1/2 – 2021

Spitalbau heute

Rund 15 Milliarden Franken sollen gegenwärtig in Spitalneubauten investiert werden, rund 70 grössere Projekte sind unterwegs. Das ist eine Wette auf die Zukunft des Gesundheitswesens. Und niemand weiss, ob die konkurrierenden Spitäler nicht am Ende ein Überangebot an Raum bereitstellen. Die aktuellen Bauprojekte zeigen: Die Tage schlanker Bettenhäuser sind gezählt. Neu gebaut werden labyrinthische Behandlungszentren mit Untersuchungs- und Therapieräumen, Operationssälen, Intensivstationen in massigen Baukörpern. Neue Bettentrakte verfügen über effiziente Doppelstationen, die ebenfalls tiefe Baukörper erfordern. Wo bleiben bei so viel Effizienz die Spielräume für gute Architektur, gar für Healing Architecture, die das Wohlbefinden der Patientin oder des Patienten ins Zentrum stellt? Wie findet Tageslicht seinen Weg in die Tiefe der Neubauten? Wie können Räume mit Identität und guter Orientierung entstehen? Wo finden wohnliche Materialien ihren Platz? Als Anwälte der Patienten, Pflegenden und Ärztinnen kämpfen Architekten für räumliche Qualität im labyrinthischen Urwald des Spitals: Sie schlagen Schneisen, verteidigen Innenhöfe, schaffen Nischen und Momente räumlicher Weite, setzen Farb- und Materialakzente – ein oftmals harter Kampf.

Leseprobe

Wie baut man ein gutes Spital?

Christine Binswanger und Thomas Hardegger im Gespräch mit Jenny Keller, Daniel Kurz

Nur wenn die Bauherrschaft ihre Bedürfnisse genau definiert und Ziele statt Lösungen vorgibt, kann ein innovativer Spitalbau entstehen, betonen Architektin und Bauherrenvertreter im Gespräch über das Kinderspital Zürich, das derzeit im Bau ist. Auffällig anders sind am Projekt von Herzog & de Meuron die Beschränkung auf nur drei Etagen, die grosse Zahl von Lichthöfen und die Patientenzimmer als kleine Häuschen auf dem Dach. Massnahmen, die dem menschlichen Massstab entsprechen und Identifikation fördern. Eine ausgeklügelte Hygiene-Zonierung ermöglicht an vielen Stellen den Einsatz von Holz mit natürlicher Haptik.

Ein niedriger Bau mit Holzfassade, als Eingang ein riesiges Tor und oben ein Zimmerkranz mit kleinen Dächern: Das künftige Kinderspital spricht Kinder und Jugendliche an.
Bild: David K. Ross

Wohlbefinden bauen

Maggie’s Centres in Grossbritannien

Edwin Heathcote

In der Ausnahmesituation von Krankheit und Tod ist ein menschenfreundliches Umfeld besonders vonnöten. Gute Architektur trägt dazu bei. Davon waren Charles und Maggie Jencks zutiefst überzeugt und gründeten 1995 eine Stiftung. In den nunmehr über 30 Maggie’s Centres treffen sich an Krebs erkrankte Menschen und finden Beratung. Bei den von bekannten Architekten entworfenen Bauten liegt der Fokus in einer häuslichen Anmut der Form, einer warmen Materialisierung und einer grünen Umgebung. Den Klinik-Kolossen, auf deren Grundstücken sie oft stehen, setzen sie eine menschliche Alternative entgegen. Originaltext Englisch

Zu den Spitalbauten setzen sie dort einen Kontrast, der sich nebst dem Massstab auch in den haptischen Materialien und der wohnlichen Atmosphäre zeigt.
Bild: Hufton + Crow

Freiräume im Klumpen

Kantonsspital Graubünden in Chur von Staufer & Hasler

Tibor Joanelly, Andrea Helbling und Roland Bernath (Bilder)

Einer extrem dichten Packung gleicht die erste fertiggestellte Hälfte des neuen Kantonsspitals in Chur von Staufer & Hasler. Ein klares Wegnetz und markante Räume schaffen Orientierung im Dickicht der Behandlungsräume. Spitäler werden immer mehr zu Machines à guérir, diagnostiziert Redaktor Joanelly, die Behandlungstrakte wachsen zu Klumpen – während die Zahl der Betten schrumpft. Die gute Botschaft aus Chur: Das dichte Gefüge entlastet den Freiraum, ein neuer Platz öffnet das Spital zur Stadt. Die städtebauliche Operation ist gelungen.

Zwischen den Behandlungstrakten sind lichte Kavernen als Wartehallen ausgespart; sie schaffen Orientierungspunkte im Klumpen. 
Bild: Andrea Helbling

Ein gastliches Haus

Klinik Gut in Fläsch von Bearth & Deplazes

Eva Stricker, Ralph Feiner (Bilder)

In Fläsch haben Bearth & Deplazes eine Privatklinik errichtet. Rund um ein Atrium sind die Einzelzimmer aufgereiht, die Operationssäle unter dem weit auskragenden Dach. Seiner Lage im Ensemble von Schule und Turnhalle sowie seinen Anspielungen an dörfliche Motive ist es zu verdanken, dass das Gefüge im Wakkerpreis-Dorf nicht aus dem Lot geriet. Im Gegenteil: Mit dem Restaurant und vorgelagertem Terrassengarten hat Fläsch eine gastliche Adresse hinzugewonnen, denn hier können es sich auch Gesunde gut gehen lassen.

