10.01.2019

Das 2019-Mobilitäts-Horoskop

Mit dem «Strategischen Entwicklungsprogramm Nationalstrassen» STEP erstand im letzten Herbst ein Untoter in der schweizerischen Verkehrspolitik zu neuem Leben, das Thema machte aber erst vor und mit Jahresende richtig Schlagzeilen (hier, hier und hier): Der Bundesrat plädiert jetzt für einen konsequenten Ausbau des Nationalstrassennetzes in den Agglomerations- und Zentrumsbereichen. Damit will er vor allem den sich gemäss Szenario stark zunehmenden Staus entgegentreten. Ein guter Kommentar zum Thema findet sich hier.

Die Mobilitätsszenarien des Bundes richten die Entwicklung auf das Jahr 2030 aus; doch genau hier sind Zweifel angebracht. Folgt man nämlich einer Anfang Dezember veröffentlichten Studie der ETH Zürich, so ist der Verkehrszuwachs vor allem abhängig von der Art, wie neue Mobilitätsträger genutzt werden. Wenn etwa die zunehmende Automatisierung des Verkehrs – der auch die Studie des Bundes Rechnung trägt – eher durch Taxis, Sharinggemeinschaften oder öffentliche Verkehrsträger aufgefangen wird, so reduziert sich der Verkehr. Wenn hingegen automatisierte Fahrzeuge vor allem privat genutzt werden, so dürfte das Szenario des Bundesrats wohl oder übel eintreten.

Was aber heisst das für die Planung und für die Architektur? Zum einen tun Bund und Gemeinden gut daran, ihre Mittel mehr in integrierende Verkehrs- und Sharingkonzepte als in den Strassen-Ausbau zu investieren. Dies würde weniger kosten und etwa in Biel Perspektiven bieten, um den Binnenverkehr zu reduzieren. Auf den dort noch immer geplanten Autobahn-Westast könnte verzichtet werden (eine werk-notiz zu diesem untoten Vorhaben hier und ein sehr treffender Artikel zu den Hintergründen hier). Oder ein gescheiter Einsatz automatischer Verkehrsmittel könnte zur Reaktivierung peripherer Regionen beitragen. Für die Architektur wiederum heisst das, dass es sich mit Gewinn für die Allgemeinheit lohnt, bei der Planung mit allen Mitteln für die Reduktion von Parkplätzen und für clevere Mobilitätskonzepte einzustehen.

Letztlich widerspricht das strategische Entwicklungsprogramm des Bundesrats den übergeordneten Zielen einer nachhaltigen Siedlungspolitik. Mehr Strassen schaffen Anreize für mehr Verkehr, das weiss man. Und «der Foifer und das Weggli»– eine Verdichtung oder CO2-Neutralität bei gleichzeitig uneingeschränkter Mobilität – sind nicht zu haben. Hier wäre es angebracht, wenn der Bundesrat eine andere Botschaft aussenden und andere Anreize schaffen würde.

— Tibor Joanelly
© BMW Stillimage aus Animation-Autonomes-Fahren
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