Master of his Age

Biografische Betrachtungen zu Denys Lasdun

Florian Dreher, Ioana Marinescu, Lasdun Archive/RIBA Collection (Bilder)

Einst über Le Corbusier mit dem Feuer der Moderne in Berührung gekommen, entwickelt Lasdun in der Nachkriegszeit ein eigenständiges Werk. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens vereinigt er Archaik und Monumentalität auf eine heute wieder bezaubernde Weise.

Die Bauten des Londoner Architekten Denys Lasdun (1914–2001) zählen zu den bedeutendsten Werken der britischen Architektur der Nachkriegszeit. Von den frühen 1950er bis in die späten 1960er Jahre, auf dem Höhepunkt seines Schaffens, gelang es Lasdun, sich durch seine Kultur- und Universitätsbauten international einen Namen zu machen. Während die Protagonisten der britischen Nachkriegsmoderne wie Alison und Peter Smithson oder James Stirling durch zahlreiche Publikationen gut erforscht sind, steckt die Beschäftigung mit Leben und Werk von Denys Lasdun noch in den Anfängen. Lasdun gehört zu jenen Architekten, die ein Bindeglied zwischen der Generation einer heroischen Moderne des CIAM und der reflexiven Architektur des Team 10 bilden. Als Individualist der Londoner Architekturszene gehörte Denys Lasdun nie wirklich einer Gruppierung an – deshalb bezeichnete er sich selbst auch nie als Brutalist.

Lasduns Projekte sind mehrheitlich am Modell entstanden. Im Büro war eigens der Modellbauer Phillip Wood damit betraut: Er steht im Bild oben hinter Denys Lasdun mit Pfeife.

Einflüsse Le Corbusiers

Nach seinem Studium an der Architectural Association in London kam Denys Lasdun durch seine Mitarbeit im Architekturbüro von Wells Coates, einem Vertreter des Neuen Bauens und Freund von Le Corbusier, in Berührung mit der Avantgarde. Durch Coates gelangte er schliesslich auch mit der MARS Group (Modern Architectural Research Group), der englischen Delegation des CIAM, in Kontakt und nahm später als Mitglied an mehreren CIAM-Kongressen teil.1 Seine Moderne-Begeisterung lag im wesentlichen in der Schrift Vers une architecture2 von Le Corbusier aus dem Jahr 1923 begründet. Lasduns Interesse an der Architektur von Le Corbusier ging von Anfang an über eine banale Adaption hinaus. Er suchte nach einer konsequenten Durchdringung der Raumidee des Plan libre und nach Möglichkeiten, wie das Zauberwerk der Promenade architecturale in Kraft gesetzt werden kann. Höhepunkt einer Verarbeitung von Le Corbusier-Motiven ist der Bau des Royal College of Physicians (1958–64) am Londoner Regent’s Park.3 Unweit des grossen Runds des Park Crescent von John Nash aus dem 19. Jahrhundert wusste Lasdun das ehrwürdige Institut mit seinem Zeremoniell in eine moderne Gebäudeform und Raumdramaturgie, beispielsweise mittels einer spiralförmigen Treppe, zu überführen.
Ab 1938 arbeitete Lasdun für die Architektengruppe Tecton unter der Leitung des aus Russland immigrierten Berthold Lubetkin, einer Gruppe, die in England pionierhaft auf dem Gebiet des modernen Wohnungsbaus hervortrat, unter anderem mit dem Apartmentblock Highpoint I (1935) in London. Unterbrochen vom Militärdienst setzte Lasdun nach Ende des Zweiten Weltkriegs seine Tätigkeit fort, bis sich die Gruppe 1949 auflöste.

Die frei schwingende Treppe bildet das Herzstück der Halle und des Zeremoniells der traditionsbewussten Institution des Ärzteverbandes. Der Aufgang in die Beletage gleicht einem Prozessionsweg; das Foyer ist ein einziger grosser Begegnungsort.

