur, Basel/Zürich

Herausforderung: Gegenwart

Jonathan Hermann, Claudio Meletta und Martin Risch waren jüngst am Tischgespräch in Basel beteiligt. Ihr im wbw-Heft 1/2-2020 vorgestelltes genossenschaftliches Wohnhaus auf dem Basler Lysbüchel-Areal ist noch im Werden. In unser JAS-Schaufenster haben jedoch nur realisierte Bauten Zutritt. Deshalb zeigen wir hier ein bereits realisiertes Projekt des Architektentrios. Beim Einfamilienhausumbau spiegeln sich ihre entwerferischen Interessen und gesellschaftlichen Ambitionen, wie die Gebäudesilhouette im Vierwaldstättersee.

Was inspiriert Euch?

Uns verbinden breit gefächerte Interessen. Entsprechend wirken vielseitige Einflüsse auf unser Schaffen als Architekten. Diese reichen von gesellschaftlichen Themen, über abstrakt-konzeptuelle Ideen, alltägliche vernakulär entstandene Orte bis hin zum konkreten Handwerk.

Über unsere eigentliche Arbeit im Architekturbüro hinaus engagieren wir uns in unterschiedlichen Randbereichen der Architektur, sei es im Vorstand einer Wohngenossenschaft oder in der Betreuung einer offenen Werkstatt. Zusammen mit gleichgesinnten Kolleginnen und Kollegen setzen wir uns zudem im Rahmen des Kollektivs Countdown 2030 für eine zukunftsfähige, klimagerechte Architektur ein.

Was ist Euch wichtig im Denken und Entwerfen?

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist es, sich mit den Themen und Herausforderungen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Dabei genügt es nicht, die Gesellschaft von heute abzubilden, denn Architekturschaffende planen die Umgebung der Zukunft. Wir wollen deshalb Veränderungen mitdenken und unsere Wertvorstellungen und Visionen in unsere Entwürfe einfliessen lassen.

Die Klimakrise ist eines der grossen Themen unserer Zeit. Zu deren Lösung wollen wir als Architekten unseren Beitrag leisten: nicht technisch, sondern ganzheitlich, im architektonischen Entwurf.

Mit diesem Anliegen überschneidet sich unser Interesse für die Reduktion, die wir in unserer Architektur suchen. Damit meinen wir nicht eine gestalterische Abstraktion, sondern eine tatsächliche Vereinfachung des Bauens. Aus den funktional notwendigen Bauteilen soll direkt eine architektonische Sprache und eine spezifische Raumerfahrung entstehen. Dies führt unweigerlich zu einer gestalterischen Auseinandersetzung mit der Struktur und der Konstruktion.

Ein übergeordnetes Bestreben, dass sich durch alle unsere Entwürfe zieht, ist der Wunsch, über die Architektur eine unmittelbar erfahrbare Geschichte zu erzählen.

Wie zeigt sich diese Haltung im realisierten Projekt?

Beim Seehuisli handelt es sich um den Umbau und die Aufstockung eines Einfamilienhauses am Vierwaldstättersee. Uns ist die Schwierigkeit bewusst, die Behandlung gesellschaftlicher Themen anhand dieser Bauaufgabe aufzuzeigen. Doch verstehen wir das Projekt – nebst dem, dass das Haus erhalten blieb und in ein zukunftsfähiges Familienheim verwandelt wurde – als Testlabor für unsere Ideen.

Der Narrativ ist leicht verständlich und sowohl von aussen als auch von innen lesbar: Ein neuer Holzbau steht in den alten Mauern. Das Bestehende wird neu bespielt und um ein Geschoss ergänzt. Das statische Gitter aus Holzträgern, welches das offene Erdgeschoss zoniert, entwickelt sich im Obergeschoss zum räumlichen Raster. Ein überhohes Esszimmer verbindet Alt und Neu.

Die Konzeption als Holzbau ist aus ökologischen Gesichtspunkten selbstverständlich. Durch Infragestellen von fixen Komfortvorstellungen und der dadurch ermöglichten Vereinfachung der Konstruktion stellt sich der Holzbau auch als preisgünstigste Bauweise heraus. Die strukturellen Elemente bilden die fertigen Oberflächen, der Ausbau ist minimal und additiv gedacht und der Ausdruck entsteht direkt aus der Komposition der einzelnen Bauteile.

Der Entwurf stärkt die Ausrichtung des Hauses auf den See. Gleichzeitig entsteht neu ein Bezug zum seeabgewandten Pilatus. Im Esszimmer treffen beiden Landschaftsbezüge aufeinander und prägen den Wohnraum gleichermassen.

Seehuisli am Vierwaldstättersee

Stereo Architektur, Basel/Zürich

http://stereo-architektur.ch

Seehuisli am Vierwaldstättersee

Umbau und Aufstockung; Bauherrschaft: privat; Chronologie: Entwurf und Planung 2014, Ausführung 2016–17; Fotos: Lukas Schaffhuser, Zürich

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