Das grösste Gebäude am Ort präsentiert sich als herrschaftlicher Schuppen, seine «Holzfassade» ist aus Beton.
Bild: Ralph Feiner

Freie Sicht aufs Nebelmeer

Bürgerspital Solothurn von Silvia Gmür Reto Gmür Architekten

Jenny Keller, Ralph Feiner (Bilder)

Auch in Solothurn stellen Silvia und Reto Gmür den Menschen ins Zentrum ihres Entwurfs. Viel Tageslicht, grosszügige Erschliessungsflächen und der Einsatz von Farben bringen das im neuen Bürgerspital zum Ausdruck. Hier sind die Funktionen gestapelt, und über dem muskulösen Sockel mit Operationssälen und Untersuchungstrakten erheben sich die mit Brise-Soleil verhüllten Bettengeschosse. Die eigens entwickelten Sonnenschutzelemente rahmen den freien Blick ins Grüne, der dem Heilungsprozess förderlich ist. Ein geschickter Dreh im Grundriss charakterisiert die Korridore wie auch die Patientenzimmer im vierten bis siebten Geschoss.

Die Brise-Soleil prägen die Gestalt des Bettentraktes und verweisen nur auf sich selbst: Ihre Aufgabe ist die Beschattung der Zimmer bei uneingeschränkter Sicht.
Bild: Ralph Feiner
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werk-notiz

Die Neubauten der Roche in Basel bedrohen das architektonische Erbe von Salvisberg und Rohn. Der Wettbewerb Erstling zur Architekturkritik von werk, bauen + wohnen und BSA ist abgeschlossen. Eben erst ausgeschrieben wurde der Wettbewerb zum Haus des Jahres des Callwey-Verlags.

Debatte

Die jüngsten Bundesgerichtsentscheide zum Lärmschutz verunmöglichen sinnvolles Bauen an lärmbelasteten Lagen. Deborah Fehlmann diskutiert mit Experten Vorschläge für eine neue Praxis.

Wettbewerb

Der neue Masterplan für das Areal der Officine, der alten SBB-Werkstätten beim Bahnhof Bellinzona, sieht ein dichtes Stadtquartier vor. Die Sieger haben einen grünen Park vor den alten Werkhallen ausgerollt – doch der wird erst nach dem Abbruch der Bestandesbauten möglich. Die transparent gezeichneten neuen Volumen der Visualisierung täuschen hingegen über die enorme Dichte des Vorschlags hinweg. Eine Kritik von Alberto Caruso. Originaltext Italienisch

Ausstellungen

In München läuft die Schau über die Architekturmaschine bis zum Juni weiter. In Basel ist eine monografische Ausstellung zum Werk des japanischen Architekten Tsuyoshi Tane zu sehen, im Pariser Pavillon de l’Arsenal die von Philippe Rahm kuratierte Schau zur Geschichte von Gesundheit und Architektur.

Bücher

Hubertus Adam hat für uns das neue Buch über Max Bills Hochschule für Gestaltung in Ulm gelesen. Daneben stellen wir die erste Ausgabe des brandneuen Magazins Superposition vor, an dem zahlreiche Hände aus der Schweiz mitgeschrieben haben sowie einen Reiseführer über die böhmische Kleinstadt Litomyšl.

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Junge Architektur Schweiz

Studio Noun

Aus Vollholz baute das Architektenduo ein Wohnhaus im Toggenburg. Auch der Innenausbau aus Holz entstand ohne Klebstoffe.

Bild: Zsigmond Toth

Arbeit im Schatten

Reportage zur Arbeit des Büros Co.Creation Architects in Jhenaidah, Bangladesch

Niklaus Graber

Im ländlichen Süden von Bangladesch erarbeiten Co.Creation Architects (Khondaker Hasibul Kabir und Suhailey Farzana) zusammen mit der Bevölkerung Wege zur Verbesserung der Lebensbedingungen. Solide Wohnhäuser und öffentliche Räume entstehen in Selbsthilfe. Das Architektenteam verliess die Hauptstadt, um in einfachen Verhältnissen relevante Architektur zu schaffen.

Bhennatola Community Housing. Die künftigen Bewohnerinnen diskutieren ihre eigenen Hausmodelle. Ideen werden ebenso wie die Geldmittel zusammengelegt, sodass am Ende alle Mitglieder der Genossenschaft ihr Haus realisieren können.
Bild: Co.Creation Architects

Monumentalität und Feierlichkeit

Neue Aufbahrungsräume und ein konfessionsneutraler Abdankungsraum im Friedhof Feldli St. Gallen von Keller Hubacher Architekten

Roland Züger, Jürg Zürcher (Bilder)

Auf dem Friedhof Feldli in St. Gallen h aben Keller Hubacher Architekten einen Abdankungsraum in die alte Ofenhalle eingefügt. Der eindrucksvolle neue Platz vor dem Haus stiftet der Anlage einen neuen Ort der Zusammenkunft.

Der Abbruch alter Ofenhäuser eröffnet Blickbezüge, schafft Übersicht und einen Platz als neuen Versammlungsort auf der Friedhofanlage.
Bild: Jürg Zürcher

werk-material 02.02 / 764

Antike Mitte

Christoph Ramisch, Roland Bernath (Bilder)

Schulanlage Feldmeilen (ZH) von Neon Deiss

Den zentralen Angelpunkt von alter und neue Schulanlage bildet der gemeinsame grüne Innenhof.
Bild: Roland Bernath

werk-material 02.02 / 765

Der siamesische Zwilling

Daniel Kurz, Jürgen Beck (Bilder)

Volksschule Marzili in Bern von Wolfgang Rossbauer und Hull Inoue Radlinsky

Die diagonale Setzung der Schule vermeidet Frontalität. Eine offene Laube verbindet als Schwelle das Haus mit dem Park und der Stadt.
Bild: Jürgen Beck

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