Neues Stadtmodell

Zusammen mit seinem damaligen Arbeitskollegen Lindsay Drake führte Lasdun das unter Tecton begonnene Projekt Hallfield Estate im Stadteil Paddington federführend bis zur Fertigstellung 1955 aus. Nicht nur der darauffolgende Streit um die Autorschaft am Projekt zwischen Lubetkin und den beiden jungen Architekten, sondern auch Lasduns Kritik an den formalistischen Ansätzen im Städtebau4 oder in der Fassadengestaltung («pattern design») führten zum Bruch. Daher ist die in direkter Nachbarschaft ausgeführte Hallfield School (1953–55) mit ihrem organischen Aufbau in Form eines Infrastruktur-Rückgrats mit Seitenarmen und angehängten Pavillons5 eine gebaute Kritik an den isolierten Wohnscheiben mit dem dazwischen aufgespannten anonymen Grünraum. Dieses Baumzweig-Motiv mit der Analogie zur Natur diente auch weiteren Projekten als Blaupause, wie den beiden schmetterlingsförmigen Grundrissen der Tower Blocks in der Usk Street (1951–55) im Londoner East End oder der Grossstruktur der University of East Anglia in Norwich (1962–69).
Die MARS Group beschäftigte sich seit der Zwischenkriegszeit mit Studien für ein neues Stadtmodell zur Slumbereinigung des East End in London. In diesem Kontext sind die zwei achtstöckigen Tower Blocks in der Usk Street von Drake und Lasdun ein beachtenswerter Beitrag (vgl. S. 30–35 in diesem Heft). Als High rise und modern Infill inmitten der durch einen Luftangriff aufgesprengten Reihen der typischen Terrace-House-Bebauung ist mit dem Tower Block eine neue Idee von vertikaler Stadt formuliert und zugleich eine Kritik an der Tabula rasa der Moderne. Lasdun verwendete für seine X-förmige Gebäudekomposition aus vertikaler Strasse (Erschliessung und Gemeinschaftszonen) mit angedockten Maisonette-Wohneinheiten den Begriff des Cluster.6
Neben dem sozialen Wohnungsbau umfasste das Werk von Drake und Lasdun in den 1950er Jahren vor allem Ein- und Umbauten kleiner Geschäfte und wenige Neubauten von Warenhäusern (Peter Robinson Store). Ihre «Architektur der Strasse» zeichnete sich durch ihre schwerelose Wirkung mit Hilfe einer in Glas aufgelösten Geschäftszone und eines darüber schwebenden Büroapparats aus.

In Zikkuraten sind die Zimmer der Studierenden untergebracht; Landschaft und Architektur gehen hier eine enge Verbindung ein. University of East Anglia, Norwich. Architektur: Denys Lasdun

Tropische Architektur in Afrika

Unter der Firmierung Fry, Drew, Drake and Lasdun folgten die beiden jungen Architekten dem Ehepaar Maxwell Fry und Jane Drew nach Accra in Ghana, wo Fry einige Zeit seines Militärdienstes verbracht hatte. Dort bot sich die Gelegenheit, am Aufbau der unabhängigen Republik Ghana mitzuwirken. Es entstand eine grosse Anzahl an Bildungsbauten und repräsentativen Einrichtungen, die von Fry und Drew sowie von Drake und Lasdun getrennt
ausgeführt wurden.7
Ihre Architekturen beziehen sich auf ein Vokabular der Moderne und versuchten, auf das vorherrschende Klima mit luftigen Kubaturen, Ornamentbausteinen, unterschiedlichen Brise Soleils und ausgewählten, zum Teil lokalen Materialien zu reagieren. Fry und Drew prägten hierfür den Begriff einer Tropical architecture.8 Charakteristisch für diese Architektur ist der Aspekt der Durchlüftung beziehungsweise der konzeptionelle Gedanke der Zirkulation, der den Gebäudeentwurf auf allen Ebenen durchdringt. Dies kommt auch beim National Museum of Ghana in Accra (1956–57) von Drake und Lasdun zur Geltung. Die schuppig aufgestellten, aneinandergereihten Wandscheiben des sechseckigen Grundrisses öffnen oder schliessen sich gegenüber Luftstrom und Sonneneinstrahlung. Eine weit auskragende Deckenplatte ruht auf dem eingeschossigen Museumsbau und spendet Schatten. Darüber thront eine vorfabrizierte Gitterschale als Kuppel. Dem Bau folgten unter anderem ein tempelartiger Neubau mit Kolossalfassade für die Ghana Commercial Bank (1957–58) in Takoradi, New-Town-Planungen mit Hofhausgruppen sowie einige Schulbauten, unter anderem die Mfantsipim School in Cape Coast (1958).9

