Perspektivisch entwerfen!

Zusammenarbeit führt die Architektur aus der Isolation

Ludovica Molo, Caspar Schärer

Ludovica Molo und Caspar Schärer appellieren an die gesellschaftliche Verantwortung der Schweizer Architekturschaffenden: Das Land brauche wieder ihre aktive Einmischung und ihre Einbindung in politische Prozesse, um die grundlegenden Fragen der Gestaltung unseres Lebensraums zu beantworten, schreiben die Präsidentin und der Generalsekretär des BSA. 

Dies rückt die Rolle der Architekten in den Fokus. Ihr gestaltender Beitrag als Spezialisten für das Ganze fehlt der Autorin und dem Autor gerade in der Agglomeration, in den «vernachlässigten Räumen im grossen Dazwischen». Dort, wo die aktuellen Probleme und Chancen der Raumproduktion am grössten sind.

Zusammenarbeit als bürgerschaftliches Engagement. Freiwilliger Einsatz beim Bau der
Kapelle Salgenreute in Vorarlberg.
Bild: Archiv Bernardo Bader

Architektur braucht es heute dringlicher denn je. Die Herausforderungen und Chancen sind hinlänglich bekannt: Klimawandel, diffuse Migrationsbewegungen, unkontrolliertes städtisches Wachstum, disruptive Märkte und so weiter. Mit dem Wissen um den Raum bringen die Architektinnen und Architekten eine strategisch bedeutende Ressource in die Gesellschaft ein. Sie werden gebraucht, gerade jetzt, und zwar nicht nur für den Bau oder die Umnutzung von Gebäuden, sondern auch und vor allem für grundlegende Gedanken und Konzepte über unseren gemeinsamen Lebensraum.
Die Architekten verfügen über die analytischen, suchenden und gestaltenden Werkzeuge, um gesamtheitliche Lösungen zu finden: Sie lesen und interpretieren das Territorium, kennen die Gesetzmässigkeiten des Raums – auch des Zwischenraums! – und führen diese Kenntnisse schliesslich zu einem neuen Narrativ zusammen. Sie könnten den Wunsch nach Sicherheit mit der Notwendigkeit der Offenheit und Weitsicht verbinden, damit sich Kollektive weiterentwickeln. Kurzum: Sie wären die idealen Partner für die Fragestellungen der Zukunft.

Absenz von der Politik

Woran liegt es, dass Architekten offensichtlich nicht ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten rücken? Das Gegenteil ist im Gange: Architektur wird marginalisiert in der Nebenrolle als technisch anspruchsvolle Ausführung oder als gestalterische Zutat, die beide in der Regel nur bei Kostenüberschreitungen von sich Reden machen – oder wenn alle Beteiligten über sich hinauswachsen und etwas Sensationelles gelingt wie die Elbphilharmonie.
Wenn aber Architektinnen und Architekten besser und anders wahrgenommen werden wollen, müssen sie wohl den ersten Schritt wagen – einen Schritt hinaus aus dem Schatten der Disziplin, hinaus aus der Isolation eines sich selbst bespiegelnden ästhetischen Diskurses. In der Schweiz ist die bescheidene gesellschaftliche Rolle des Architekten in Städtebau und Raumplanung das Ergebnis einer Selbstdemontage. Spätestens seit der grossen Identitätskrise der frühen 1970er Jahre haben sich die Architekten schrittweise und fast vollständig von allen raumplanerischen und grossmassstäblichen Themen ausgeklinkt und in die Komfortzone von Wettbewerb, Netzwerk und Akademie zurückgezogen. Auf dem Feld der Politik sind sie nicht mehr anzutreffen; das Thema kommt in kaum einem Positionspapier vor, auf Podien wird nicht darüber gesprochen.
Architektur nützt allerdings nichts, wenn sie nicht eingebettet ist in einen grösseren fachlichen und sozialen Kontext und Diskurs. Dieser gelingt nur, wenn man vernetzt denkt und die Zusammenarbeit sucht. Gute Architektur beweist das schon seit langen Zeiten.
Urbanismus und Urbanität sind zwar heute auch in unserer Branche wieder en vogue. Oft beschränkt sich der Urbanismus-Boom in der Schweiz allerdings auf die gewinnbringende Umwandlung ehemaliger Industrie- und Militärareale. Hier sind Gebäudehöhen und Dichten möglich, die anderswo politisch keine Chance hätten. Mit zunehmender Routine kommt den Architekten in diesen Transformationsprojekten allerdings oft lediglich eine Rolle als Erfüllungsgehilfen zu. Zudem: Viele Areale gibt es gar nicht mehr zu überbauen.

