3 – 2020

Für das Klima

In den letzten Jahren sind auf der Suche nach authentischen und gleichzeitig ökologischen Konstruktionsweisen zahlreiche alte Baustoffe neu entdeckt worden. Auch sie zunächst in Form von Verkleidungen, Platten oder Anstrichen: Lehm, Kalk, Wolle, Hanf und Stroh – als Alternativen zu Styropor und Plastikfolien. Neuer ist das Bemühen, auch im Bereich der Primärkonstruktion Alternativen zu finden. Alternativen auch zum komplizierten Schichtenaufbau von Fassaden, deren Ausdruck nichts mehr mit der konstruktiven Realität zu tun hat. Ihnen widmen wir dieses Heft. Wir präsentieren konstruktive Konzepte, die sich lange vergessener Materialien bedienen und diese auf neue, zeitgenössische Weise und im grösseren Massstab tragend einsetzen. Manche dieser Bauweisen prägen den Entwurf grundlegend mit ihrem sperrigen Eigensinn, und gerade dadurch liefern sie der Architektur interessante Themen. Alle stehen zudem explizit im Dienst einer breit verstandenen Nachhaltigkeit: sie kommen mit wenig CO₂ aus, sind dauerhaft und altern in Würde, sie sorgen für ein ausgeglichenes und gesundes, schadstofffreies Innenraumklima – und lassen Ausdruck und Konstruktion wieder näher zusammenrücken. Wir plädieren für Bauweisen, die Klima und Ressourcen schonen mit der Ambition, für die Architektur auch einen Ausdruck zu finden, der Dauerhaftigkeit beanspruchen kann.

Leseprobe

Eigensinn des Materials

Wiederentdecktes Bauen mit Stein

Valéry Didelon

Naturstein als tragendes Material von Fassaden und ganzen Konstruktionen erlebt gegenwärtig eine Renaissance. Dem Pionier Gilles Perraudin aus Lyon folgt eine jüngere Generation, die in Paris auch Sozialwohnungsbauten in Stein erbaut. Dabei diktiert das Material dem Entwurf seine eigene, oft klassisch anmutende Logik. Bewohnerinnen schätzen das ausgeglichene, im Sommer kühle Raumklima und die konkrete Nachvollziehbarkeit der Materialherkunft.
Originaltext Französisch

Im Pariser Wohnhaus von Barrault Pressacco bestehen Hof- wie Strassenfassade aus tragenden Natursteinblöcken mit facettierten Fensterleibungen. Über den Terrassen übernehmen Stürze aus geschliffenem Beton die grössere Spannweite.
Bild: Maxime Delvaux

Im Kontext der Stadt

Wohnhaus mit Steinfassade in Paris von Barrault Pressacco

Das Natursteinhaus fügt sich in die Haussmannsche Strassenflucht ein.
Bild: Giaime Meloni

Tragender Stein

Wohnhäuser ganz aus Stein in Plan-les-Ouates GE von Atelier Archiplein und Perraudin architecture

Schwere, teils über 2 Meter lange Kalkblöcke warten auf ihren Einsatz. 
Bild: Leo Fabrizio

Klassisch und nachhaltig

Haus in Montélimar (F) von Perraudin architecture

Aussenwände und Säulen sind aus schweren Kalkblöcken gefügt. 
Bild: 11h45

Lehm zweischalig

Firmenzentrale in Darmstadt von Haas Cook Zemmrich Studio2050

Roland Züger, Roland Halbe (Bilder)

Der Anspruch der Nachhaltigkeit führte dazu, dass der Firmensitz von Alnatura in Darmstadt von Haas Cook Zemmrich Studio2050 mit tragenden Wänden aus Stampflehm geplant und gebaut wurde. Die gedämmte, zweischalige Konstruktion sprengt in ihrer Grösse und Komplexität die bisherigen Massstäbe des Bauens mit Lehm. Den 500 Mitarbeitenden bietet sie ein hervorragendes Innenraumklima, der Firma eine glaubwürdige Repräsentation und der Umwelt eine CO₂-arme und recyclierbare Bauweise.

Auf einem Dämmbetonsockel ragt die vorgefertigte Lehmwand mit zwei Schalen und einer Kerndämmung aus Schaumglasgranulat in die Höhe. Zwei freigespielte Reihen Schleuderbetonstützen tragen die Betondecken. An ihnen ist die Fassade mit Gewindestangen rückverankert. Aussen bremsen Trasskalkschichten ablaufendes Regenwasser, an der Innenschale sind Heizrohrschlaufen eingestampft.
Bild: Roland Halbe

Lehm in Lyon

L’Orangerie in Lyon-Confluence von Clément Vergély, Joud Vergély Beaudoin und Diener & Diener

Bauzustand ohne Fenster, Herbst 2019
Bild: Fabrice Fouillet

In sich ruhend

Vollholz als Strick- und Elementbau

Eva Stricker, Sven Schönwetter (Bilder)

Das Mehrfamilienhaus von Capaul & Blumenthal in Bonaduz weist der traditionellen Bauweise aus massivem Holz den Weg über die Enge der Bergregion hinaus. Die begrenzten Raum- und Öffnungsgrössen der Strickbauweise werden dabei geschickt überspielt; Holzdämmung, Lehmputz und Lehmboden sorgen für ein hervorragendes Raumklima.