Eigener Kanon

Nachdem Fry und Drew den Ruf von Le Corbusier erhalten hatten, nach Chandigarh überzusiedeln, lösten sie die Bürogemeinschaft auf.10 Die Afrika- Projekte beschreiben trotz ihrer positiven Besprechungen in den englischen Magazinen nur eine Etappe auf der Suche nach einer Architektursprache, die Lasdun schliesslich mit dem National Theatre fand. Mit den sogenannten Strata, geschichteten Ebenen und Terrassen in Analogie zur Geologie, reduzierte sich Lasduns Vokabular in besonderem Masse auf wenige markante und ausdrucksstarke Elemente. Sie tauchten bei diversen Projekten auf, etwa beim Büro- und Wohngebäude am Parliament Square (1962) oder beim IBM-Gebäude (1978–83) in direkter Nachbarschaft des Theaters. Die langjährige Arbeit am National Theatre (1963–76), die damit einhergehende Konzentration auf nur ein Projekt, wechselnde Bürogemeinschaften, Zwist um die Autorschaft, die Unlust an der Teilnahme an Wettbewerben und an der Zusammenarbeit mit anonymen Bauherren mögen eine Vielzahl von Gründen bieten, die danach zu einem Bruch im Spätwerk geführt haben.

Ausladende Terrassen und markante Treppenund
Bühnentürme formen eine einprägsame Festarchitektur am Südufer der Themse. National Theatre, London. Architektur: Denys Lasdun

Rückbesinnung im Spätwerk

Es ist interessant zu bemerken, dass Lasdun trotz seiner Verdienste für die britische Architekturdiskussion seit den 1980er Jahren keine wesentliche Rolle mehr spielte. Die vereinzelten Teilnahmen an wenigen, aber hochdotierten Wettbewerben, wie etwa für die Erweiterung (Sainsbury Wing) der National Gallery am Trafalgar Square (1982–83), brachten stets ein unbefriedigendes Abschneiden ohne Platzierung. Seine bis dahin praktizierte archaische, plastische Architektursprache wich einer Rückbesinnung auf die klassische Moderne, mit glatten Oberflächen und kühlen Materialien. Lasduns Bürobauten Fenchurch Street (1971–85) und Milton Gate (1986–89) in der Londoner City zeigen eine unauffällige Architektur, zum Teil mit historischen Zitaten versehen, im Spannungsverhältnis von High Tech und Postmoderne.
Es scheint, als suchte Lasdun einen Mittelweg. Weder konnten seine Bauten zeichenhafte Konstruktionssysteme wie bei Richard Rogers Lloyd’s Building vorweisen, noch konnten sie mit ironischem Zierwerk aufwarten wie bei Venturi und Scott Browns National-Gallery-Erweiterung. Bestenfalls können Lasduns Bemühungen als Versuch zur lokalen Verwurzelung der Postmoderne gedeutet werden, die sich eventuell der amerikanisch geprägten Hochhausarchitektur von Canary Wharf entgegensetzen sollte.
Öffentliches Interesse und eine breite Aufmerksamkeit wurden Lasdun durch das rabiate Urteil über das National Theatre als «Atomkraftwerk inmitten der Stadt» durch Prinz Charles zuteil. Während einer Festrede anlässlich der Feierlichkeiten des Royal Institute of British Architects 1984 kanzelte der Thronfolger in spöttischer Manier die Architektur mancher Anwesender ab.11 Lasdun, einst für das National Theatre durch die Queen geadelt und von der scharfen Kritik getroffen, erhielt daraufhin viel Zuspruch von Kollegen. Die anhaltende Auseinandersetzung veranlasste ihn zu einem Fernsehauftritt, um seine Konzeption der breiten Öffentlichkeit zu erklären.12
Als sich dann in den 1990er Jahren eine Gruppe junger Architekten versammelte, um über eine zukünftige Architektur nach Thatcher13 zu diskutieren, war das Werk Lasduns wiederum kaum mehr ein Thema. Eine Rezeption bleibt bis heute aus. Die jüngeren Kollegen erlagen damals wie auch gegenwärtig vielmehr dem Mythos der Smithsons und deren Sichtweise einer As-found-Philosophie

