14.02.2018

Gegen Treu und Glauben: Kulturkampf um Abbruch im Berner Tscharnergut

Mit seltener Prägnanz bilden die Wohnsiedlungen von Bern-Bümpliz die Geschichte des sozialen Massenwohnungsbaus in der Schweiz von der Anbauschlacht über das Wirtschaftswunder bis ins späte 20. Jahrhundert ab. Im Zentrum dieser Entwicklung stand das Architektenpaar Hans + Gret Reinhard, welches in wechselnden Konstellationen Pläne fertigte, Genossenschaften gründete, Realisierungen vorantrieb und sich politisch engagierte. Der umfangreiche, vielgestaltige Bestand an Bauten, welche aus diesem Engagement resultiert, ist heute ein fester Bestandteil der Berner Identität, ja geniesst internationale Beachtung.
Besonders die Grosssiedlung Tscharnergut prägt Berns Westen, eine Arbeitsgemeinschaft mit Hans + Gret Reinhard hat sie in den späten 1950er Jahren geplant und gebaut. Ihre respektvolle Erneuerung schien noch vor kurzer Zeit durch einen umsichtig moderierten Prozess gesichert, der die Bedürfnisse der Bewohnenden, die Interessen der vier Eigentümer und den baukulturellen Anspruch der Öffentlichkeit gleichermassen berücksichtigte. Mit der Unterschrift des Stadtpräsidenten und aller Beteiligten wurde das komplexe Vertragswerk 2011 besiegelt – Rolf Mühlethaler und Matti Ragaz Hitz hatten gezeigt, dass die schwierige Erneuerung trotz hybrider Tragstruktur, minimalen Dimensionierungen im Bestand und empfindlichem Ausdruck möglich ist. Wir haben im Heft 10–2013 Junge Denkmäler darüber berichtet.
Das Projekt erweitert die Scheibenhäuser an der Westseite um eine Balkon- und Wohnraum-Schicht von drei Metern Tiefe mit rekonstruierter ursprünglicher Elementbaufassade und Erdbebensicherungen auf und ersetzt die Treppentürme. Es weist nicht nur die Machbarkeit nach, sondern bereichert auf kongeniale Weise die denkmalwürdige Substanz um eine zusätzliche Denkmalqualität.
Nun tobt in Politik und Medien jedoch eine Art Kulturkampf um den Erhalt der weiteren Bauten: Während die eidgenössische Kommission für Denkmalpflege und die städtische Denkmalpflege unmissverständlich auf die hohe Schutzwürdigkeit des Ensembles hinweisen, hat die Genossenschaft Fambau eine Polemik über die Tragbarkeit der Massnahmen in die Medien getragen und versucht, sich der bedeutenden Bestände zu entledigen (vgl. Der Bund, 3.2.2017). Sie hat im Tscharnergut ein Baugesuch für Abbruch und Neubau des Gebäudes Fellerstrasse 30 gestellt – während gleichzeitig die Baugenossenschaft Brünnen-Eichholz die Vollvermietung ihres renovierten Scheibenhauses feiert. Die historische Vereinbarung von 2011 ist damit in Frage gestellt. 
Die neueste Auseinandersetzung betrifft die Siedlung Meienegg, die lange Zeit im Schatten des glamouröseren Tscharnerguts stand. Hier hatten Hans + Gret Reinhard Ende der 1950er Jahre Bauten erschaffen, deren Qualität und Detailreichtum keinen Vergleich mit den Ikonen kleinbürgerlicher Architekturen von Adolf Loos bis Heinrich Tessenow zu scheuen braucht. Derweil ein von der Stadt unterstütztes Wettbewerbsverfahren läuft, dessen Auftrag der Totalersatz der Siedlung ist, wird das Resultat zu beweisen haben, dass in Bern nicht nur das monetäre Kalkül beherrscht wird, sondern dass es auch ein kulturelles Gewissen besitzt und gescheite Konzepte zu erarbeiten vermag. Vorerst ist zu befürchten, dass ein weiteres Denkmal des modernen Städtebaus aus dem Antlitz der Stadt getilgt wird.

— Christoph Schläppi

Dieser Text erschien in gekürzter Form im Heft 1/2–2018 Grands Ensembles.

Kaum sichtbare Veränderung: Ein feiner Unterschied in der Putzstruktur verrät die Erweiterung der Wohnungsgrundrisse um rund 3 Meter. 
Bild: Alexander Gempeler
© Alexander Gempeler
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