Spezialisten für das Ganze

Für ein Agieren in grösseren Zusammenhängen muss die Architektur ihre Rolle erst wieder finden. Ein analytisches, Gestalt und Zusammenhang suchendes Denken im grossen Massstab ist dazu notwendig. Welche räumlichen Effekte löst Infrastruktur aus, wo möchte man wohnen, wo arbeiten, wo einkaufen, sich erholen und vergnügen? Was braucht es dazu? Architektur ist konfrontiert mit Geld und Macht; sie operiert immer im politischen Raum – leider oft zu spät, wenn alle Weichen schon gestellt sind. Die Zeichen mehren sich allerdings, dass sich etwas tut: Wachsendes Problembewusstsein und Gestaltungswille regen die Schweizer Architekturschaffenden immer öfter zu eigenen städtebaulichen oder planerischen Projekten an – solche ohne Auftraggeber, denen es dennoch gelingt, einen politischen Prozess anzustossen. Man könnte dem auch «perspektivisches Entwerfen» sagen.
Was ist also zu tun? Wie gesagt: Architektinnen und Architekten bringen eigentlich alle Voraussetzungen mit. Sie sind sowohl Spezialisten des Raumes wie auch Spezialisten für das Ganze.1 Während Techniker die Lösung aller Probleme versprechen, wissen Architekten abzuschätzen, ob die technische Beantwortung einer Frage überhaupt sinnvoll ist. Architektur kann dazu beitragen, Räume zu aktivieren oder neu zu programmieren, gerade die vernachlässigten Räume im grossen Dazwischen der Städte und Agglomerationen. Um wieder die notwendige Glaubwürdigkeit zu erlangen, sollten sich die Architekten Verbündete suchen. Sie müssen sich mitteilen und transparent erklären, was sie machen – dann werden sie und ihre Anliegen auch verstanden. Raumproduktion geht alle etwas an.
Gleichzeitig ist soziale Verantwortung und Charakterstärke gefragt, sei es in einer Wettbewerbsjury, in einer Stadtbildkommission oder direkt beim Auftraggeber. Architekten sind Teil der Zivilgesellschaft, sie spielen darin eine besondere, eine öffentliche Rolle. Indem sich Architektinnen und Architekten für mehr Zusammenarbeit – auch untereinander – stark machen und sie vorleben, bringen sie sich wieder ins Spiel, werden anschlussfähig und zu gefragten Partnern. Sie leisten nicht nur eine technische Arbeit, sondern auch eine intellektuelle und konzeptionelle, indem sie ganz an den Anfang gehen und sogar die Problemstellungen selber hinterfragen. Wie Regisseure auf dem Filmset oder eben sie selbst auf der Baustelle schwören Architektinnen und Architekten alle Beteiligten der unterschiedlichsten Disziplinen und Berufe auf das gemeinsame Ziel ein.
Ja, das ist eine andere Vorstellung des Metiers. Doch sie steckt voller unbekannter, interessanter und komplexer Aufgaben.

Veranstaltung zum Thema Architektur und Kooperation:

Zusammenarbeit setzt Standards
SWISSBAU Focus, 18. Januar 2018, 11.30 – 13 Uhr
Eine Veranstaltung von: werk, bauen + wohnen und CRB
mit: Marcel Daume, Heinrich Schnetzer, Astrid Staufer, Hubert Stöckli
Keynote: Ludovica Molo
Moderation: Tibor Joanelly, Caspar Schärer
Anmeldung: www.crb.ch/swissbau

1 vgl. Günther Fischer, Spezialist für das Ganze, werk, bauen + wohnen 7/8–2016, S. 47ff

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