Eine mächtige Stahlbeton-Tragstruktur formt den Raum; die feine Glaswand teilt nur beiläufig zwischen aussen und innen. National Theatre, London. Architektur: Denys Lasdun

Florian Dreher (1977) studierte an der UDK Berlin und arbeitete 2005–08 bei Léon Wohlhage Wernik Architekten in Berlin. 2008–10 Wissenschaftlicher Angestellter am Fachgebiet Architekturtheorie, Karlsruher Institut für Technologie. Er lehrte Architekturgeschichte und -theorie an der UdK Berlin (2008) und RWTH Aachen (2014–15). 2013–14 Redaktor bei archithese. Schreibt derzeit eine Promotion zum Brutalismus

1 Lasdun beteiligte sich an einer von der MARS Group organisierten Wanderausstellung zum Werk von Le Corbusier in London 1956/57.
2 Die englische Übersetzung Towards an Architecture erschien 1928.
3 Der Kunsthistoriker Nikolaus Pevsner bezeichnete 1966 das Royal College of Physicians aufgrund der Corbusier–Rezeption als das erste postmoderne Gebäude.
4 Eine zufällige Gegenüberstellung als gebaute Kritik ist später zwischen dem Tower-Block-Modell in der Usk Street mit dem Cranbrook Estate, Roman Road (1955–65) ein Spätwerk von Skinner, Bailey & Lubetkin mit der Idee der «offenen Stadt» zu bemerken.
5 Lasdun formulierte diesen Ansatz einer «organisation des espaces vertes» bereits für den 7. CIAM Kongress in Bergamo 1949, was ihm ein schriftlich fixiertes Lob Le Corbusiers mit «Bravo Lasdun!» auf seinen Skizzen bescherte.
6 Entlehnt vom amerikanischen Stadtplaner Kevin Lynch hielt der Begriff Einzug in die britische Urbanismusdiskussion der Nachkriegszeit. Zwischen Denys Lasdun und Reyner Banham kam es zu Unstimmigkeiten in Bezug auf die erstmalige Verwendung des Cluster-Begriffs, weil Banham in seinem Buch The New Brutalism. Ethic or Aesthetic? (1966) diesen Alison und Peter Smithson zuschrieb.
7 Zwischen Fry, Drew und Lasdun kam es 1979 zum Streit über die Autorschaft der Bauten in Afrika. Diese wurden im Rahmen einer Monografie über Fry, Drew, Knight & Creamer komplett in Beschlag genommen, ohne Drake und Lasdun namentlich zu erwähnen. Siehe Lasdun Archive / RIBA: LaD / 249 / 2.
8 Vgl. Iain Jackson, Jessica Holland, The Architecture of Edwin Maxwell Fry and Jane Drew. Twentieth Century Architecture, Pioneer Modernism and the Tropics, Surrey 2014. Siehe auch: Recent Work by Fry, Drew & Partners and Fry, Drew, Drake & Lasdun in West Africa, in: Architectural Design, 5 – 1955, S. 137 – 74.
9 Nationalmuseum und Schule sind publiziert in: Manuel Herz et. al., African Modernism, Zürich 2015.
10 Bis in die frühen 1960er Jahre tauchen die Arbeiten aus der Afrika-Periode im Werkverzeichnis von Lasdun auf, bis sie aus unbekannten Gründen aus den Listen verschwinden. Lasdun pflegte eine strenge Auswahl seiner Werke und kontrollierte stets auch die Bildregie aller Veröffentlichungen. Viele Autoren, die über sein Werk schrieben, haben diese reduzierte Sicht und Auswahl übernommen.
11 Vgl. HRH Prince of Wales, Die Zukunft unserer Städte, München 1995. Siehe auch Lasdun Archive / RIBA: LaD 444 / 6 – 9.
12 Sendung Omnibus: Second Chance, ausgestrahlt am 8. September 1989 auf BBC 2.
13 Stephen Bates erwähnt Tony Fretton, Adam Caruso, Peter St John, Mark Pimlott, Jonathan Sergison, Irenée Scalbert, David Adjaye, Jonathan Woolf, Ros Diamond, Brad Lachore, Juan Salgado, Vgl. Stephen Bates, Das Erbe, in der deutschen Ausgabe: Sergison Bates Architects, Aufsätze 3, Luzern 2016, S. 194.

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