Eine offene Loggia trennt den vorderen vom hinteren Hausteil; sie dient als Erschliessung und gedeckter Aussenraum für alle Bewohner.
Bild: Sven Schönwetter

Vollholz

Wohnhaus Küng in Alpnach aus Massivholz-Elementen mit Kern aus Stampflehm von Seiler Linhart Architekten

Aussenansicht mit Lauben und Zugläden.
Bild: Rasmus Norlander

Die Welt als Kontext

Dominique Gauzin-Müller und Sascha Roesler im Gespräch mit Tibor Joanelly und Roland Züger

Was lässt sich aus traditionell handwerklichen Konstruktionstechniken für das Bauen lernen? Und was sind die Bedingungen, damit eine breite Neu-Anwendung gelingen kann? Die französische Publizistin und Nachhaltigkeitsexepertin Gauzin-Müller und der Architekturtheoretiker Roesler loten den regionalen und globalen Rahmen aus, in dem sich die Praxis der nahen Zukunft bewegen wird. Nachhaltigkeit wird dabei nicht mehr nur eine Forderung sein, die neben anderem erfüllt werden muss, sondern überhaupt die Grundlage des Entwerfens und Bauens.

«Methode 1»: Zusammenfügen eines Rahmes am Boden; «Methode 2»: Aufstellen und Fixierung der Rahmen.
Bild: Jon Broome, Brian Richardson, The Self Build Book. © Green Books, www.greenbooks.co.uk
Anzeige

werk-notiz

Ein Wettbewerb für junge Architekturkritik! Zum dritten Mal schreibt werk, bauen + wohnen zusammen mit dem BSA den Wettbewerb Erstling aus und lädt junge Autorinnen und Autoren zur Teilnahme ein.

Debatte

Was wäre, wenn die üblicherweise im Keller versorgte Haustechnik zum Gegenstand des Entwerfens würde? Elli Mosayebi hat in einem Semester an der ETH mit ihren Studierenden ausprobiert, auf welche Reisen Licht, Wärme und Luft durch das Haus geschickt werden könnten.

Wettbewerb

Die Dritte Rhonekorrektion stellt ein Jahrhundertbauwerk mit bedeutenden Auswirkungen auf die Landschaft dar. Das Siegerteam aus Frankreich definiert Spielregeln für den Prozess des Wandels.
Originaltext Französisch

Ausstellungen

Frau Architekt kommt nach Zürich ins ZAZ. Die Kuratorin der Ausstellung, Evelyn Steiner, spricht mit Jenny Keller über Genderfragen, Vorurteile und Identitätspolitik. Und über gute Architektur.

Bücher

Dank der wandelbaren Polykatoikies zeigt sich Athen einheitlich als Stadt des 20. Jahrhunderts und gerüstet für die heutige Zeit. Und Buckminster Fullers ökologisches Denken ist aktuell wie nie. Sein Buch Nine Chains to the Moon wurde neu aufgelegt.

Nachrufe

Werner Blaser, 1924–2019
Franz Füeg, 1921–2019

Anzeige

Junge Architektur Schweiz

Leuthold von Meiss

Die Schwestern Nicole Leuthold und Irène von Meiss-Leuthold kennen die Welt aus wechselnden Perspektiven. Ihre Architektur ist komplex und sucht die Widersprüche. Online lesen

Das Haus mit seinen Spuren und baulichen Veränderungen ist für die Architektinnen ein Erinnerungsspeicher. 
Bilder: Matthias Brücke, Judith Stadler (Porträt)

Baumhäuser am Knotenpunkt

Neubauten in der Suurstoffi Rotkreuz von Ramser Schmid und Manetsch Meyer / Büro Konstrukt

Gerold Kunz

Das begrünte Gartenhochhaus Aglaya von Ramser Schmid Architekten bringt eine neue Dichte in den Wohnbereich des Suurstoffi-Areals in Rotkreuz, das als CO₂-neutrales Quartier entwickelt worden ist. Es gesellt sich zum gegenwärtig höchsten Holz-Hochhaus der Schweiz, dem Komplex der Hochschule Luzern von Manetsch Meyer und Büro Konstrukt. In seinem Innern entfaltet sich zwischen Hörsälen eine eindrucksvolle Raum-Landschaft.

Neben Tanklager und Sportanlage findet sich auch das alte Dorfzentrum von Rotkreuz südlich der Gleise. Nördlich des Bahnhofs ist das neue Quartier Suurstoffi mit seinen markanten Türmen für das Wohnen (links) und die Hochschule Luzern HSLU (rechts) gewachsen.
Bild: Zug Estates

werk-material 02.07 / 748

Struktur und Skulptur

Lucia Gratz, Laurian Ghinitoiu (Bilder)

Sportinstitut Le Synathlon der Uni Lausanne von Karamuk Kuo Architekten

La transparence matérielle à l\\\\\\'extérieur est combinée avec la transparence spatiale à l\\\\\\'intérieur
Bild: Laurian Ghinitoiu

werk-material 02.06 / 749

Relief in Aluminium

Daniel Kurz, Markus Käch (Bilder)

Bildungszentrum XUND, Luzern von Metron Architektur

Mit seiner naturfarben eloxierten Aluminium-Rasterfassade besetzt das Bildungszentrum den Raum der Strasse.
Bild: Markus Käch

Lesen Sie werk, bauen + wohnen im Abo und verpassen Sie keine Ausgabe oder bestellen Sie diese Einzelausgabe